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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Jedes fünfte Vorschul-Kind leidet an Sprachstörungen - Ursache ist zunehmende "Sprachlosigkeit" in den Familien

Stuttgart/Düsseldorf (11.09.2000) - Jedes fünfte Kind im Vorschulalter leidet an Sprachstörungen. Die Betroffenen sprechen entweder gar nicht oder unverständlich und werden nicht verstanden - trotz oft normaler Intelligenz und normalen Gehörs. Dies berichtete am Montag der Ulmer Professor Harald Bode anlässlich einer am Donnerstag beginnenden Tagung von Kinder- und Jugendmedizinern in Stuttgart.

Eine Ursache unter vielen sieht Bode in der "Sprachlosigkeit" vieler Familien. Nach seinen Angaben ziehen sich viele Kinder mit Sprachstörungen zurück oder werden aggressiv. Bei zu später oder versäumter Diagnose und Therapie von Sprachstörungen drohen Schulprobleme, Schulversagen und bleibende psychologische Beeinträchtigungen. Die schwierige und teure Diagnostik solcher Störungen zeigt nach Bodes Ansicht auch positive Seiten der Budgetierung der Gesundheitsleistungen auf: "Nicht mehr als Instrument zur Rationierung der Leistung sondern zur Verbesserung der Leistung."

Allerdings kann eine voreilige Sprachtherapie Kindern schaden. Nicht jedes vierjährige Kind, das noch Schwierigkeiten mit der richtigen Aussprache habe, müsse sprachtherapeutisch behandelt werden. Darauf hat der nordrheinische Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Düsseldorf hingewiesen. Die Sprachentwicklung von Kindern sei individuell sehr verschieden und hänge unter anderem von der Intelligenz und der Entwicklung des Gehörs ab.

"Einige Auffälligkeiten wie das Stottern bei Aufregung verschwinden von selbst, wenn das Kind älter wird", sagte die Sprecherin des Verbandes, Sylvia Schuster. Durchschnittlich habe jedes vierte Kind im Vorschulalter Sprachprobleme. Mit dem Eintritt in die Schule sollte dies allerdings behoben sein. Die Medizinerin riet Eltern, bei Sprachproblemen ihres Kindes zunächst eine "ganzheitliche Untersuchung" durch den Kinder- und Jugendarzt abzuwarten.

Schuster kritisierte, dass in vielen Familien "viel zu wenig miteinander gesprochen" werde. Häufig verbessere sich das Sprachvermögen der Kinder schon, wenn die Eltern mehr mit ihrem Nachwuchs redeten und den Kleinen vorläsen, anstatt sie "vor dem Fernseher sitzen zu lassen".

Zu dem viertägigen Kongress werden in Stuttgart rund 3.000 Fachleute aus der Kinder- und Jugendmedizin sowie Pflege-Fachkräfte neue Erkenntnisse aus ihren Bereichen diskutieren. Veranstalter des bundesweiten Treffens sind die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie, die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und der Berufsverband der Kinderkrankenschwestern/Kinderkrankenpfleger.

Eines der Schwerpunktthemen des Kongresses werden psychische Krisen der Heranwachsenden sein. Wie Burkhard Köhler vom Stuttgarter Olga-Hospital berichtete, sterben von 100.000 Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren zwölf bis 13 durch Selbstmord. Selbstmordversuche seien bei Mädchen häufiger als bei Jungen; "erfolgreicher" seien aber die Jungen.

Mehrere Vorträge werden sich mit den Gefahren durch Nervenschädigungen während der Schwangerschaft und bei oder unmittelbar nach der Geburt befassen. Etwa 1.000 Kinder bundesweit erlitten jährlich erhebliche Hirndurchblutungsstörungen, sagte Köhler. Diese Kinder seien bedroht von schwerwiegenden Folgen wie Lähmungen, Sprach-, Hör- oder Sehstörungen, Intelligenzdefekten, Krampfanfällen oder auch Hirnfunktionsschwächen, Koordinationsstörungen, Verhaltens- oder Konzentrationsschwächen.

Auf der Tagung sollen mehr als 700 wissenschaftliche Vorträge gehalten werden, davon allein 540 über Kinderheilkunde. Claus Bühnert vom Kongressbüro Stuttgart wertete die Veranstaltung als den bedeutendsten Kongress des Jahres in der Landeshauptstadt. Er rechnet damit, dass die Kongressteilnehmer einen "Kaufkraftzufluss" von etwa einer Million Mark bringen. In Stuttgart hatte das letzte Symposium zum Thema Kinder- und Jugendmedizin im Jahre 1906 stattgefunden.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 11. September 2000]

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