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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Mehr Drogentote durch mangelnde psycho-soziale Beratung? Fünf Mal mehr Süchtige je Drogen-Praxis in Stuttgart als in der Schweiz

Stuttgart (08.09.2000) - Von Doris Trapmann. Nimmt sich Anton Hönig vom Landeskriminalamt in Stuttgart die Statistik über die Drogentoten vor, runzelt er besorgt die Stirn. Jahrelang war die Zahl rückläufig. Seit 1999 steigt sie im Südwesten wieder. "Über den Grund dieser Entwicklung lässt sich nur spekulieren", meint der Chef der Abteilung, die beim Landeskriminalamt für die Rauschgiftkriminalität zuständig ist: "Rätselraten aber hilft nicht weiter."

Hönig, der bis vor wenigen Monaten die Drogenkriminalität in der Landeshauptstadt bekämpfte, setzt große Hoffnungen in die Studie, die das baden-württembergische Sozialministerium in Auftrag gab. Die Wissenschaftler sollen dabei die "Karrieren" der Drogenopfer unter die Lupe nehmen, Akten von Staatsanwaltschaft und Polizei studieren sowie mit den Angehörigen und den Ärzten der Opfer sprechen. Keine Allgemeinplätze, sondern echte Fingerzeige für die künftige Drogenpolitik verspricht sich auch Baden-Württembergs Sozialminister Friedhelm Repnik (CDU) von den Ergebnissen der Studie, die allerdings erst Mitte kommenden Jahres vorliegen soll.

Ein ganzes Bündel von Ursachen machen Drogenberater dafür verantwortlich, dass die Zahl der Drogenopfer wieder steigt: Unter anderem nennen sie den "Verfolgungsdruck" durch die Polizei und als Folge davon die hektischen Situationen, in denen die Junkies sich ihren Schuss setzen. Zudem sei der Gesundheitszustand der Süchtigen oft labil, der Stoff mit allen möglichen Mitteln und anderen Giften gestreckt. "Das gibt den ausgezehrten Körpern dann den Rest", meint Michael Lohmüller von der Drogenberatung Release in Stuttgart. Viele Drogenberater plädieren deshalb für so genannte Fixerstuben, in denen sich die Junkies mitgebrachten Stoff verabreichen können. Für Repnik allerdings sind solche Einrichtungen ein Signal, das in die falsche Richtung geht. Deshalb lehnt er Fixerstuben ab.

Dass die Polizei durch ihre ständigen Kontrollen mit dazu beiträgt, dass Süchtige sich den goldenen Schuss setzen, lässt Hönig nicht gelten: 80 Prozent der Junkies würden in Privaträumen sterben, viele davon wiederum in ihrer eigenen Wohnungen, der Rest bei Freunden und Bekannten. Der Junkie der sich in der öffentlichen Toilette seine letzte Spritze setzt, sei ein Klischee. Dies habe eine Analyse der Drogentoten in Stuttgart ergeben. Hönig verweist zudem auf eine unterschiedliche Entwicklung in Stuttgart und Mannheim - obwohl die Polizei hier wie dort gleich vehement gegen die Drogenszene vorgeht: In Stuttgart war die Zahl der Drogenopfer von 1998 bis 1999 von 25 auf 39 gestiegen, während sie in Mannheim von 36 auf 24 sank.

Hönig sucht die Ursache für die wieder zunehmenden Zahl von Drogenopfern in der psycho-sozialen Beratung und verweist auf die Schweiz. Nicht die Fixerstuben, nicht die Abgabe von Originalstoffen an die Junkies seien der gravierende Unterschied zum Südwesten, sondern die Relation von Berater zu Süchtigen. Während sich in der Schweiz ein Betreuer um 15 Abhängige kümmere, kämen auf einen Arzt einer Drogen-Schwerpunktpraxis teilweise fünf Mal so viele Süchtige. "Betreuung" müsse dabei zwangsläufig klein geschrieben werden. Die Folge: Zuzüglich zum Ersatzstoff Methadon griffen die Süchtigen auch wieder zum Heroin, um den "Kick" zu bekommen. Viele Drogentote gingen inzwischen auf das Konto dieses so genannten "Beikonsums".

Den Bei- oder Mischkonsum nennt auch Berater Lohmüller als eine mögliche Ursache für die wieder steigende Zahl der Drogentoten. "Aber es gibt auch jede Menge Abhängiger, das sind Bilderbuch-Substituierte", meint er, also Abhängige, die nur die vom Arzt vorordnete Ersatzdroge zu sich nehmen, einen geregelten Tagesablauf, eine Arbeit und auch wieder Freunde haben. Auch Lohmüller befürchtet, dass es der eine oder andere Arzt mit der Sozialbetreuung der Abhängigen nicht so genau nimmt. Die Regel sei dies aber nicht. Auch Fixerstuben können seiner Ansicht nach die Zahl der Drogentoten nicht "gen Null" bringen. Aber eines könnten solche Einrichtungen mit Sicherheit, meint er - nämlich "die Situation entschärfen".

Stichwort: Weiche und harte Drogen

Cannabis gilt als weiche, Heroin und Kokain als harte Droge. Viele Experten halten die Einteilung in diese Kategorien für wenig sinnvoll, da sie für die Ursachen und Folgen der Sucht unerheblich ist.

Aus den Blätter und Stängelteilen der Cannabispflanze wird Marihuana hergestellt, aus Harz Haschisch. Das Rauschmittel wird mit Tabak vermischt geraucht, kann aber auch in Gebäck gegessen werden. Haschisch, das stärker als Marihuana ist, wirkt individuell unterschiedlich: Die Folgen reichen von Dämmerzuständen, Euphorie, Unruhe, veränderter Wahrnehmung bis hin zu kurzzeitigen Halluzinationen. Bei Dauerkonsum steigt die Gefahr einer Psychose mit Charakterveränderungen. Viele Experten betrachten Haschisch als Einstiegsdroge zu stärkeren Rauschgiften. Die gesundheitlichen Langzeitfolgen des Cannabis-Konsums sind kaum erforscht: Unklar ist zum Beispiel, ob das in der Droge enthaltene Nervengift Krebs erregend ist.

Heroin und Kokain können bei Dauerkonsum körperliche und geistige Zerrüttung verursachen. Heroin ist ein Abkömmling des Morphins. Morphin wiederum ist im Opium enthalten. Bereits ein bis zwei Spritzen genügen, um einen Menschen heroinsüchtig zu machen. Heroin wird als weißes Pulver, meist in gestreckter Form auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Kokain, das aus dem südamerikanischen Kokastrauch gewonnen wird, versetzt nach seiner Einnahme in Hochstimmung, steigert das Selbstvertrauen und die Aktivität.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 08. September 2000]

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