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Wachsender Diät-Wahn: Jede zweite Frau findet sich zu dick - nur die Hälfte aller Magersüchtigen wird geheiltBerlin/Marburg/Heidelberg/Bad Aachen (05.09.2000) - Jede zweite Frau in Deutschland findet sich nach einer Umfrage zu dick. Fast ebenso viele haben bereits eine Diät ausprobiert. Das ergab eine am 04.09.2000 in Berlin vorgestellte Forsa-Umfrage bei 1.000 Frauen zwischen 20 und 60 Jahren, die im Auftrag des Gesundheitsministeriums und der Zeitschrift "Brigitte" erstellt wurde.Gesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne) warnte vor Diätwahn und warb für "Mut zum Genuss". Immer mehr junge Frauen, aber auch Männer litten an gestörten Essverhalten. Essen müsse aber dem Wohlbefinden dienen und Spaß machen, meinte die Ministerin. Angesprochen auf die Frage, ob auch sie sich wie viele andere Frauen wegen ihrer Pfunde mit Diäten quält, antwortete Gesundheitsministerin Fischer auf der Pressekonferenz: "Das sieht man doch, dass ich keine Diät-Fetischistin bin." Aus Angst vor zu viel Pfunden kontrollieren nach der Studie viele Frauen fast ständig ihr Essverhalten und achten permanent auf ihr Gewicht. "Das schlechte Gewissen sitzt immer mit am Tisch", fasst die Studie zusammen. Für 56 Prozent der Frauen sei besonders wichtig, dass Essen nicht dick macht. 47 Prozent hätten sich Ess-Verbote für "alles Fette", Süßigkeiten oder salziges Knabberzeug auferlegt. 88 Prozent empfänden es noch nicht einmal als Diät, wenn sie Schlankheits-Drinks zu sich nehmen, komplette Mahlzeiten ausfallen lassen oder gezielt FdH ("Friss die Hälfte") machten. Zugleich verlören die Menschen ihren Geschmackssinn, warnte der Deutschland-Präsident der Europäischen Union der Spitzenköche (Eurotoques), Ernst-Ulrich Schassberger. "Viele Kinder können schon nicht mehr zwischen sauer und salzig unterscheiden". Fischer warnte vor Ess-Verboten. Bei gesunder Ernährung gehe es nicht darum, sich zu kasteien und tausend Gebote zu befolgen, sondern auf seinen Körper zu hören und ein gutes Gefühl zu entwickeln. Über das Essen und die Figur werden oftmals psychische Probleme kompensiert. Wer Stress und Ärger nicht besser zu bewältigen vermag, sucht die "Ersatzbefriedigung" und kurzfristige Erleichterung im "Frust-Essen". Wer sich selbst nicht anzunehmen und zu akzeptieren vermag, sucht Anerkennung und Bestätigung von anderen zu erhalten - und macht sich so leicht zum Opfer des in den Medien verbreiteten Schlankheits- und Schönheitswahns. Die Konsultation eines Psychotherapeuten mit dem Ziel, sachgerechtere und weniger selbstschädigende Strategien und Techniken zur Problembewältigung zu erlernen, ist der langfristig gesündere und billigere Weg zur Lebensfreude. Dann lässt sich auch die Lust am Essen und am Genuss neu entdecken, wozu Fischer gemeinsam mit der Zeitschrift "Brigitte" und den Eurotoques aufrief. "Wer sich dauernd Crash-Diäten unterwirft, hat gute Chancen, beim Abnehmen zu scheitern. Wer es lässiger angeht, fährt besser", heißt es in einer gemeinsamen Presseerklärung. Seine extreme Ausprägung finde der Diät-Wahn in der Magersucht. Hier sind Früherkennung und frühzeitige psychotherapeutische Behandlung lebensrettend. Denn jede sechste schwer erkrankte Magersüchtige stirbt an den Folgen des Leidens. "Nur bei jeder zweiten gelingt eine vollständige Heilung", teilte Karin Uphoff vom Deutschen Grünen Kreuz am 29.08.2000 in Marburg mit und beruft sich auf eine Studie der Universität Heidelberg. Die Wissenschaftler hatten bei der Studie den Lebensweg von 84 Magersucht-Patientinnen verfolgt, die wegen ihrer Probleme schon einmal in eine Klinik gekommen waren. Rund 21 Jahre nach dem ersten Krankenhausaufenthalt der beobachteten Menschen galt die Hälfte als geheilt. Jede zehnte hatte starke Symptome und jede sechste war an den Folgen der Krankheit gestorben. Als Todesursachen spielten Infektionen, Unterernährung, Wasser- und Elektrolytverlust sowie Selbstmord ein Rolle. Nach Darstellung des Grünen Kreuzes ist bekannt, dass rund zwei Prozent aller heranwachsenden Mädchen an Magersucht leiden. Darüber hinaus gebe es eine hohe Dunkelziffer. Gleichzeitig steige die Zahl übergewichtiger Kinder, Jugendlicher und junger Erwachsener besorgniserregend an, warnen die Ernährungsexperten. Während vor zwölf Jahren