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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Im Alltag angekommen - Wallerts berichten über ihre Geisel-Erfahrungen und zeigen "Psycho-Deutern" kalte Schulter

Göttingen (13.09.2000) - Mit diesem Empfang hatte Deutschlands derzeit wohl berühmteste Familie offenbar nicht gerechnet. "Ich bin überwältigt", sagte Marc Wallert im gleißend hellen Scheinwerferlicht und lachte verwundert in Richtung der Kamerateams und Fotografen aus aller Welt. Um Punkt 20.44 Uhr war der 27-jährige gestern mit seiner Mutter Renate, Vater Werner und dem älteren Bruder Dirk vor seinem Elternhaus aus einem bordeauxroten Kleinbus geklettert.

Als erstes trat Marc vor die zahlreichen Mikrofone. "Die goldenen Worte - was soll ich sagen?", fragte der junge Unternehmensberater etwas ratlos, während hinter ihm sein 57-jähriger Vater stolz zuhörte. "Ich bin zu Hause, die Geschichte scheint ein Ende zu haben." Das lang ersehnte Wiedersehen mit seiner Familie sei ein "Supermoment" gewesen.

Derweil hielt Mutter Renate Sohn Dirk (30) am Arm. Die 56-jährige wirkte erstmals seit ihrer eigenen Freilassung Mitte Juli richtig gelöst. "So habe ich sie die letzten vier Monate nicht gesehen", sagte Marc. "So kannte ich sie vorher, und das ist schön." Mutter und Sohn waren sich zuvor am Flughafen in Hannover tränenreich in die Arme gefallen.

Dann berichtete der in Gefangenschaft schmal gewordene Heimkehrer von seinen Erfahrungen im Dschungel auf der Philippinen-Insel Jolo. "Das wird erstmal sacken müssen", sagte der bei Freunden als smart geltende Marc. "Wahrscheinlich bin ich geduldiger geworden." Genauso wie sein Vater, der eine Woche nach seiner Freilassung schon wieder an seinem Göttinger Gymnasium unterrichtete, brauche er keinen Psychologen: "So wie ich das jetzt einschätze, glaube ich das nicht." Als erstes aber wolle er nur zu sich selber kommen: "Die Tür zu machen und dann einfach mal einen ganz ruhigen Moment haben."

Während der quälenden Geiselhaft auf Jolo hätten er und seine Eltern viel Unterstützung aus der Heimat erhalten. "Wir haben viele Briefe und sogar Pakete bekommen von Freunden und Leuten, die wir gar nicht kannten." Auch Familienoberhaupt Werner bedankte sich für den Zuspruch: "Es war nicht leicht, das durchzustehen. Ich glaube, es wäre ohne diese zahllosen Menschen sehr, sehr schwer gewesen."

Marc schilderte noch, die Moslem-Rebellen hätten die Geiseln menschlich behandelt. "Sie haben uns nicht bewusst gequält." Vergewaltigungen oder Schläge habe es nicht gegeben, stellte der 27-jährige klar. Er und seine Eltern wollten auch künftig Kontakt zu den übrigen Mitgefangenen halten. Marc dankte Libyen, das Millionen Dollar für ihre Freilassung gezahlt hatte.

"Ich bin froh, dass ich meinen Sohn hier habe und möchte den Abend nur noch genießen", sagte Renate Wallert, die scheu im Hintergrund wartete. "Es fällt leider nicht jedem so leicht. Es ist unheimlich schwer, vor so vielen Kameras zu reden. Schlussendlich sind wir ja doch nur Normalbürger", meinte ihr Sohn.

Für die Fotografen hielt sich die Familie immer wieder innig an den Händen, bevor sie lachend in ihr Haus gingen. Marc Wallert hatte sich für seinen ersten Abend nur eines gewünscht: "Wir setzen uns zusammen und reden schön und dann ganz viel schlafen."

Nun sind die Bärte von Marc und Werner Wallert ab. Jetzt lassen die Göttinger in deutschen Medien ihr monatelanges Geiselmartyrium auf der Insel Jolo Revue passieren. Sehr gefasst traten Vater, Mutter und Sohn am Mittwoch in der "Johannes B. Kerner-Show" des ZDF auf. Der Stern beginnt in seiner neuesten Ausgabe mit dem Abdruck des Tagebuchs von Vater Werner. Einig sind sich die Familienmitglieder, dass sie das lange Hoffen und Bangen vor allem durch ihren "Glauben" durchstanden.

