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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Psychosomatik in der Sackgasse? Wachsende Zweifel, dass Krankheiten aus seelischem Leid entstehen

Berlin (19.09.2000) Von Rolf Degen. Es liegt ein verführerischer Reiz in der Vorstellung, dass unsere körperliche Gesundheit an den Zustand der Psyche gekoppelt ist. Der Glaube an die Herrschaft des Geistes über den Körper ist so suggestiv, dass er uns manchmal dazu verleitet, Menschen, die krank werden, Vorwürfe zu machen, während uns die Überwindung eines lebensbedrohlichen Leidens Hochachtung und Bewunderung abverlangt. Ein Blick auf die Grundlagenforschung mündet jedoch in der Erkenntnis, dass psychosomatische Krankheitstheorien wissenschaftlich immer stärker ins Abseits geraten.

Die Psychosomatik, ein Zweig der Medizin, der historisch eng mit der Psychoanalyse verbunden ist, führt Krankheiten auf ungelöste und unbewusst wirkende Konflikte, auf bestimmte Persönlichkeitsdefekte oder schlicht und einfach auf "Stress" zurück. Eines der wichtigsten Merkmale des Zeitgeistes besteht heute darin, dass Menschen weniger körperlich als seelisch leiden. Selbst das Elend einer körperlichen Krankheit läuft fast schon Gefahr, weniger ernst genommen zu werden, wenn es nicht mit der Diagnose "psychosomatisch" verbunden ist.

Die psychosomatische Medizin verleibt sich in erster Linie Erkrankungen wie Asthma, Bluthochdruck, chronische Magen-Darm-Erkrankungen oder rheumatische Arthritis ein, für die die Organmediziner lange Zeit keine überzeugenden biologischen Ursachen finden konnten. "Dabei ist in den vergangenen Jahren klar geworden, dass psychologische Faktoren bei diesen Krankheiten kaum eine Rolle spielen", hebt der Harvard-Mediziner Steven Hyman hervor.

Auch Michael Myrtek vom Psychologischen Institut der Universität Freiburg pflichtet dem bei. Obwohl in seinen eigenen empirischen Untersuchungen und einer Literaturanalyse keine bedeutsamen psychosomatischen Zusammenhänge nachweisbar waren, klagt Myrtek, seien dennoch die meisten Laien davon überzeugt, dass psychosoziale Faktoren organische Krankheiten verursachen können.

Kein Magengeschwür durch Stress

Ähnlich kompromisslos kritisiert Myrtek die gängige Lehrmeinung, Stress wirke gesundheitsgefährdend, als ungesichert und überschätzt. Magenentzündung (Gastritis) und Magengeschwüre waren viele Jahrzehnte lang eine unangefochtene Domäne der Psychosomatik, weil die Organmediziner keine überzeugende Erklärung für das Grimmen im Bauch finden konnten. Magengeschwüre, so die klassische Theorie, werden durch den unbewussten und verdrängten Wunsch nach Liebe, Pflege, Abhängigsein und Genährtwerden ausgelöst. In einer populäreren und eingängigeren Variante sollen dagegen "heruntergeschluckte Sorgen" verantwortlich sein. Manchmal werden Magengeschwüre schließlich auch schlicht und einfach als "Stresskrankheit" gehandelt.

Doch die Vorstellungen darüber, wie Gastritis und andere Magenerkrankungen tatsächlich entstehen, haben sich in den vergangenen zehn Jahren dramatisch gewandelt. Erst Anfang der 80er Jahre identifizierten Forscher das Bakterium Helicobacter pylori, das bald darauf als der Hauptverursacher von als unheilbar geltenden Magenleiden entlarvt wurde. Helicobacter pylori ist bei ungefähr 95 Prozent aller Patienten mit Gastritis und bei der Mehrheit aller Patienten mit Magengeschwüren in der Magenschleimhaut nachweisbar.

Widerspruch zur Bakterien-These

Der Enthusiasmus, mit dem Mediziner auf diese Entdeckung reagierten, blieb nicht unwidersprochen. So meldeten Psychosomatiker Zweifel an: Es müssten sicherlich viel mehr Faktoren zusammenkommen, bis ein Magengeschwür entstehe. Psychosoziale Aspekte spielten immer noch eine wichtige Rolle. Wie sonst wäre es zu erklären, dass zwar mehr als die Hälfte aller Menschen mit dem Keim infiziert sind, aber die Symptome nicht bei allen auftreten?

Es stimmt zwar, dass nicht alle Helicobacter-Infizierten auch über Beschwerden klagen. Das liegt aber nur daran, dass manche Magengeschwüre keine Schmerzen verursachen. Pathologische Untersuchungen haben dennoch ergeben, dass jeder, der den Helicobacter in sich trägt, auch mit einer Gastritis gezeichnet ist - auch wenn sie keine Beschwerden macht. Und es lässt sich einfach nicht leugnen, dass die Eliminierung des Keimes Magengeschwüre in 98 Prozent aller Fälle dauerhaft zum Verschwinden bringt.