noch jedes achte Kind zu den Übergewichtigen zählte, sei inzwischen jedes sechste Kind betroffen. Oft leiden diese Jungen und Mädchen unter psychischen Problemen, weil sie wegen ihres Übergewichts ausgegrenzt werden. Aber auch gesundheitliche Schäden drohen: Aus vielen dicken Kindern werden nach Erfahrung des Deutschen Institutes für Ernährungsmedizin und Diätetik (D.I.E.T.) in Bad Aachen dicke Erwachsene. Diese haben häufig beispielsweise mit Gicht, Herz-Kreislauferkrankungen oder Bluthochdruck zu kämpfen. Eine spätere Fettsucht kündigt sich oft bereits in der Kindheit an. Kritisch seien dabei zwei Altersstufen, so das D.I.E.T. Besonders zwischen dem vierten und achten Lebensjahr sollten Eltern das Gewicht ihrer Kinder im Blick haben, bei Mädchen auch in der Pubertät. Ein Mädchen, dass in dieser Alterstufe zu viele Pfunde zulege, habe oft ein Leben lang damit zu kämpfen. Da in Deutschland inzwischen 60 Prozent der Bevölkerung unter Übergewicht, Adipositas und Fettsucht leiden, richtete das D.I.E.T. ab dem 01.09.2000 die Telefonhotline "Hilfe, ich bin zu dick!" ein. Die Telefonhotline ist eine Dauereinrichtung des Instituts. Viele Crashdiäten bringen Übergewichtigen mehr Gesundheitsgefahren als Nutzen, betonte Klaudia Hörist, ernährungsmedizinische Beraterin des D.I.E.T. Die neue Hotline gibt Übergewichtigen Tipps über den richtigen Weg zur schlankeren Taille. Die Folgen des Übergewichts für das Gesundheitswesen sind enorm: 37 Milliarden Mark müssen die Krankenkassen jährlich für die gesundheitlichen Folgen eines erhöhten Körpergewichts aufbringen, stellte D.I.E.T.-Pressesprecher Sven-David Müller fest. Der Präsident des Deutschen Instituts für Ernährungsmedizin und Diätetik, Professor Dr. Rudolf Schmitz, hatte die Gesamtkosten, die durch Fehlernährung hervorgerufen werden, auf 144,65 Milliarden Mark im Jahr 2000 berechnet. Übergewicht ist einer der wichtigsten Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall, die jährlich rund 350.000 und 250.000 Menschen in Deutschland erleiden. Übergewicht ist weit mehr als ein kosmetisches Problem erläutert Müller, denn Übergewichte sterben deutlich früher als Normalgewichtige. Das Problem Übergewicht, von dem jedes sechste Kind betroffen ist, zeigt sich bei Mädchen häufiger als bei Jungen. Das Präventions-Erziehungs-Programm ergab, dass 2,4 Prozent der Kinder extrem übergewichtig sind. Da es in der Gruppe der Erwachsenen "nur" 0,6 % sind, ist mit einem deutlichen Ansteigen der Übergewichtsproblematik in den nächsten 20 Jahren zu rechnen, so Müller. Das Hauptproblem der Ernährung steckt im Fleischüberkonsum. Obwohl der Mensch zur Gruppe der Alles(fr)esser gehört, verspeist jeder Deutsche im Laufe seines Lebens statistisch 13 Rinder. Täglich 670 Gramm Fleisch, Fisch, Milch und Milchprodukte sowie Eier sind einfach zu viel und 656 Gramm Obst und Gemüse einfach zu wenig für die Erhaltung einer schlanken Linie und Gesundheit. Zusätzlich belasten 32,5 Kilogramm Zucker und 48,9 Kilogramm Fett jährlich die Gesundheit massiv. Die Zahl der übergewichtigen Diabetiker steigt ebenfalls ständig. Inzwischen sind fünf Millionen Menschen in Deutschland durch ihr Übergewicht, Bewegungsmangel und eine genetische Prädisposition an Diabetes mellitus Typ 2 erkrankt. Allein eine Gewichtsreduktion von fünf bis zehn Kilogramm in einem halben Jahr und eine tägliche zusätzliche Ausdauerbelastung führen bei 80 Prozent der übergewichtigen Diabetiker zu einer Normalisierung der Blutzuckerwerte, so die Experten des D.I.E.T. Neben Ballaststoffen bringen täglich 15 bis 20 Minuten Muskelarbeit durch strammes Spazieren gehen, Wandern, Walking, Jogging, Schwimmen oder Tanzen eine Gewichtsabnahme von fünf bis sieben Kilogramm jährlich, beugen dem Jojo-Effekt vor und halten fit und straff. Unter der Nummer 0241-4450600 stehen die ernährungsmedizinischen Berater des D.I.E.T. montags bis freitags von 14.00 bis 17.30 Uhr zur Beantwortung von Fragen zur Verfügung. Die Anrufer müssen lediglich die Telefongebühren tragen, die Informationen erteilen die ernährungsmedizinischen Berater kostenlos. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 05. September 2000] Buchtipp - und hier können Sie bestellen... Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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