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Alkoholmissbrauch zu großem Teil genetisch bedingt - Konzept der "Suchtpersönlichkeit" in der Psychoanalyse ist abwegigMannheim/Stuttgart (02.09.2000) - Alkoholismus ist nach neuen wissenschaftlichen Untersuchungen zu einem großen Teil genetisch bedingt. "Mehrere Studien sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Alkoholabhängigkeit zu etwa 50 bis 60 Prozent genetisch determiniert ist", sagte der Mannheimer Suchtforscher Karl Mann in einem dpa-Gespräch. Das bedeute jedoch nicht, dass Alkoholismus nicht heilbar sei.Als abwegig erwiesen habe sich nach Aussage von Mann die unter anderem aus der Psychoanalyse stammende Theorie von der "Suchtpersönlichkeit" - dass etwa labile Persönlichkeiten stärker zum Alkoholismus neigten als andere. In der Suchtforschung könne Deutschland wegen geringer Finanzmittel aber nicht mit den USA mithalten. In Deutschland tränken zwischen acht und zehn Millionen der Bevölkerung zu viel Alkohol, sagte Mann, Inhaber des ersten und bisher einzigen deutschen Lehrstuhls für Suchtforschung am Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit. "Etwa drei Prozent der Bevölkerung sind Alkoholiker, etwa fünf Prozent sind Alkoholmissbraucher." Unter dieser Kategorie fassen die Mediziner Menschen zusammen, bei denen hoher Alkoholkonsum bereits Auswirkungen auf Gesundheit, Sozial- und Arbeitsleben hat. "Persönlichkeit und soziale Schicht spielen aber bei der Suchtentstehung keine Rolle", sagte Mann. Dass die Gene ein wichtiger Faktor bei der Suchtentstehung seien, belegten zahlreiche Untersuchungen. Auf genetische Veranlagung deute etwa die Tatsache, dass Alkoholismus in manchen Familien gehäuft auftrete. "Adoptierte Kinder, die Alkoholiker als leibliche Eltern haben, laufen auch in Pflegefamilien ohne Alkoholmissbrauch ein drei bis vier Mal höheres Risiko der späteren Abhängigkeit als andere adoptierte Kinder." Noch nicht bekannt sei allerdings, welche Gene oder welche Kombination von Genen eine Rolle bei der Suchtentstehung spielten, sagte Mann. Eine genetische Veranlagung zum Alkoholismus bedeutet auch nicht, dass die Alkoholabhängigkeit unbesiegbar sei. "Die Therapieerfolge liegen längerfristig bei etwa 40 Prozent. Das ist wesentlich höher als bei manch anderer chronischen Krankheit." Auch an psychophysiologischen Indikatoren lasse sich seit langem die Disposition zum Alkoholismus ablesen, erklärte die Stuttgarter Neurologin und Psychotherapeutin Carmen Heerdegen. Zum Beispiel könne mittels spezifisch aufbereiteter Hirnstromableitungen (sogenannter ereigniskorrelierter Hirnpotentiale) zwischen Menschen unterschieden werden, die wahrscheinlich zum Alkoholiker werden und solchen, die keine Sucht entwickelten. Je früher eine Therapie beginne, umso größer seien die Erfolgschancen. "Angehörige, Freunde, Kollegen und Vorgesetzte, die zuschauen, wie jemand seine Probleme mit Alkohol zu lösen versucht, ohne ihn auf den besseren Weg einer Psychotherapie hinzuweisen, oder die das Suchtverhalten gar decken", sagt die Neurologin, "stoßen den Betroffenen mit ins Unglück". Die Gesellschaft werde ihrer Verantwortung in diesem Bereich noch lange nicht gerecht. Der deutschen Suchtforschung fehle es auch an Geld, beklagte Mann. Während allein das US-regierungseigene National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism (Nationales Institut für Alkoholmissbrauch und Alkoholismus) einen Jahresetat von etwa 400 Millionen US-Dollar habe, fördere die Bundesregierung die Suchtforschung mit insgesamt weniger als zehn Millionen DM im Jahr. "Wir hinken da etwas hinterher," sagte der Wissenschaftler. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 02. September 2000] Buchtipp - und hier können Sie bestellen... Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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