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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Der Hunger der Übersättigten - Frankreich im Tagebuch-Fieber intimer Geständnisse

Paris (29.08.2000) - Sie gestehen einfach alles: den Zuschnitt ihrer Unterhose, gesundheitliche Unregelmäßigkeiten, wie viel Körperfett zu viel sie mit sich herumtragen, ihre rechtsextremen Einstellungen und pädophilen Neigungen. Immer mehr französische Schriftsteller offenbaren ihr Privatleben und veröffentlichen ihr "intimes Tagebuch". Im Vergleich zu anderen Gattungen liegt das "intime Tagebuch" stark im Trend. "Die Manie der Tagebücher" schreibt die französische Tageszeitung "Le Figaro", "Der Narzissmus feiert seinen Triumph" heißt es in dem Wochenmagazin "L'Evenement du jeudi".

Das Führen von Tagebüchern hat in Frankreich eine lange Tradition. Die Schriftsteller und Philosophen Michel Eyquem de Montaigne (1533-1592) und Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) benutzten es als Mittel der Selbstanalyse und Selbstbeobachtung. Andere wiederum wählten diese literarische Kunstform, um ihre Beobachtungen, Gedanken und Empfindungen mitzuteilen (Andre Gide, Albert Camus, Julien Green). "Oft wurde in den Tagebüchern das rein Private zurückgedrängt. Heute wird einfach über alles geschrieben, sogar darüber, wie der Morgenstuhlgang war", meint der Literaturkritiker Jean-Francois Kervean. Derselben Meinung ist auch sein Kollege Pierre Marcabru: "Früher interessierte sich der Leser für die intellektuelle Auseinandersetzung des Schriftstellers oder sein Seelenleben. Heute interessiert ihn der banalste Alltag."

Michel Polac, Jean Chalon, Bernard Delvaille, Marc-Edouard Nabe, Renaud Camus und Philippe Sollers heißen die intimen Tagebuchschreiber, die in Mode sind. Sie legen sich auf die Couch und kehren das Innerste nach außen. In "Das ist gestern passiert: Tagebuch 1999" ("C'est arrive hier: journal 1999") berichtet die französische Journalistin und Schriftstellerin Francoise Giroud von ihren Diners mit Freuden, lässt sich über das Wetter aus und beschwert sich über ihren alternden Körper, der langsam das "Zeitliche segnet". In "Das Tagebuch: ausgewählte Seiten (1980-1998)" ("Journal: pages choisies (1980-1998)" zieht Michel Polac Bilanz über sein misslungenes Leben und ergeht sich in Schilderungen pädophiler Erfahrungen.

Woher kommt dieses neu entfachte Interesse am Privatleben der Literaten? "Die Leser haben genug vom Akademismus der großen Romane. Sie suchen einfaches Lesematerial, etwas mit dem sie sich identifizieren können" fachsimpeln Literaturkritiker. "Der französische Leser wird heutzutage von Informationen überflutet. Das unmittelbare Umfeld interessiert ihn, vor allem das der anderen", meinen einige Soziologen und Psychologen.

Die Gründe für die Tagebuch-Manie sind anscheinend unterschiedlich, die Reaktionen darauf offensichtlich nicht: Frankreichs Leser haben Hunger auf intime Geständnisse, die ihnen auch massenweise geliefert werden. Der bekannte Verlag Seuil hat Anfang diesen Jahres eine neue Reihe "Tagebücher" ins Leben gerufen, und "France Loisirs" verleiht seit 1996 den Preis "Intime Aufzeichnungen".

"Selbst Präsidenten haben ein Privatleben", sagte einmal Bill Clinton. Frankreichs neue Generation von Tagebuchschreibern kann - oder will - dies von sich nicht mehr behaupten. Einige Fachleute warnen bereits vor dieser Enthüllungsschriftstellerei: "Die Literatur verblasst ganz vor diesem Alltagsstriptease."

Der amerikanische Schriftsteller Christopher Darlington Morley (1890-1957) empfahl, "Schreibe dein Tagebuch niemals am gleichen Tag. Man braucht länger, bis man weiß, was geschehen ist". In Zeiten der informationellen Überfütterung ist Nachdenken vielen zu anstrengend geworden: Der Wert des Daseins reduziert sich aufs Dabeisein. Inhalte sind beliebig, fast bedeutungslos - nur einfach und am besten nackt sollten sie sein.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 29. August 2000]

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