|
|||||||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||||||
|
Psychotherapie
exklusiv |
|||||||||||||||||||
|
Kinder im Konflikt: Hochbegabte Klassenkasper durch Unterforderung und Beziehungsunfähigkeit durch Entfremdung von den ElternCelle/Trier (23.09.2000) - Die natürlichen psychosozialen Bedürfnisse und die schulische und familiäre Wirklichkeit klaffen bei Kindern mitunter weit auseinander. Ein Konflikt, dem die Kinder hilflos gegenüber stehen und den Eltern und Schule oft nicht erkennen. In den Praxen der rund 5.000 deutschen Kinder- und Jugendheilkundler fallen nicht nur zunehmend Kinder mit Entwicklungsverzögerungen auf. "Aus dem Rahmen fallen auch oft besonders weit entwickelte oder begabte Jungen und Mädchen", sagt die Kinder- und Jugendärztin Susanne Berger aus Celle in einem Gespräch. Sie und ihre speziell geschulten Kollegen raten Eltern derartig "auffällig" gewordener Sprösslinge, diese testen und frühzeitig einschulen oder eine Klasse überspringen zu lassen. "Mancher Klassenkasper ist kein unbegabter Störenfried, sondern nur ein unendlich gelangweiltes, hoch begabtes Kind", hat Berger beobachtet.Auf der anderen Seite der kindlichen Nöte steht eine andauernde Überforderung. "Zunehmend weniger Paare entscheiden sich für die Elternrolle. Oder sie wünschen sich nur ein Einzelkind, das die elterlichen Wünsche und Hoffnungen möglichst perfekt erfüllen soll", sagt die Kinder- und Jugendmedizinerin. Der Nachwuchs solle einerseits lange "klein und niedlich" bleiben. "Andererseits sollen die Kinder möglichst schnell und gut alle Entwicklungsschritte bewältigen, die die Eltern bei der Lektüre von Familienmagazinen kennen gelernt haben." Väter und Mütter zeigten sich oft fassungslos, wenn in Kindergarten und Schule Entwicklungsrückstände auftreten: "Das geht von mangelnder Beweglichkeit beim Sport über Lese- und Rechtschreibstörungen bis zum Konzentrationsmangel", berichtet Berger aus täglicher Praxis. "Diese Symptome sind schon frühzeitig absehbar, wenn die Kinder fortlaufend von Kinder- und Jugendheilkundlern begleitet werden." Sie verstehen sich als "Lotsen" durch die ersten 18 Jahre: "Und wir können dank unserer ganzheitlichen Betrachtung immense Krankheitskosten einsparen helfen." Die Kinderexperten sehen sich aber auch als "Entlaster" gestresster Familien: "Wenn wir ihnen sagen können, dass ihr Kind altersgerecht entwickelt ist, auch wenn es weniger kann als die Freunde im Spielkreis." Gefragt ist offenbar das "pflegeleichte" Kind, nur wenige Eltern wollen hochbegabte Kinder, berichtete die Süddeutsche Zeitung (SZ) am 12.04.2000: „Hoch begabte Kinder gehören nicht zu den Wunschkindern deutscher Eltern. Dies . . . ergab eine Umfrage der Zeitschrift 'Familie & Co'. Von 500 befragten Müttern und Vätern wünschen sich nur 13,3 Prozent ein intellektuell hoch begabtes Kind. 82,8 Prozent wollen auf keinen Fall ein solches Kind. Nur 7,3 Prozent der Befragten erklärten, hoch Begabte hätten Vorteile im Leben.“ "In diesem Land strebt fast ein Drittel der jungen Leute einen akademischen Abschluss an, seine Präsidenten reden gerne von der kommenden Wissensgesellschaft. Doch seine Bewohner wollen sich in Mittelmäßigkeit fortpflanzen", fragt nach diesem Umfrageergebnis erschrocken Claus Koch am 28.04.2000 in der SZ (S.19) und folgert: "Da kann es niemandem zur Ehre gereichen, zur Elite zu zählen. Elite wovon?" "Diese Nation von vorsätzlich ehrgeizlosen Durchschnittlern kann man nicht harmlos finden. Sie ist im Gegenteil gefährlich, weil sie Intelligenz und Talent fürchtet", schreibt Koch weiter. "Die Deutschen gatten sich in der Hoffnung, nicht von Vorzüglichkeit überrascht zu werden. Nicht den Finger werden sie rühren, wenn es an ihre Freiheit geht." Mit dem selben Egoismus wird bei der Verteilung des Sorge- und Umgangsrechts in Scheidungsfällen zu wenig auf die Bedürfnisse der Kinder Rücksicht genommen. Probleme gebe es vor allem, wenn sich die Partner bei einer Trennung nicht einig seien, sagte der stellvertretende Bundesvorsitzende des Interessenverbands Unterhalt und Familienrecht, Werner Leitner, am heutigen Samstag auf einer Tagung in Trier im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Als Erwachsene hätten betroffene Kinder Probleme, Beziehungen zu führen und gingen ihren Schwierigkeiten aus dem Weg, statt sie zu lösen. "Die Entfremdung von einem Elternteil ist eigentlich psychologischer Missbrauch", sagte Leitner. Außerdem habe das Kind insgeheim das Bedürfnis nach einem guten Verhältnis zu beiden Elternteilen. Kinder aus Scheidungsehen mit gutem Verhältnis zu beiden Ehepaaren kämen mit der Trennung ihrer Eltern sehr viel leichter zurecht. Das so genannte Parental-Alienation-Syndrom (Eltern-Entfremdungs-Syndrom) werde allerdings häufig nicht erkannt, und auch Eltern sei das Problem oft nicht bewusst, sagte Leitner. Manche Kinder entwickelten Symptome wie Albträumen, Schlafstörungen oder Appetitlosigkeit. Häufig richteten sie Aggressionen gegen den Elternteil, von dem sie sich entfremdet hätten, legten ihm gegenüber respektloses Verhalten an den Tag, äußerten sich abfällig oder reagierten sogar mit Wutausbrüchen oder Gewalt. Statt jedoch wieder für Annäherung zu dem abgelehnten Elternteil zu sorgen, werde der Umgang vielfach sogar verboten. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 23. September 2000] Zum Thema
Monats-Übersicht
Psychotherapie Reports |
||||||||||||||||||
|
Impressum |
|||||||||||||||||||
|
© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
|||||||||||||||||||