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Zum 1. Weltherztag: Experten erwarten ohne konsequente Herzkreislauf-Vorsorge KostenexplosionGöttingen/Münster/Köln (24.09.2000) - Als der Rettungswagen die Göttinger Uniklinik erreichte, stand das Herz des Patienten schon still. Der Infarkt hatte den 55-jährigen am Mittwochvormittag getroffen. Drei Tage vorher hatte er bereits Schmerzen im Brustkorb, die Vorwarnung aber nicht erkannt. "Es tut erst richtig weh, wenn es schon zu spät ist", sagt der ehemalige Bahnbeamte heute, zehn Jahre danach. Er hatte Glück. Weil der Infarkt tagsüber und in der Nähe einer Klinik kam, standen Notärzte und Rettungssanitäter rechtzeitig bereit und konnten den Göttinger wiederbeleben. "Wäre es nicht am helllichten Tag passiert, würde ich heute wohl nicht mehr leben."Rund 280.000 Herzinfarkte ereignen sich bundesweit nach Schätzungen der Deutschen Herzstiftung jährlich, mehr als 80.000 davon sind der offiziellen Statistik zufolge tödlich. Insgesamt sterben jedes Jahr in Deutschland mehr als 400.000 Menschen an Schlaganfall, Infarkt, Herzschwäche oder anderen Herzkreislaufleiden. In den Industrieländern sind diese Krankheiten für 60 Prozent aller Todesfälle verantwortlich und damit trotz aller medizinischen Erfolge die häufigste Sterbeursache überhaupt. Um die Bevölkerung über die Möglichkeiten der Vorbeugung besser aufzuklären, hat der Welt-Herz-Verband (World Heart Federation, WHF) den jeweils letzten Sonntag im September zum Weltherztag ausgerufen. An diesem Wochenende findet er zum ersten Mal statt, in Deutschland mit einer zentralen Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie in Münster. Rund um den Globus sind Herz- und Kreislauferkrankungen auf dem Vormarsch und werden nach Einschätzung der Weltbank und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) schon bald in den meisten Ländern der Erde zur führende Ursache für Tod und Behinderung aufsteigen. Bereits heute gehen rund 30 Prozent aller Todesfälle auf das Konto dieser Erkrankungen. In den Industrieländern liegt dieser Anteil sogar bei 60 Prozent. Darauf wies der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie Prof. Günter Breithardt (Universität Münster) am Montag in Berlin im Vorfeld des heutigen 1. Weltherztages hin. Die Fachleute erwarten, dass Herzkreislaufleiden "in den nächsten 20 Jahren enorm zunehmen." Schuld daran seien unter anderem Rauchen, Übergewicht, Bluthochdruck und andere Risikofaktoren, die gegenwärtig "in Besorgnis erregendem Ausmaß" ansteigen würden. Auch eine wachsende Lebenserwartung und bessere Überlebenschancen nach einem Infarkt tragen den Angaben zu Folge dazu bei. Weltbank und Weltgesundheitsorganisation WHO erwarten, dass Herzleiden in der Rangliste der globalen Belastungen bis 2020 vom gegenwärtig fünften Platz ganz an die Spitze vorrücken. Dabei zeigt sich in Europa ein starkes Ost-West-Gefälle. Vor allem in Russland nehmen Herzleiden zu. Auch in Deutschland spiegeln sich in den Daten deutliche regionale Unterschiede. "Die Bedeutung der Todesursache Herzkreislaufleiden ist im Nordosten am größten und nimmt nach Südwesten ab", erläutert der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), Prof. Günter Breithardt, von der Universität Münster. Das kann nach Auskunft des Kölner Gesundheitsökonoms Prof. Karl Lauterbach an Risikofaktoren wie Ess- und Rauchgewohnheiten liegen, die in den neuen Bundesländer ungünstiger seien. Dazu kämen soziale Faktoren wie Arbeitslosigkeit. Insgesamt