Mythos Infarktpersönlichkeit

Ein weiteres Beispiel für das psychosomatische Denken und seine Probleme damit, wissenschaftliche Fakten zu akzeptieren, ist der Mythos von der "Infarktpersönlichkeit". Anfang der 70er Jahre machten Kardiologen die Beobachtung, dass die koronare Herzerkrankung und der Herzinfarkt scheinbar überdurchschnittlich häufig einen besonderen Menschenschlag ereilen. Dieser "Typ A" beschreibt das Lebensbild eines unablässig gehetzten, überaus ehrgeizigen und wetteifernden Perfektionisten.

Nach der Theorie "dreht" nun bei dem aufbrausenden "Workaholic" vom Typ A der Sympathikus, der aufputschende Pol des vegetativen Nervensystems, durch und leistet so der koronaren Herzkrankheit und dem "Betriebsunfall" Herzinfarkt Vorschub. Doch die Forschungen der letzten Jahre haben die Theorie ins Wanken gebracht. "Alle neueren Studien konnten dann keinen oder nur einen äußerst geringen Zusammenhang zwischen Typ A und der koronaren Herzkrankheit nachweisen", gibt Michael Myrtek zu bedenken. Seine Studien rechtfertigen keineswegs den Schluss, dass beim A-Typ Blutdruck, Puls, Hautleitfähigkeit, Stresshormone oder andere physiologische Werte abnorm hoch ausfallen.

"Stress am Arbeitsplatz" ließ das Herz in einer der größten Untersuchungen an über 9000 Männern völlig unangetastet. Auch belastende Lebensereignisse riefen keine gesundheitlichen Schäden hervor. "Die prospektiven Untersuchungen zur Stresshypothese zeigen, dass bei kritischer Würdigung der mit Fragebogen erfasste psychosoziale Stress keinen Risikofaktor für die koronare Herzkrankheit darstellt", resümiert Myrtek.

Es gibt wahrscheinlich wenig Phänomene, die den populären Appeal der Psychosomatik so eindrucksvoll widerspiegeln, wie der Glaube an den "Krebscharakter". Mit diesem Begriff ist die Vorstellung verbunden, dass gewisse Persönlichkeitsmerkmale den Nährboden für die Entwicklung einer Tumorerkrankung bilden. Die Betreffenden schlucken selbst bei schlimmsten Belastungen alles herunter und geben sich unauffällig; sie schieben unangenehme Gefühle wie Wut und Ärger unter den Teppich und opfern sich selbstlos für andere auf, statt mehr Leben für sich selbst einzufordern.

Allerdings sind die Beweise für diesen Zusammenhang in den letzten Jahren unter heftigen Beschuss geraten, klärt eine Forschergruppe um Hermann Faller vom Institut für Psychotherapie und Medizinische Psychologie der Universität Würzburg auf. So hat man die einschlägigen Wesensmerkmale fast stets bei Patienten ausfindig gemacht, die ihre (bösartige) Diagnose bereits kannten. Die vermeintliche Krebspersönlichkeit könnte also auch einfach eine Reaktion auf das Wissen sein, dass man mit einer furchtbaren und letztlich oft tödlichen Menschheitsgeißel geschlagen ist.

Drückt die Seele aufs Immunsystem?

Durch die "Psychoneuroimmunologie", eine neue Disziplin, die sich in den letzten Jahren öffentlichkeitswirksam in Szene setzte, hat der kränkelnde psychosomatische Gedanke einen unverhofften Schub erfahren. Jede Form von schwerem und längerem seelischem Stress, so die simplifizierte Quintessenz der Psychoneuroimmunologie, behindert die Immunzellen bei der Arbeit und ebnet allen Arten von Infektionskrankheiten, von der banalen Erkältung bis zu virusbedingten Tumoren, den Weg.

De facto beruhten diese Annahmen jedoch auf fragwürdigen methodischen Ansätzen, einem unzulänglichen Untersuchungsdesign und unhaltbaren Verallgemeinerungen, geben die beiden Immunologen L. Hodel und P.J. Grob vom Universitätsspital Zürich in einer erschöpfenden Literaturübersicht zu bedenken. "In keiner dieser Arbeiten ergaben sich jeweils klare Beziehungen zwischen erhöhten Krankheitstagen und den gemessenen immunologischen Veränderungen."

Mit den Befunden, die der Psychoneuroimmunologie bisher ins Netz gegangen sind, könnte man laut Hodel und Grob genauso gut die umgekehrte These stützen: "Stress stärkt das Immunsystem und hilft, die Entstehung von Krankheiten zu verhindern."

