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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Lassen Sie sich vom Pillendoktor nicht durch "frühe Prägung" veralbern: Regelmäßiger Sport hilft bei Depressionen besser als Pillen

London/Durham (22.09.2000) - Es gibt sie wirklich, die "frühe Prägung". Im ostdeutschen Kinderfernsehen prägte das medizinische Weltbild der Kleinen lange Zeit eine "Frau Doktor Pille mit der großen klugen Brille". Bei dieser frühen Orientierung auf die Pille als Heilsbringer des modernen Zeitalters mögen manche einen "Prägungsschaden" davon getragen haben. Wie anders ist sonst erklärbar, dass verstimmte, traurige, melancholische und depressive Menschen in Scharen zu ärztlichen Psychotherapeuten und Psychiatern laufen, um sich dort jahrelang mit Tabletten voll pumpen lassen? Der Pharmaindustrie verschafft Milliardenumsätze, was bei den Betroffenen eher das Gefühl verstärkt, ein "Totalversager" zu sein.

Dabei liegen die natürlichen Alternativen preiswert oder kostenfrei gewissermaßen vor der Haustür: Rein in die Sportschuhe und ein paar Runden gelaufen - das vertreibt trübe Gedanken besser als das Labern über die frühe Kindheit auf der Couch. Denn regelmäßiger Sport ist gegen dauerhafte Depressionen weitaus wirksamer als Anti-Depressiva. Dies haben US-Wissenschaftler in einer Studie herausgefunden, die am Donnerstag im Fachmagazin "Psychosomatic Medicine" veröffentlicht wurde. Die Forscher des Medizinischen Zentrums der Duke-Universität in Durham, (Bundesstaat North Carolina), fanden ferner heraus, dass Patienten, die den Sport mit der Einnahme von Medikamenten verbinden, eher rückfällig werden.

Das US-Team unter Leitung des Psychologen James Blumenthal hatte 156 Patienten mittleren Alters untersucht, deren Zustand sich durch sportliche Aktivitäten nach vier Monaten verbessert hatte. Nach weiteren sechs Monaten, so ergab die Studie, wurden nur acht Prozent der Sport treibenden Patienten wieder depressiv, verglichen mit 38 Prozent derer, die nur Medikamente einnahmen.

Patienten, die gleichzeitig Sport trieben und Pillen einnahmen, wurden eher rückfällig. "Die bisherige Annahme, dass beide Faktoren zusammen eine positive Auswirkung haben, hat sich nicht bestätigt" wurde Blumenthal in der Zeitschrift zitiert. Zwischen sportlicher Betätigung und dem Risiko der Rückfälligkeit gebe es ein "Umkehrverhältnis". "Je mehr Sport, um so geringer die Wahrscheinlichkeit, dass die depressiven Symptome zurückkehren", sagte Blumentahl. Dabei spiele es möglicherweise eine Rolle, dass der Patient mit den Übungen eine "aktive Rolle" im Genesungsprozess übernahm. Dadurch werde das Gefühl von "Kontrolle und Erfolg" vermittelt.

Die Sache ist so einfach, dass sie schier unglaublich ist: Wer wenig tut, der erhält wenig positives Feedback - sowohl von seinem Körper als auch von der Umwelt. Das kann spiralförmig abwärts zu (weiterer) Depression führen und das positive Feedback von Körper und Umwelt auf Null reduzieren. Irgendwann kann man dann meinen, das Leben habe keinen Sinn mehr. Umgekehrt führt Aktivität - zum Beispiel Sport - zu positiven Erfahrungen: die Spirale aufwärts. Da die Art und Weise, wie jeder mit Problemen umgeht, natürlich eine individuelle Lerngeschichte hat, macht es zudem Sinn, mögliche selbstschädigende Denkstile abzulegen.

Die kognitive Verhaltenstherapie hilft, solche Denkfehler zu erkennen und zu beseitigen. Freuds Couch gehört ohne Zweifel auf den Müllhaufen der Geschichte. Warum nicht einen Waldlauf mit dem kognitiven Therapeuten machen, der ganz nebenbei vermittelt, wie man sich über den Schwachsinn der Welt statt ärgern und deprimieren auch ergötzen kann? Zum Preis einer Eintrittskarte ins Kabarett: "Lachen ist die beste Medizin". - Eine alte Weisheit, die ein Antidepressivum auf seine Werbefahne geschrieben hat, auf das man dann getrost verzichten kann.

Die schlechteren Ergebnisse einer Therapie mit Tabletten resultieren aus deren Unvermögen, selbstschädigende Denkstile und Denkinhalte zu verändern. Tabletten vermitteln denjenigen, die sie einnehmen, zwangsläufig die Erfahrung, die Veränderung des Befindens sei auf die Tabletten zurückzuführen - häufig ein Grund für Betroffene, in ihrer Passivität zu verharren. Wer hingegen - durchaus mit psychotherapeutischer Anleitung - die Kenntnis und Erfahrung gewonnen hat, durch eigene Aktivität sein Befinden verbessern zu können, wird sich mit dem Gelernten später aus schwierigen Situationen viel eher wieder allein herauszuhelfen vermögen.

Deshalb sind diese Studienergebnisse nicht als Einladung zu verstehen, Medikamente einfach durch Fitness-Training zu ersetzen. Bei Blumenthals Versuchsteilnehmern handelte es sich keineswegs um schwerst depressive und suizidgefährdete Menschen, sondern um solche, die sich freiwillig auf Anzeigen der Forscher für die Teilnahme gemeldet haben. Aus den Ergebnissen lässt sich vielmehr ableiten, dass Sport eine gute Ergänzung zur Psychotherapie sein kann, insbesondere für jene Patienten, die auf Medikamente nicht ansprechen.

Die Forscher der Duke-Universität werden bei der Fortführung ihrer Studien vom National Institute of Mental Health (NIMH) unterstützt. Die neuen Untersuchungen sollen vor allem eine Antwort auf noch offene Fragen geben, warum Sport bei Depressionen besser wirkt als Anti-Depressiva. "Wir haben ein großes Interesse an der Erforschung verhaltenstherapeutischer, nicht-pharmakologischer Ansätze zur Depressionsbehandlung", erläutert Blumenthal. "Weil bis zu ein Drittel der depressiven Patienten auf eine Arzneimitteltherapie nicht anspricht und diejenigen, die Tabletten nehmen, unter Nebenwirkungen leiden, ist es wichtig, andere Wege zu finden."

Das U.S.-Institut für seelische Gesundheit - NIMH - stellt hierfür drei Millionen Dollar bereit - ein geringer Betrag im Vergleich zu den jährlichen Kosten von Anti-Depressiva und deren unerwünschten Begleiterscheinungen.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 22. September 2000]

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