|
|||||||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||||||
|
Psychotherapie
exklusiv |
|||||||||||||||||||
|
Schulstress macht immer mehr Lehrer krank: Anstieg von Depressionen, Burn-Out, Alkoholismus und zunehmende NachwuchssorgenBerlin/Bielefeld/Potsdam (21.08.2000) - Für Gerhard Schröder ist mancher Lehrer schlicht ein "fauler Sack". Für Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sind die rund 700.000 Lehrer in Deutschland wegen der langen Schulferien Weltmeister im bezahlten Urlaubmachen. Hundt möchte die Lehrer deshalb zwangsverpflichten: Zur Computer-Fortbildung, zu Praktika in der Wirtschaft oder zur Produktion im Betrieb - wie einst in der DDR.Der Beifall der Öffentlichkeit ist ihm sicher. Weil jeder aus Erfahrung "seine" Lehrer kennt, eignet sich kaum ein anderer Berufsstand so für Spott und Häme. Doch das schlechte Image schadet bei der Nachwuchssuche. In Deutschland werden langsam die Pädagogen knapp: Durch Pensionierungen werden zwischen 2005 und 2010 im Westen 120.000 Stellen frei, im Osten 35.000. Für ihren Ersatz gibt es viel zu wenig Lehramtsstudenten, rechnet der Bildungsforscher Klaus Klemm vor. An den Berufsschulen kommen bald vier freie Stellen auf einen Bewerber. Deutlichen Mangel sieht Klemm auch an den Grund- und Hauptschulen, ebenso an den Realschulen voraus. Die Lehrer selbst tun ein übrigens, um Vorurteilen Nahrung zu geben: Von allen Beschäftigten im öffentlichen Dienst haben sie den höchsten Krankenstand. 81 Prozent scheiden bereits vor Erreichen der Altersgrenze dienstunfähig aus. Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen machen die Lehrer im Schnitt schon mit 56 Jahren Schluss, andere Beschäftigte erst mit 58. Weil ab dem nächsten Jahr bei Frühpensionierung ein Abschlag gilt, sind die Anträge auf Anerkennung der Dienstunfähigkeit im gesamten öffentlichen Dienst sprunghaft gestiegen, besonders aber bei den Lehrern. Dabei verdienen deutsche Lehrer deutlich mehr als die meisten ihrer Kollegen in Europa. Doch ein starres Beamten-, Besoldungs- und Schulrecht geben wenig Chancen für individuelle Berufslaufbahnen und Wechsel in andere Beschäftigungen: Einmal Lehrer, immer Lehrer. "Über 30 Jahre Grundschule und immer nur kleine Kinder - das hält kaum ein Mensch ein ganzes Berufsleben ohne größere Schäden aus", konstatieren Arbeitspsychologen. Und der immer braun gebrannte Mathepauker, der ab mittags regelmäßig auf dem Tennisplatz anzutreffen ist, verdient genauso viel wie der engagierte Pädagoge, der jede Schulstunde sorgsam und mit viel Liebe vorbereitet. Ansätze in den Ländern, nach der letzten Dienstrechtsreform wie in Behörden auch an Schulen Leistungszulagen einzuführen, werden von den Lehrer-Gewerkschaften äußerst kritisch beachtet. Am Widerstand der Verbände scheiterte in Bremen der Versuch, durch individuellere Pflichtstundenvorgaben mehr Arbeitszeit-Gerechtigkeit zwischen belasteten und weniger belasteten Lehrern zu schaffen. Das Durchschnittsalter der Lehrer in Deutschland nähert sich der 50. Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Eva- Maria Stange, möchte altgedienten Pädagogen auch den freiwilligen Wechsel in andere Beschäftigungen des öffentlichen Dienstes ermöglichen. Doch für solche Forderungen erntet Stange nicht nur Lob. Die Lehrerschaft ist wie kaum ein anderer Berufsstand in einer fast unüberschaubaren Fülle von Einzel-Organisationen aufgesplittert. Dass die Lehrerarbeit heute ungleich härter geworden ist, ständig neue Anforderungen aus der Gesellschaft an die Schule gestellt werden und die Lehrer nicht nur Wissensvermittler, sondern Ersatz-Erzieher und oft auch als Sozialarbeiter einspringen - das ist unstrittig. Die Lehrer stünden vor vielerlei neuen psychischen Belastungen, wie gestiegener Gewaltbereitschaft junger Menschen, Drogenkonsum schon bei Kindern und dem Rückzug vieler Eltern aus Erziehungsverantwortung, sagte der stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Beamtenbundes (DBB), Peter Heesen. Er warnte vor einer Neidkampagne gegen Lehrer. Von der unterrichtsfreien Zeit als "bezahlte Ferien" der Lehrer zu sprechen, in denen "Betriebspraktika" abzuleisten wären, sei nur als blanker Populismus zu bezeichnen Die Kultusminister wollen jetzt dem so oft gescholtenen Berufsstand Mut machen. Für ihre nächste Konferenz in Bremen bereiteten sie eine große Deklaration über das Lehrer-Ethos im Jahr 2000 vor. Erstmals wollen darin Arbeitgeber und die Vorsitzenden der Lehrergewerkschaften gemeinsam die Anforderung an ein verändertes, modernes Berufsbild der Pädagogen formulieren. Vom Bild des schrulligen "Lehrer Lempels", dem Wilhelm Busch einst so prägend karikierte, ist