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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Lotto erweitert Glücksspielmarkt - "Lotto-Sucht" bereits bei sechs Prozent der in Psychotherapie befindlichen Spielsüchtigen

Münster/Hamm/Bremen (02.09.2000) - Die von Millionen Lottospielern am Samstagabend fieberhaft erwarteten Lottozahlen bekommen Konkurrenz aus eigenen Hause: Auch mittwochs soll es von Dezember an beim Lotto um die großen Millionengewinne gehen. Mit der Zusammenlegung der Samstags- und Mittwochs-Jackpots rüsten die deutschen Lottogesellschaften auf dem expandierenden Glücksspielmarkt in Deutschland auf und setzen noch stärker auf den Wunsch nach Reichtum ohne Mühe.

"Wenn es nur noch einen Jackpot gibt, werde ich genötigt, zwei Mal zu tippen", beschreibt die Mitarbeiterin einer Lotto- Annahmestelle in Hannover das Dilemma der 13 Millionen Samstagslotto-Fans. Dass "ihre" Zahlen am Mittwoch fallen und sie ausgerechnet dann nicht gespielt haben, werden viele Wochenendtipper kaum hinnehmen wollen.

Regelmäßig mit dem Anwachsen des auszuspielenden Jackpots - künftig noch schneller und mit noch höheren Summen - wächst erfahrungsgemäß das Spielfieber in der Bevölkerung. "Wir leben in einer Zeit des expandierenden Glücksspiels", sagte der Bremer Psychologe und Spielsucht-Experte Gerhard Meyer. Wo auf der einen Seite Millionäre gefeiert werden, bleiben auf der anderen Seite hoch Verschuldete zurück.

Doch Marktforschungen zufolge wollen die Lottofans eine höhere Frequenz der Ziehungen und bessere Gewinnaussichten im bislang wenig wahrgenommenen Mittwochslotto, begründet der Sprecher der Westdeutschen Lotterie GmbH, Elmar Bamfaste, die Neuerung. Außerdem dürften die staatlichen Lottogesellschaften das Glücksspiel gemäß ihrem gesetzlichen Auftrag "nicht in andere Kanäle abdriften lassen".

Doch an anderen Kanälen ist der deutsche Glücksspielmarkt längst reich: Neben den 16 Landeslotterien im Deutschen Lotto- und Totoblock wirbt seit mehr als 40 Jahren die ARD-Fernsehlotterie - heute unter dem Titel "Die Goldene 1" - um die Spielfreudigen. Auch die "Aktion Mensch" (früher Aktion Sorgenkind) lebt vom Glauben an das große Glück - mit ihr zahlreiche Projekte der Behindertenförderung. Die Süddeutsche Klassenlotterie (SKL), die Nordwestdeutsche Klassenlotterie (NKL) und die Glücksspirale haben ebenso Anteil am großen Spiel und auch TV-Shows dieser Veranstalter sowie der Sender drehen seit Jahren erfolgreich mit am millionenschweren Rad.

"Sofort den Job aufgeben", wie der jüngste Lottosieger Karl-Heinz, den der 20-Millionen-Segen ausgerechnet während seiner Spanien- Urlaubs erreichte, oder endlich das auf normalem Wege unerreichbare Traumhaus zu kaufen, sind nur zwei Gründe für die Kreuzchen, die die Welt bedeuten können. Andere gehen mit Sportsgeist nach dem Motto "das muss doch zu knacken sein" an das Spiel mit den Zahlenkombinationen heran.

Die Chance auf den Gold-Tipp liegt nach Wahrscheinlichkeits- Rechnungen bei eins zu 14 Millionen. Dennoch hat das Lotto-Glück es in den 45 Jahren seit Beginn des Spiels in Deutschland mehr als 3.000 Menschen erreicht und mit einem Schlag zu Millionären gemacht. Einzelgewinne von bis zu 20 Millionen Mark sind schon da gewesen, der höchste Jackpot der Lottogeschichte stieg 1994 auf 42,3 Millionen Mark. Doch meist müssen sich Tippgemeinschaften den Geldsegen teilen oder - wie bei einer Ziehung mit der seltenen Zahlenreihe 2-3-4-5-6 im vergangenen Jahr - mit 30 anderen, die unabhängig voneinander auf die "kleinen Nummern" gesetzt hatten.

Was für Millionen Menschen nur die Hoffnung auf ein wenig Glück bedeutet, ist für Spielsüchtige ein krankhaftes Phänomen: Ausfüllen des Lottoscheins und das Warten auf den Millionengewinn. Rund sechs Prozent der in Behandlung stehenden Spielsüchtigen nennen Studien zufolge das Lottospiel als ihr Problem, sagte der Psychologe und Spielsucht-Experte Gerhard Meyer. Vor diesem Hintergrund bedeute die zum Dezember geplante Verdoppelung der Ziehungen zum schneller wachsenden Lotto-Jackpot eine Erhöhung der Suchtgefahr für pathologische Spieler.

Potenziell sei die Suchtgefahr beim Glücksspiel mit rascher Spielabfolge - also an Automaten oder am Spieltisch - größer als beim lang gestreckten bisherigen Ablauf des Lottospiels. "Spielsüchtige brauchen den zeitnahen Reiz von Einsatz, Spiel und Ergebnis", sagte der Psychologe und anerkannte Spielsuchtexperte der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS/Hamm).

Doch mit der geplanten Erhöhung der "Ereignisfrequenz" auf zwei gleichwertige Lottoziehungen pro Woche sowie den wachsenden Gewinnaussichten rücke Lotto enger in den Kreis der suchtgefährdenden Glücksspiele. Dramatisch würde es, wenn etwa langfristig noch eine Sonntagsziehung oder - wie in einigen Ländern üblich - die tägliche Ziehung eingeführt würde.

Als spielsüchtig gelten lauten Meyer Menschen, die ihr Lebensglück vom Spielerfolg abhängig machen. Das seien nach Expertenschätzungen zwischen 90.000 und 150.000 Betroffene bundesweit, vermutlich sogar mehr. Unter den Lottospielern seien die so genannten Systemspieler potenziell gefährdeter als die nach eigenen Geburts- oder sonstigen persönlichen Glückszahlen Spielenden. "Sie glauben, den Erfolg mit der Wahl der Zahlen wirklich beeinflussen zu können", sagte Meyer. Bei einem hohen Jackpot und entsprechendem Erfolgsdruck könne das einfache Glücksspiel krankhaft werden.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 02. September 2000]

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