Der Ostersonntag am 23. April "begann wie ein wunderschöner Urlaubstag", erzählte der 57-jährige Werner Wallert in der Talkshow. Nach drei Tauchgängen, einem Spaziergang um die Insel und einem Drink bei Sonnenuntergang schwärmte Vater Werner: "An diesen Ostersonntag- Abend werden wir noch lange denken". Das war eine halbe Stunde vor dem Kidnapping durch die bewaffneten Moslem-Rebellen der Abu Sayyaf.

Der viereinhalb Monate dauernde Horrortrip begann mit einer 20-stündigen Fahrt übers offene Meer. An Flucht sei nicht zu denken gewesen, berichtete der 27-jährige Marc, da die Familie auf beide Boote verteilt worden war: "Uns war gleich klar, wir sind jetzt nicht mehr zu retten". Nach der Ankunft trieben die Entführer die Wallerts und ihre Leidensgenossen zehn Stunden barfuss quer durch den Dschungel zum ersten Lager, dass sie später noch einige Male wechseln sollten.

Renate Wallert entschuldigte sich für ihre Schwäche und das zwischenzeitliche Gefühl, nicht mehr leben zu wollen: "Ich war hilflos und ich war wirklich eine Heulsuse. Es tut mir schrecklich leid, aber ich konnte nicht anders." Werner und Marc Wallert können Kritik am Verhalten der 56-jährigen Frau und Mutter nicht nachvollziehen. Sie waren froh, als sie endlich frei kam: "Uns war klar, sie kann nur zu sich kommen, wenn sie da raus ist", betonte der Vater im ZDF. Nur so habe sie den Albtraum, dass sie alle dort sterben müssen, abschütteln können. Im Stern meinte Werner Wallert, Gerüchte über das Simulieren seiner Frau habe der Rebellenführer Commander Robot - "ein notorischer Lügner" - in die Welt gesetzt: "Alle Ärzte, die sie inzwischen untersuchten, haben den schlechten Gesundheitszustand meiner Frau bestätigt."

Im Camp sei es darauf angekommen, sich mit den Geiselnehmern zu arrangieren. Ständige Schusswechsel nur wenige Meter von den Geiseln entfernt, erzeugten ein permanentes Bedrohungsgefühl. "Die unmittelbare Lebensgefahr ging vom philippinischen Militär aus", meinte der Vater. Ein General der philippinischen Luftwaffe habe ihm am Tag seiner Freilassung gesagt: "Weihnachten servieren wir Ihnen den Kopf von Commander Robot auf einem Silbertablett."

Die Stimmung unter den Geiseln sei abgesehen von kleineren Reibereien etwa wegen knappen Wassers gut gewesen. Bei den Journalisten, die sie im Lager aufsuchten, habe sie nur gestört, "dass sie immer wieder diese widerlichen Fotos von mir aufnehmen wollten", beklagte Renate Wallert. Ihr Mann bewertete im Stern die Besuche der Presse "ganz eindeutig positiv": "Wir hatten anfangs ja ein ureigenes Interesse, Öffentlichkeit herzustellen."

Zurück in der Heimat will Sohn Marc keine Rache: "Ein gewisses Hassgefühl ist schon da, aber Vergeltung wünsche ich nicht, dafür bin ich Christ genug." Mutter Renate hingegen möchte die Kidnapper "hinter Gittern" sehen. In den kommenden Wochen wollen die Wallerts den Schock der Erlebnisse verarbeiten und versuchen, wieder "so normal wie möglich" zu leben.

Der starke Familienzusammenhalt, der christliche Glaube und das soziale Umfeld werden ihnen dabei helfen: "Ich wage die Prognose, dass sie das Trauma ohne späte Störungen überwinden", sagte der Arzt Christoph Kurtz von Aschoff aus Kassel, der Renate Wallert psychologisch betreut. Für Marc hat sich das Sicherheitsgefühl schon eingestellt, als er Jolo verließ. "Das Gefühl der Freiheit setzt aber erst später ein, wenn wir dann wirklich wieder in unsere Privatleben zurückkehren und die Tür zumachen."

