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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Der tägliche Kindesmissbrauch - Kinder als Köder "wie eine Schnapspraline für Alkoholiker"

Münster/München (29.08.2000) - Einfach süß: Säuglinge, Babys und lachende Kinder mit unschuldigen großen blauen Augen. Die Werbewirtschaft weiß um die positive Wirkung solcher "Schnappschüsse" von den niedlichen Kleinen auf das Konsumverhalten der Großen. Kinder als Köder für Werbezwecke werden in Deutschland jedoch zunehmend kritisch betrachtet. Kürzlich protestierte die Landesärztekammer Stuttgart gegen eine Kampagne eines Privatsenders. Das Radio hatte auf Plakaten mit einem an Nase und unterhalb der Unterlippe gepiercten Baby von sich Reden gemacht.

Sparkassen warben wiederholt mit Säuglingen ("Warten Sie nicht, bis er für Sie sorgt") - auf Papas Arm, nackt am Strand oder im Mafiosi-Outfit. Auch die Auto- sowie die Kosmetikhersteller entdeckten ihr Herz für Kinder. Nach Angaben des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB) Hannover werden "immer mehr kleine Kinder zu Werbeaufnahmen verpflichtet". Das gelte für das Fernsehen ebenso wie für Anzeigen.

Dabei würden die Kinder als Vehikel benutzt, schilderte DKSB-Sprecherin Gabriele Wichert. "Die eigentliche Zielgruppe sind aber die Erwachsenen." Walter Wilken, seit 20 Jahren DKSB-Geschäftsführer, spricht unverblümt von einem "Missbrauch der Kinder mit dem Ziel der Umsatzsteigerung bei Produkten aller Art, also keineswegs nur bei Artikeln für Kinder." Die Kinder hätten das Produkt "sympathisch" darzustellen. Hierzu müssten sie sich meist unnatürlich verhalten. "Sie werden also psychisch verbogen."

Am schlimmsten aber findet Wilken "die Werbemasche mit sexualisierten Kindern." Geradezu "perfide" nennt der Wirtschaftspsychologe Alfred Gebert von der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Münster die Darstellung kleiner Mädchen als "Lolitas" mit allen Attributen des Sexappeals. "Über Umwege wird hier die Toleranzschwelle herabgesetzt - eine Gefahr besonders für die vielen Pädophilen, die so eine ähnliche Initialzündung erleben können wie Alkoholiker bei der berühmten Schnapspraline."

Die meisten Baby-Bilder werden laut Gebert als lustig empfunden. Eine wachsende Öffentlichkeit reagiere jedoch mit Unbehagen. "Mit den nackten Babys am Strand haben wir tatsächlich jede Menge Ärger gehabt", bekennt Bernd Bördemann vom Kommunikationsreferat des Westfälisch-Lippischen Sparkassen- und Giroverbandes in Münster. "Hauptsächlich wurde uns ein sexistischer Ansatz vorgeworfen."

Ein "emotionaler Zugang zur menschlichen Psyche" sei über Kinder leichter herzustellen", weiß Diplompsychologe Steffen Fliegel von der Gesellschaft für Klinische Psychologie und Beratung in Münster. "Angewandt wird im Grunde das gleiche Prinzip wie beim Sex, nur der Kanal ist ein anderer." Der Missbrauch begänne bereits damit, dass Kinder nicht gefragt werden beziehungsweise ihre Meinung nicht sagen könnten. Dass die Werbung trotzdem nicht auf sie verzichten will, liegt nach Fliegels Überzeugung "einfach daran, dass Kinder für Unschuld, Vertrauen, Offenheit, Ehrlichkeit und Lebensfreude stehen".

"Werbung mit Kindern ist harte Kinderarbeit," ergänzt DKSB-Chef Wilken. "Das lässt sich auch durch hübsche Aufnahmen nicht beschönigen." Nach dem Schutzgesetz müssten Kinder bei Werbefotos "gestaltend mitwirken". Hiervon könne aber meist nicht die Rede sein. "Im Normalfall werden die Kinder für einen bestimmten Zweck vereinnahmt." Daher fordere der Kinderschutzbund ein generelles europäisches Arbeitsverbot von Kindern in der Produktwerbung.

Der Werbung selbst hilflos ausgeliefert, werden die Kinder dabei mit ungeeigneten "Kinderprodukten" oft doppelt  missbraucht: Der Konsum spezieller "Kinderlebensmittel" kann nach Angaben der bayerischen Verbraucherzentrale in München zu Gesundheitsschäden führen. Die meisten Produkte hätten einen höheren Zucker- und Fettgehalt als vergleichbare Lebensmittel, warnt die Verbraucherzentrale in München. Ein übermäßiger Genuss könne bei Kindern schlechte Zähne, Übergewicht und später auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen.

Kinder ließen sich besonders leicht von bunten Verpackungen und markigen Werbeslogans der Marketing-Strategen beeinflussen. Mit einer Aufklärungskampagne "Von Milchriegeln, Obstzwergen und Lachbonbons" will die Verbraucherzentrale den kleinen Konsumenten den Unterschied zwischen Werbung und Wirklichkeit deutlich machen und gesunde Ernährungsalternativen vorstellen.

Zumeist vermittle die Werbung mit Kindern ein trügerisches Bild vom Kindsein, bedauert Wilken. Das sei umso fataler, als es viele Erwachsene sehr gern sähen, wenn ihr Kind so wäre oder würde wie das posierende Werbekind, das praktisch selbst zum Produkt werde. "Der besondere Negativeffekt besteht in der Enttäuschung, wenn das eigene Kind dann anders ausfällt", betont Wilken. "Diese Enttäuschung müssen oft die Kinder ausbaden."

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 29. August 2000]

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