dabei nichts mehr übrig geblieben. Vielmehr macht die Situation an deutschen Schulen nach Erkenntnissen von Experten die Lehrer immer häufiger krank. "Aus gesundheitlichen Gründen ist bundesweit die Hälfte aller Pädagogen mit 60 Jahren nicht mehr im Beruf", sagte der Bielefelder Gesundheitswissenschaftler Klaus Hurrelmann in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Bis zur Pensionsgrenze von 65 Jahren sei kaum noch ein Lehrer im Amt. Nach einer Untersuchung der Universität Potsdam haben Lehrer ein deutlich erhöhtes Gesundheitsrisiko. Eine Untersuchung im Zeitraum 1995 bis 1999 ergab, dass der Anteil an Personen mit Gesundheitsrisiken bei Lehrern mit 70 Prozent im Vergleich zu anderen psychosozialen Berufsgruppen überproportional hoch ist. Die Gründe hierfür reichten von Verausgabung bis Resignation. 40 Prozent der Lehrer passten in das Risikomuster A. Bei dieser Gruppe seien im Vergleich zu anderen die Bedeutsamkeit der Arbeit, die Bereitschaft zur Verausgabung und das Perfektionismusstreben am stärksten ausgeprägt. Sie könnten am schwersten Abstand zu den Berufsproblemen gewinnen. Die Gruppe habe ein erhöhtes Herz- Kreislauf-Risiko. 30 Prozent der Lehrer gehörten zur Risikogruppe B, in der die subjektive Bedeutsamkeit der Arbeit und beruflicher Ehrgeiz vergleichsweise gering ausgeprägt sei. "Resignation, Motivationseinschränkung, herabgesetzte Widerstandsfähigkeit gegenüber Belastungen und negative Emotionen herrschen dagegen vor", heißt es. Insgesamt wurden 1.000 Lehrer und Studierende befragt. Vor allem der Lärm, der in den Pausen mit bis zu 90 Dezibel weit über den Lärmschutzbestimmungen liege, mache den Lehrern zu schaffen. Auch der Dauerkontakt mit einzelnen, an Infektionen erkrankten Kindern verursache gesundheitliche Probleme. Als besonders alarmierend bezeichnete Hurrelmann die psychischen Belastungen, denen die Pädagogen ausgesetzt seien. "Die Lehrer stehen ständig unter hohem Zeitdruck, müssen sich pro Vormittag auf bis zu 150 Kinder einlassen und werden häufig mit der Aggressivität der Schüler konfrontiert", betonte der Gesundheitswissenschaftler. Hinzu komme das Fehlen von Erfolgserlebnissen und die permanente Angst, die Kontrolle über die Situation im Klassenzimmer zu verlieren. Als Folge dieser Belastungen leiden nach den Worten Hurrelmanns immer mehr Lehrer unter Depressionen, Schuldgefühlen und Schlafstörungen. Auch der Missbrauch von Alkohol, Medikamenten und Drogen sei in Lehrerkreisen keine Seltenheit mehr. Hurrelmann kritisierte, dass im Unterschied zu anderen Betrieben in Schulen keine Ärzte für die Regelung von Arbeits- und Gesundheitsbedingungen zuständig seien. "Die Schule ist in Deutschland leider ein arztfreier Raum. Die Ärzte greifen erst dann ein, wenn es zu spät ist und eine Frühpensionierung wegen Depressionen, Burn-Out oder Alkoholismus nicht mehr vermeidbar ist", betonte er. Aus Wissenschaft und Wirtschaft wird unterdessen wiederholt die deutsche Bildungspolitik kritisiert. Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Professor Ernst-Ludwig Winnacker, hielt Staat und Wirtschaft vor, zu wenig in Bildung und Ausbildung zu investieren. "Schulen und Universitäten sind in Deutschland extrem unterfinanziert. Der Zustand vieler Bildungseinrichtungen ist für eine reiche Industrienation unterträglich", sagte Winnacker am Sonntag im Südwestrundfunk (SWR). Der DFG-Präsident forderte stärkeres finanzielles Engagement privater Institutionen für Schulen und Universitäten. Vor allem die Naturwissenschaften müssten stärker gefördert werden. Es gebe eine "Tendenzen der Technikfeindlichkeit in Deutschland", sagte Winnacker. "Immer weniger legen Wert darauf, etwas von Naturwissenschaft zu verstehen." Die wenigsten Schüler wählten ein naturwissenschaftliches Fach als Leistungskurs bis zum Abitur. Der Präsident des Bundesverbandes mittelständischer Wirtschaft, Mario Ohoven, rief zu einem "Unternehmer-Feldzug gegen wirtschaftliches Nichtwissen" an Schulen und Universitäten auf. Es herrsche ein "erschreckender Mangel an Wissen über die Wirtschaft". Ein Großteil der Schulen und Universitäten biete nur noch Mittelmaß und bilde am Bedarf des Arbeitsmarktes vorbei aus. Dem zunehmenden Mangel an Fachkräften stehe ein wachsendes Heer von Arbeitslosen mit geringer Qualifizierung gegenüber, erklärte Ohoven am Wochenende. Deutschland habe seine Spitzenstellung im Bildungswesen verloren. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 21. August 2000] Zum Thema
Monats-Übersicht
Psychotherapie Reports |
||||||||||||||||||
|
Impressum |
|||||||||||||||||||
|
© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
|||||||||||||||||||