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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Jungen in der Pubertät - Auch coole Typen brauchen ein warmes Nest

Wien/Hamburg/Kassel (13.09.2000) - Von Swantje Werner. Sie tragen übergroße T-Shirts, bombastische Turnschuhe und meist eine schlecht gelaunte Miene zur Schau. Sie wissen alles über Handys und Hip-Hop, aber wenig über ihr Inneres. Sie mögen "Zladdys" ungetrübte Männlichkeit und die öffentlichen Brech-Orgien der "Bloodhound Gang". Ihr schlimmstes Schimpfwort heißt "schwul", und nichts ist ihnen peinlicher als das fürsorgliche Getue ihrer Eltern. Jungen in der Pubertät sind für ihre Umwelt oft schwer erträglich, aber auch sie selbst leiden unter der "Tyrannei des Cool-Seins", wie die Sozialwissenschaftlerinnen Cheryl Benard und Edit Schlaffer die starren Benimmregeln unter männlichen Teenagern nennen.

Vier Jahre lang haben die beiden in Wien lebenden Forscherinnen die Lebenswelt von Jugendlichen erkundet - ihr Fazit: Mit der Pubertät verlieren Jungen ihre Empfindsamkeit, ihren Mut, zu den eigenen Besonderheiten zu stehen, ihre "Farbe". Von Erwachsenen erfahren sie wenig Ermutigung, Eltern und Lehrer überlassen Heranwachsende viel zu früh sich selbst.

Engagierte Lehrer und Lehrerinnen setzen sich mittlerweile viel stärker für Mädchen als für Jungen ein, kritisieren Benard und Schlaffer in ihrem neuen Buch "Einsame Cowboys - Jungen in der Pubertät". Mütter - auch für Mini-Machos oftmals die wichtigste Bezugsperson - zögen sich zu früh von ihren Söhnen zurück, aus Angst sie zu verweichlichen. Zu Töchtern hielten hingegen beide Elternteile auch während der Pubertät engen Kontakt. "Die Jungen sind die Verlierer der Moderne", lautet die auf den ersten Blick überraschende Schlussfolgerung der Sozialwissenschaftlerinnen.

Professor Peter Struck, Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg, teilt diese Diagnose. Die früheren Bildungsdefizite bei Mädchen seien mittlerweile mehr als ausgeglichen. So seien 54 Prozent der Abiturienten weiblich und sie hätten durchschnittlich eine um den Wert 0,8 bessere Note als die männlichen Gymnasiasten. Die schwachen Punkte der Jungen aber - ihr weniger selbstverständlicher Zugang zu Gefühlen oder musischen Fähigkeiten wie Malen, Tanzen oder Musizieren - würden auch von modernen Pädagogen zu wenig berücksichtigt. Statt Jungen beim Thema Gefühle und Ausdrucksmöglichkeiten zu unterstützen, zögen sich vor allem männliche Erzieher emotional von heranwachsenden Jungen zurück - nicht zuletzt aus Angst vor möglichen Missbrauchsvorwürfen. "Jungen bleiben zunehmend auf der Strecke", sagt Struck.

Der Psychologie-Professor Harald Euler von der Universität Kassel kritisiert vor allem den Mangel an akzeptablen männlichen Vorbildern in Elternhaus und Schule. Durch den stark gestiegenen Anteil weiblicher Lehrkräfte in der Schule habe sich beispielsweise das "weibliche" Erziehungsideal "Diskussion und Kooperation statt Konfrontation" stärker verbreitet. Ein kleiner Macho auf Selbstsuche passe sich diesen Wünschen jedoch oft nur oberflächlich an. "Es gibt nicht genug Mutproben und Wettbewerbssituationen", kritisiert Euler.

Jungen in der Pubertät suchten ständig nach Herausforderungen, so Euler. Das zeige unter anderem die Tatsache, dass risikoreiche Trendsportarten fast ausschließlich von Jungen ausgeübt werden. Wohlmeinende Pädagogen und Pädagoginnen unterschlagen dem Psychologen zufolge allzu gern das evolutionäre Erbe, das auch heute noch jeder männliche Jugendliche in sich trage: Wer bei Bewährungsproben Stärke beweist, steigert die eigenen Reproduktionschancen.

Auch Euler kennzeichnet den Wettbewerb als "ausgesprochen brutal und hart". Wer nicht mithalten könne, sei "im Kern seiner männlichen Persönlichkeit" verletzt. Deshalb bräuchten selbst 16-jährige, am Familienleben völlig desinteressiert wirkende Jungen ihre Eltern noch - als sichere Basis, auf die sie sich bei Bedarf zurückziehen können.

Dabei sind Mütter mindestens ebenso gefragt wie die im Haus oft weniger präsenten Väter, so Benard und Schlaffer. Für einen Jungen in der Pubertät gebe ohnehin nicht mehr der Vater das wichtigste Vorbild ab, betonen die Professoren Euler und Struck. Orientierung lieferten vielmehr Gleichaltrige: der Crack aus dem Basketballclub oder der Typ mit der enormen CD-Sammlung aus der nächsthöheren Klasse. "Nur in den ersten fünf Lebensjahren können Väter die Persönlichkeit ihrer Söhne prägen, danach werden andere Vorbilder wichtig", sagt Euler. Struck liefert unter Berufung auf psychologische Grundlagenforschung sogar eine prozentuale Angabe für die verbleibenden erzieherischen Einflussmöglichkeiten der Erwachsenen auf die Persönlichkeit eines 14-jährigen: es sind gerade noch fünf Prozent.

Der ernüchternde Befund der Wissenschaftler lässt sich jedoch kaum als Alibi für bequeme Ratlosigkeit nutzen. Denn Eltern verfügen über eine Vielzahl von Druckmitteln, die Vorbilder ihrer Söhne mit zu bestimmen. "In welchen Sportverein geht mein Kind? In welche Schule? Wer darf bei meinem Sohn übernachten? Das sind Fragen, auf die Eltern einen wichtigen indirekten Einfluss haben - sei es, weil sie ihr Auto zur Verfügung stellen, ihr Geld oder ihre Zeit", erinnert Euler.

Eltern sollten die Freunde ihrer Söhne häufiger einladen, raten Benard und Schlaffer. Das schaffe Einblick in die Clique und eine neue Gesprächsbasis mit dem eigenen Kind. "Kaufen Sie eine alte Pingpongplatte und stellen Sie sie irgendwo auf. Veranstalten Sie regelmäßig Pizzaabende für den Freundeskreis ihrer Kinder oder kochen Sie einen Riesentopf Spaghetti". Ganz nebenbei erfahre man von den jungen Männern oft selbst etwas Neues - vorausgesetzt man ignoriere das anfängliche coole Getue und höre ihnen wirklich zu.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 13. September 2000]

Buchtipp - und hier können Sie bestellen...
Benard, Cheryl; Schlaffer, Edit: Einsame Cowboys - Jungen in der Pubertät. München: Kösel Verlag.

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