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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Nach Entlassung psychisch kranker Straftäter bleibt Restrisiko - Offensiver Umgang mit Forensik-Problematik in Niederlanden

München/Aachen/Venray/Eindhoven (24.09.2000) - "Sperrt mich weg, ich habe Angst vor mir" hat ein notorischer Gewalttäter vor fünf Monaten seine Festnahme begrüßt. Der wegen Vergewaltigung drei Mal - zuletzt mit sieben Jahren Haft - bestrafte 35-jährige hatte am 17.04.2000 eine junge Studentin mit dem Messer schwer verletzt. Er ist am 21.09.2000 vom Landgericht München I wegen gefährlicher Körperverletzung zu sieben Jahren und zehn Monaten Freiheitsstrafe verurteilt worden. Anschließend wird er auf unbestimmte Zeit in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht.

Laut Gutachten ist der Maler hoch gefährlich, am Erfolg einer Therapie hat der Sachverständige Zweifel. Der Angeklagte dämpfe seine Minderwertigkeitsgefühle durch Angriffe auf Frauen unter Drohung mit einem Messer. Auch im jüngsten Fall hat er gegen sein 23 Jahre altes Opfer eine Stichwaffe eingesetzt. Er ist einer Verurteilung wegen Mordversuchs nur entgangen, weil er die verletzte junge Frau anschließend in eine Klinik fuhr. Der Maler konnte seinen spontanen Angriff auf die Wohnung suchende Zufallsbekannte nicht motivieren.

Er sei auf Grund seiner seelischen Abartigkeit "Täter und Opfer zugleich", sagte der Vorsitzende in der Urteilsbegründung. Im Vordergrund stehe aber in seinem Fall der Schutz von Frauen vor weiteren Angriffen. Deshalb müsse der Angeklagte zunächst seine Haftstrafe voll verbüßen und werde entgegen der üblichen gesetzlichen Regelung erst danach in einem Bezirkskrankenhaus untergebracht. Wann er die Klinik verlassen darf, haben die behandelnden Ärzte zu entscheiden.

Bei der Entlassung psychisch kranker Straftäter aus der Gerichtspsychiatrie wird nach Einschätzung von Fachleuten immer ein Rückfallrisiko bleiben. "Trotz aller Bemühungen werden wir keine Risikofreiheit erzielen", betonte Professor Henning Saß (Aachen) am 22.09.2000 in Aachen. "Gutachten sind nie zu hundert Prozent sicher", sagte Saß, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) beim Psychiatriekongress in Aachen (20.-23.09.2000). Bei der Einschätzung des zukünftigen Verhaltens eines Patienten gebe es viele Unsicherheiten.

So würden etwa elf Prozent der schweren Gewalttäter acht Jahre nach der Entlassung aus der forensischen Psychiatrie als rückfällig registriert. Auch wenn die Quote mit Hilfe der immer besseren Prognose-Instrumente stark gesunken sei, gebe es Unsicherheitsfaktoren, die ein Gutachter nicht abschätzen könne. Dazu gehöre etwa die Entwicklung des sozialen Umfelds des Patienten, beispielsweise ob eine Partnerschaft weiter bestehe.

Eine Fehlerquelle könnten auch die Gerichte sein: "Es gibt immer wieder Fälle, wo Gutachten nicht richtig verstanden werden", sagte Saß. Er forderte deshalb vor der Entlassung einen intensiveren Dialog zwischen Strafvollstreckungskammern und Gutachtern.

Als Antwort auf die öffentliche Kritik an Gutachtern nach rückfällig gewordenen psychisch kranken Straftäter habe die DGPPN die Zusatzqualifikation "Forensische Psychiatrie eingerichtet". Mit der zweijährigen Weiterbildung soll der Qualitätsstandard bei Gutachten verbessert werden.

Qualifizierte forensische Kliniken für psychisch kranke Straftäter sind teuer

In Nordrhein-Westfalen soll noch in diesem Jahr über neue Standorte für die Unterbringung psychisch kranker Rechtsbrecher entschieden werden. Am Wochenende besuchte die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Birgit Fischer (SPD) eine niederländische Klinik, um sich über die Forensik-Maßnahmen im Nachbarland zu informieren. Ein festungsartiges Gebäude in einem Waldgebiet, ein doppelter Zaun, Panzerglas und unzählige Schleusen ins Innere lassen ein gefährliches "Dahinter" vermuten. Tatsächlich handelt es sich bei der "Festung" um eine neue forensische Klinik für psychisch kranke Straftäter im niederländischen Venray nahe der deutschen Grenze.

Das Bild von der undurchdringlichen Festung trügt - jedenfalls aus Besuchersicht. "Offenheit in der Geschlossenheit" heißt das Prinzip, mit dem die Leitung der auf einer Stiftung basierenden Einrichtung die Öffentlichkeit mit einbezieht. Bereits lange vor dem Bau der Klinik im Jahr 1998 seien die Bürger regelmäßig über den Stand der Dinge informiert worden, erzählt Ge Peterink, Kommunikationsmanager des für die Öffentlichkeitsarbeit eigens beauftragten Büros.

Zwei Mal habe es "Tage der Offenen Tür" gegeben, zu denen mehr als 10.000 Besucher gekommen seien, um sich selber ein Bild von den hohen Sicherheitsstandards zu machen. Auch seien die Bürger aus den anliegenden Wohngebieten zur Grundsteinlegung sowie zur Eröffnungsfeier eingeladen worden. Offensichtlich hat der offene Umgang mit diesem heiklen Thema auch die Gegner der Einrichtung besänftigt. Eine Bürgerinitiative gegen die Unterbringung forensischer Patienten in ihrer Nähe löste sich noch 1998 auf. Geblieben ist ein parallel gegründetes Bürgerkomitee, das sich nach eigenen Aussagen sicher und regelmäßig informiert fühlt.

Die Erfahrungswerte der Klinik sind allerdings bisher noch gering. Seit April befinden sich erst 35 Patienten in Venray. Bis zu 114 Patienten soll die 55 Millionen Gulden teure Einrichtung einmal aufnehmen, inklusive der zwölf Patienten, die dann in Außenwohngruppen betreut werden. Im Vergleich zu nordrhein-westfälischen Kliniken, wo zwei Mitarbeiter pro Patient gerechnet werden, kümmern sich in Venray statistisch 2,5 Mitarbeiter um einen der psychisch Kranken. Auch die Kosten hier sind ungleich höher als in NRW. Kostet ein Patient in NRW 460 Mark am Tag, sind es hier umgerechnet rund 950 Gulden pro Person.

Die gleichen Summen verschlingt die Klinik in Eindhoven, die in ihrer Struktur den Kliniken in Düren, Viersen, Langenfeld oder Bedburg-Hau ähnelt. Die forensische Abteilung ist hier aus einer allgemein psychiatrischen Klinik gewachsen. Im Laufe von acht Jahrzehnten ist um die als Wagenburg angelegte Klinik herum ein Wohngebiet entstanden. Weder Mauer noch Zaun trennen das Gelände von den nahe gelegenen Wohnhäusern.

"Der Festungscharakter mit Hochsicherheitstrakt und High-Tech-Installationen fehlen hier. Tür-Schleusen und Kameras im Innenhof garantieren lediglich ein mittleres Sicherheitsniveau", sagt der medizinische Leiter Hajo Kuperus und fügt hinzu: "Es ist noch nie einer ausgebrochen. Probleme gibt es eher von draußen als von drinnen, mit Drogendealern zum Beispiel oder dem Missbrauch von Patienten."

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 24. September 2000]

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