Es gehört zu den Eigenheiten solcher Extremsituationen, die im Medieninteresse stehen, dass sich stets "Experten" mit Erklärungen melden, welche psychischen Schäden die Betroffenen davontragen. Auch bei den Wallerts hieß es, der psychologische Kampf mit der durchgestandenen Geiselhaft sei noch lange nicht vorbei. Der Psychiater Hinderk Emrich sprach zum Beispiel in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur von einer "zutiefst pathologischen" Situation. "Nach den Erkenntnissen aus der Trauma-Forschung ist auch Werner Wallert mit Sicherheit traumatisiert. Bei einer solchen Geiselnahme gibt es keinen Menschen, der das nicht wäre", sagte der Leiter der Abteilung für klinische Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover. "Mit den Anforderungen wachsen auch die Kräfte", erklärt er Wallerts gefasstes Auftreten: "Der Kampf ist für ihn noch nicht zu Ende."

Auch an unerbetenen Ratschlägen mangelte es den Wallerts nicht. Emrich riet, früh mit einem "Debriefing" zu beginnen, wie es in der Trauma-Therapie angewendet wird. Dabei wird der Patient immer wieder an das erinnert, was er erlebt hat. "Das ist besser als es zu vergessen. Das schreckliche Erleben muss noch eine Weile wach gehalten werden, damit es in das tägliche Leben eingebaut werden kann. Sonst kommt es später als Unbewusstes auf den Menschen zu und macht ihn krank", erklärte Emrich. "Ich halte es für sinnvoll, dass Wallert sofort wieder in seiner Schule unterrichtet, er ist aber nur partiell belastbar", sagte Emrich. Der Beruf könne Unterstützung und Geborgenheit bieten, die Wallert jetzt brauche. "Er darf aber nichts verdrängen, sonst kommt hinterher der Zusammenbruch. Das psychische Leiden könnte relativ spät einsetzen und wäre dann schwer zu behandeln".

Dabei sind das "Debriefing" ebenso wie die psychoanalytischen Behandlungsversuche höchst umstritten. Gottfried Fischer vom Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität zu Köln empfiehlt als besseren Weg, die therapeutischen Maßnahmen - sofern gewünscht - eng an den "natürlichen Heilungsprozess" seelischer Verletzungen anzuschließen und diesen gezielt zu unterstützen. Viel sei schon gewonnen, wenn die Frühintervention den natürlichen Prozess der Traumaverarbeitung zumindest nicht störe, erklärte der Kölner Psychologe. Angesichts der problematischen Ergebnislage beim sogenannten "Debriefing" und anderen Frühinterventionen sei das keineswegs selbstverständlich.

So mancher hat sein Trauma schon von einer realitätsfernen "Trauma-Verarbeitung" auf der psychoanalytischen Couch davongetragen. US-Psychologen untersuchten jüngst die psychische Verfassung von Personen, die einen Flugzeugabsturz überlebt hatten. Die Mehrzahl der Überlebenden, so zeigte sich, waren gefestigt aus der traumatischen Erfahrung hervorgegangen: Sie waren stressfester und ausgeglichener - also insgesamt psychisch stabiler - als eine Kontrollgruppe von Vergleichspersonen, die ähnlich schreckliche Erlebnisse nicht erlebt hatte. Schlechtere Testergebnisse wiesen nur diejenigen Überlebenden auf, die sich nach der Katastrophe in die Hände von Psychotherapeuten begeben hatten.

Die Wallerts scheinen sich von selbsternannten Psycho-Experten nichts einreden lassen zu wollen. Psychologen brauche er nicht, erklärte Werner Wallert nach seiner Ankunft ebenso wie sein Sohn. Die Erlebnisse auf Jolo habe er allein verarbeitet: "Ich kann das offensichtlich etwas besser ab als meine Frau", sagte Wallert. und setzte hinzu, er könne auch bald wieder Urlaub machen und tauchen gehen. "Ich erwarte nicht, dass ich jedes Mal gekidnappt werde", sagte er.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 13. September 2000]

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