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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Krankheit in Literatur und Wissenschaft - Ärzte und Psychotherapeuten sollten verschiedene Sprachregister beherrschen

Köln (01.09.2000) Das Lesen zeitgenössischer Literatur kann Ärzten und Psychotherapeuten helfen, ihre Sprachkompetenz zu vervollkommnen: Um möglichst umfassend, differenziert und nicht nur im Sinne der Interessen des wissenschaftlichen Handlungsbereichs über Krankheit sprechen zu können, ist im Grunde eine simultane Beherrschung mehrerer Sprachregister erforderlich. Hierfür kann die Beschäftigung mit moderner Literatur sensibilisieren. Das betont Petra Kundmüller in einer Analyse, die sie am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität zu Köln angefertigt hat.

Die wissenschaftlich-medizinische Fachsprache ist unabdingbar für den fachlichen Dialog zwischen Ärzten. Sie erlaubt es ihnen, sich mit klar definierten Begriffen über Krankheitsbilder, Diagnosen, mögliche Ursachen und wirksame Therapien auszutauschen. Erst so werden Forschung und Fortschritt möglich. Im Gespräch zwischen Arzt und Patient jedoch kann die Verwendung der Fachsprache unangemessen sein und die Kommunikation behindern.

Patienten, die von ihrem Arzt informiert und beraten werden wollen, können sich ausgeschlossen und ausgeliefert fühlen, wenn sie seine Sprache nicht verstehen. Zudem drückt sich in der Art, wie über Krankheit gesprochen wird, auch eine bestimmte Sichtweise aus, die bei Arzt und Patient häufig nicht übereinstimmt, so dass die ärztliche Einordnung und Behandlung einer Krankheit leicht am Bedürfnis des Patienten vorbei zielen kann.

Krankheit wird in der gegenwärtigen Literatur häufig thematisiert. Dies ist Ausdruck des Bedürfnisses von Menschen, über die individuelle Bedeutung dieser immer präsenten Bedrohung zu sprechen. Literatur hat gegenüber wissenschaftlicher Kommunikation den Vorteil, dass sie nicht konkret zweckgerichtet ist. Aus ihr müssen keine Prognosen oder Handlungsanweisungen abgeleitet werden, und sie muss nicht intersubjektiv überprüfbar sein. Deshalb kann sie sich erlauben, unverbindlich und unvollständig, sogar unverständlich zu sein - auch darin kann für den Leser eine Aussage liegen.

Zugleich vermag Literatur aber Phänomene in ihrer ganzen Komplexität und Kompliziertheit beschreiben. So kann sie Krankheit unter jedem beliebigen Aspekt thematisieren: Sie kann die Frage nach dem persönlichen Sinn einer Erkrankung stellen, sie kann auch nicht-medizinische Bezüge zur Biographie des Kranken sowie zu seiner Familiengeschichte herstellen, und sie kann das Thema auch unter religiösen oder philosophischen Gesichtspunkten betrachten. Die Beschäftigung mit Literatur ermöglicht also eine Auseinandersetzung mit Aspekten des Themas Krankheit, die in der wissenschaftlichen Sprech- und Denkweise nicht immer ausreichend Berücksichtigung finden. Beide Sprachformen, Wissenschaft und Literatur, haben ihre Berechtigung und können sich, so Kundmüller, gegebenenfalls ergänzen.

Kundmüller, die sowohl Medizinerin als auch Philologin ist, weist auf ein Charakteristikum von Sprache hin, das für Literatur und Wissenschaft gleichermaßen gilt: Weder die eine noch die andere sprachliche Form steht in einem reinen Abbildungsverhältnis zur Realität. Diese Tatsache ist für literarische Texte umso offensichtlicher, je fiktiver sie sind: Erst durch die Sprache wird die beschriebene Welt erschaffen. Ähnliches gilt aber auch für solche Texte, die streng abbildend anhand eines Wirklichkeitsausschnittes gestaltet wurden, denn die Wahl des Ausschnittes wird vom Autor getroffen, und die Perspektive der Beschreibung ist nicht unabhängig von ihm zu denken. Gerade die zeitgenössische Literatur führt dieses Phänomen immer wieder vor Augen, indem sie beispielsweise mit dem Erzählerblickwinkel spielt, gegensätzliche Aussagen über Ereignisse nebeneinander stellt und den Leser in Bezug auf den Wahrheitsgehalt des Erzählten verunsichert.

Die Unmöglichkeit objektiver Betrachtung und Beschreibung gilt auch für die Wissenschaft und ist schon seit längerem Gegenstand wissenschaftstheoretischer Diskussionen. So ist es für eine gelungene fachliche Kommunikation über Krankheiten zwar notwendig, diese einheitlich zu systematisieren und Krankheitsbilder zu definieren, aber solche Systematiken und Definitionen sind nicht die Realität, sondern lediglich eine Betrachtungsweise derselben. Das zeigt sich besonders in der Grauzone zwischen Gesundheit und Krankheit. Die Übergänge sind hier fließend, und eine Kategorisierung als krank oder gesund kann für einen Patienten gravierende Folgen haben.

Im medizinischen Alltag wird dies häufig übersehen, da die Fachsprache für die im medizinischen Bereich Tätigen weitgehend selbstverständlich geworden ist. Sie wird als eigentlich angemessene Form des Sprechens über Krankheit hingenommen und deshalb nicht weiter reflektiert. Erreicht die Sprache jedoch den Patienten nicht, wird der therapeutische Erfolg gemindert oder sogar verhindert.

Als Beispiel, auf welch vielfältige Weise sich moderne literarische Texte dem Thema Krankheit nähern können, nennt Kundmüller die Romane des Engländers Patrick McGrath. Das Sprechen über Krankheit wird subjektiviert und in den Dienst persönlicher Sinnfindung gestellt. Landläufige Konzeptionen des Krankhaften werden problematisiert oder unterminiert, dadurch wird der ideologische Charakter jeglicher Krankheitsdefinition aufgedeckt.

Zeitgenössische Literatur kann hier möglicherweise eine wichtige Funktion erfüllen. Indem sie die Sprache selbst in den Blickpunkt rückt und Unbegreifliches nicht erklärt, sondern es im strukturellen Zerfall des Textes unmittelbar erfahrbar macht, kann sie den Leser - also auch den lesenden Arzt und Psychotherapeuten - ebenso für seine eigene Sprachform sensibilisieren.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 01. September 2000]

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