Ärzte und Psychologen, die nach den seelischen und emotionalen Wurzeln einer Krankheit fahnden, können sich in der Öffentlichkeit in einer Aura erhabener Humanität darstellen: Sie heben sich wohltuend von den vielgescholtenen Apparatemedizinern ab, die sich dem Kranken mit der kalten Mentalität eines Mechanikers nähern und nur nach einem Defekt im "Getriebe" des Körpers suchen.

Der Kranke ist selbst schuld

Doch diese Sichtweise geht in Wirklichkeit auf eine "optische Täuschung" zurück. Die psychosomatische Deutung von Krankheiten, so der Tenor mehrerer neuer Analysen, kann in der Realität mit einer herabsetzenden Haltung gegenüber den Kranken einhergehen. Sie kann nicht nur die realen Ursachen der Störung verdecken, sondern den Betroffenen auch die Bewältigung ihres Leidens erschweren. Denn bei einer psychosomatischen Deutung schwingt immer die latente Unterstellung mit, dass die Kranken sich selbst in ihre Lage hineinmanövriert haben.

Es ist schon sehr auffällig, dass es sich bei den Wesensmerkmalen, die angeblich psychosomatische Krankheiten begünstigen, meist um Eigenschaften handelt, die in der Psychoszene und bei kritischen Intellektuellen zutiefst verpönt sind. Die Krebspersönlichkeit, die Kummer und Ärger herunterschluckt, sich unauffällig gibt und nach außen die Maske der Normalität aufsetzt, ist der absolute Antityp zur offenen und lebenshungrigen Psychoszene. Und dass das Zerrbild vom gehetzten und arbeitswütigen "Infarktcharakter" ausgerechnet in den späten 60ern und frühen 70ern aufblühte, als das Ethos der Leistungsgesellschaft bei den Hippies in Misskredit geriet, dürfte auch kein Zufall sein.

Schließlich werden aber auch die Opfer von mutmaßlich psychosomatischen Störungen durch diese Deutung zu einem untauglichen Umgang mit ihrer Krankheit verleitet. Eine psychosomatische Antwort auf die unvermeidliche Frage "Warum gerade ich?" ruft offenbar erhebliche Probleme hervor. Das hat etwa der Würzburger Psychologe Hermann Faller in einer Studie an 120 Personen aufgedeckt, die an einem neudiagnostizierten Lungenkrebs litten. Das Ergebnis der Erhebung ließ an Eindeutigkeit nicht zu wünschen übrig. Just die Untergruppe der Patienten, die ihren Tumor auf seelische Ursachen zurückführte, kam am schlechtesten mit ihrer Krankheit zurecht.

Grübeln über das Schicksal

Die Betreffenden waren emotional sehr viel belasteter und depressiver und hatten viel weniger Hoffnung für ihre Zukunft. Stattdessen war ihr ganzes Sinnen und Trachten durch Hader mit dem Schicksal und zwanghaftes Grübeln über ihr verpfuschtes Leben beschäftigt. Dabei machte es keinen Unterschied, was die Patienten genau unter seelischen Ursachen verstanden: Eine schwere Kindheit einschließlich familiärer Probleme und Stress oder "Lücken" in der eigenen Persönlichkeit wie unterdrückte Gefühle, Pessimismus und mangelnde Durchsetzungsfähigkeit.

Der junge Schweizer Lehrer Fritz Zorn, der später an einer bösartigen Geschwulst verstarb, hat mit seinem autobiographischen Buch "Mars" ein erschütterndes Mahnmal für diese Gefahr gesetzt. In dem ergreifenden Selbstbericht macht der Autor sein ungelebtes Leben und die Gefühlskälte seiner Erziehung für den Tumor verantwortlich. Statt das todbringende Symptom beim ersten Verdacht mit radikal chirurgischen Methoden zu bekämpfen, erklärte er es (unter Anleitung durch einen Psychotherapeuten) zu einer Metapher, die es zu verstehen galt. "Obwohl ich noch nicht wusste, dass ich Krebs hatte, stellte ich intuitiv bereits die richtige Diagnose, denn ich betrachtete den Tumor als ,verschluckte Tränen'."

© Rolf Degen. Der Beitrag erschien im Berliner "Tagesspiegel" am 19.09.2000 unter dem Titel "Psychosomatik: Verschluckte Tränen. Die psychosomatische Medizin behauptet, dass Krankheiten aus seelischem Leid entstehen - aber die Zweifel an dieser These mehren sich". Wiedergabe in "PSYCHOTHERAPIE" mit freundlicher Genehmigung von Rolf Degen, Bonn.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 19. September 2000]

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