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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Risikogeburt belastet Partnerschaft - Selbstbeschuldigung und Kompetenzängste erfordern psychotherapeutische Hilfe

Köln (07.09.2000) Die Geburt eines Risikokindes setzt Partnerschaften einer starken Belastung aus. Die gegenseitig wichtige Unterstützung der Eltern nimmt im Verlauf von wenigen Wochen bereits ab. Zu diesem Ergebnis kommt Thorsten Löhr in seiner Untersuchung, die er in der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität zu Köln erstellte.

Kinder, die durch eine Frühgeburt auf die Welt kommen und unter 1.500 g Gewicht haben, benötigen eine intensivmedizinische Betreuung. Sie verbringen daher einige Wochen auf der Intensivstation, wo sie vom Pflegepersonal rund um die Uhr versorgt werden.

Die Frühgeburt ihrer Kinder versetzt die Eltern häufig in eine schwere emotionale Krise. Es kommt für sie zu einem Mehrfach-Verlust: dem Verlust des Ideal-Selbst als Vater oder Mutter, des Ideal-Kindes, der normalen Endschwangerschaft und Geburt. Viele Mütter erleben einen Schock. "Ich war doch völlig unvorbereitet, was sollte ich jetzt schon mit dem Kind", sind oft ihre Reaktionen.

Durch die verfrühte Elternschaft entsteht bei beiden Elternteilen eine emotionale Belastung. Mehrere Faktoren können beobachtet werden: die Sorge um Überleben und Zukunft des Kindes, Trauer um das erträumte gesunde Baby, die Verunsicherung durch die Trennung vom Kind, Hilflosigkeit und Ohnmacht und Schuldgefühle wegen eventueller Versäumnisse. Des weiteren spielen Deprimiertheit, Überlastung durch vielfältige Anforderungen, Wut und Vorwürfe und Verleugnung der Bedrohung eine wichtige Rolle.

Die Angst um ihre neugeborenen Kinder steht für die Eltern im Vordergrund: "Am Telefon traute ich mich gar nicht zu fragen, ob mein Kind lebt. Ich war davon überzeugt, dass es gestorben ist". Neben der Todesangst kommt auch die Angst vor Behinderung und bleibenden Schäden hinzu. Väter haben in dieser Situation auch Angst um die eigene Frau. Obwohl Väter und Mütter ähnliche Ängste haben, erleben die Mütter diese Ängste intensiver und bedrohlicher.

Trotz vieler Gemeinsamkeiten erleben Mütter und Väter die Frühgeburt ihrer Kinder auf eine unterschiedliche Art und Weise. Während Väter größtenteils verunsichert mitunter gar glücklich nach der Geburt sind, ist ein Stimmungstief bei Müttern zu beobachten. Außerdem reagieren sie emotional heftiger, sind erschrocken oder voller Trauer. Auch beim ersten Kontakt gibt es Unterschiede. Väter können bereits kurz nach der Geburt ihr Kind sehen und es berühren. Aufgrund ihrer schlechten Verfassung sind Mütter in der Regel nicht in der Lage ersten Kontakt zu ihren Kindern sofort nach der Entbindung herzustellen. Da die Entbindungen als Kaiserschnitt zumeist in Vollnarkose vollzogen werden, ist der Eingriff eher mit einer Operation vergleichbar. Die Folge davon ist, dass Mütter mehr unter Trennungsschmerz leiden.

Beide Elternteile wenden in den ersten Wochen nach der Frühgeburt unterschiedliche Bewältigungsstrategien an: Während die Mutter emotional entlastend Zuwendung sucht, gibt sich der Vater optimistisch zupackend. Demzufolge zeigen sich Väter nach einer Frühgeburt ihrer Kinder aktiv, bewältigen ihre Situation problemanalytisch und optimistisch. Die Mütter dagegen geben sich ihrem Schicksal hin und warten die Situation passiv ab. Sie suchen eher Zuwendung und Unterstützung und reagieren emotional entlastender als ihre Partner. Beide unterscheiden sich in der Intensität ihrer Gefühle, wobei Frauen in der Regel betroffener reagieren.

Zusätzlich beobachtet Löhr bei den Müttern Eigenschaften wie Selbstbeschuldigung und Kompetenzängste, die jedoch mit der Zeit nachlassen. Im Abstand von einigen Wochen ändern Mütter ihr Verhalten, indem sie weniger grübeln und analog zu ihren Partnern die Probleme analytisch anzugehen versuchen.

Löhrs Interesse galt der psychischen Situation der Eltern nach einer Frühgeburt, da diese seiner Meinung einen großen Einfluss auf die psychosoziale Entwicklung von Neugeborenen hat. So können partnerschaftliche Probleme, elterliche Depressionen oder Probleme in der Eltern-Kind-Interaktion die kindliche Entwicklung negativ beeinflussen.

Um Entwicklungsdefizite wie z.B. Sprachverzögerungen, allgemeine Schulprobleme oder Konzentrationsschwierigkeiten bei frühgeborenen Kindern zu vermeiden, sollten sich Eltern nicht scheuen, in dieser schwierigen Phase professionelle Hilfe zur emotionalen und psychischen Bewältigung in Anspruch zu nehmen. Je früher dies geschehe, umso geringer sei die Gefahr, dass aus der anfänglichen emotionalen Belastung zusätzliche dauerhafte Probleme in der Eltern-Kind-Interaktion folgten.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 07. September 2000]

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