sei das Gefälle aber nicht ausreichend untersucht. Wenig Unterschiede scheint es jedoch beim Wissen der Bevölkerung zu geben: Die Vorsorge ist oft ungenügend. "Herzkreislaufleiden lassen sich wie kaum eine andere Krankheit durch eine gesunde Lebensweise beeinflussen", betont Breithardt. Die Risiken sind bekannt: Rauchen, Störungen des Fettstoffwechsels, ungesunde Ernährung, zu wenig Bewegung und Bluthochdruck zählen zu den wichtigsten Faktoren. Der heute 65-jährige Göttinger Herzpatient hat die schmerzliche Lektion gelernt. Der ehemals starke Raucher rührt seit dem Tag seines Infarkts keine Zigarette mehr an. Innerhalb eines Jahres nahm er zwanzig Kilo ab und achtet seitdem eisern auf fettarme Ernährung. Statt Auto fährt er Fahrrad. Zur regelmäßigen Pflicht gehören für ihn auch Blutdruck senkende Tabletten. Dieses vorbildliche Verhalten ist jedoch überraschenderweise die Ausnahme. Zwar steigt einer Erhebung der WHO zufolge die Chance, einen Herzinfarkt zu überleben, in den westlichen Ländern derzeit um knapp ein Prozent pro Jahr an. Nur wenige Überlebende fühlen sich aber offenbar geläutert. So stellte die Europäische Gesellschaft für Kardiologie in einer Studie mit 5.556 Herzpatienten fest, dass knapp anderthalb Jahre nach der Krankenhaus-Behandlung eines Herzleidens 81 Prozent der Patienten immer noch übergewichtig waren, 61 Prozent sich nach wie vor zu wenig bewegten und 21 Prozent weiterhin rauchten. Dabei ist das Sterberisiko beim zweiten Infarkt doppelt so hoch wie beim ersten. Bei Herzkreislaufleiden droht daher eine Kostenexplosion, wenn Deutschland nicht in eine konsequente Vorsorge einsteigt. Der Kölner Gesundheitsökonom Prof. Karl Lauterbach rechnet in Deutschland ohne ein gezieltes Vorsorgeprogramm mit einer Verdoppelung der Kosten von Herzkrankheiten von derzeit 40 Milliarden Mark pro Jahr bis spätestens 2030. Ein neuer Fall kostet die Sozialversicherungen nach seinen Worten im Schnitt 68.000 Mark bis zum Lebensende des Patienten. Allein durch neue Behandlungsmethoden lasse sich keine wesentliche Einsparung erreichen, betonte Lauterbach. Wichtig sei vor allem die Vorsorge. Hier sollte Deutschland dem Beispiel Finnlands folgen und ein Vorsorgeprogramm auflegen. Die Finnen hätten durch Aufklärung und Routineuntersuchungen eine Halbierung der Zahl der Neuerkrankungen erreicht. "Bezüglich der Herzkreislauf-Vorsorge ist Deutschland ein Entwicklungsland", kritisierte Lauterbach, der als Experte im Sachverständigenrat des Bundesgesundheitsministeriums sitzt. "Wir hocken derzeit wie das Kaninchen vor der Schlange, dabei könnten wir jetzt handeln und die Kostenexplosion verhindern. Und zwar zum Wohle der Bevölkerung." Ein nationales Vorsorgeprogramm brauche jedoch etwa zehn Jahre Vorlaufzeit. "Es ist daher verwunderlich, dass die Krankenkassen und in Teilen die Gesundheitspolitik derzeit wenig Interesse an dem Thema Vorsorge zeigen." "Einer der wichtigsten Aspekte dabei ist die soziale Gerechtigkeit", erläuterte Lauterbach. "Denn die Vorsorge käme vor allem den sozial Schwachen zugute, die traditionell ein höheres Herzkreislauf-Risiko haben. Außerdem sind besonders die neuen Bundesländer betroffen, die daher eine deutlich niedrigere Lebenserwartung aufweisen." Ohne ein Vorsorgeprogramm werde die Behandlung der Herzleiden in Zukunft so teuer, dass sie ohne private Zuzahlungen nicht mehr finanzierbar sei. "Das bedeutet dann eine ausgeprägte Zwei-Klassen-Medizin", warnte der Experte. Zu den Haupt-Risikofaktoren für Herzkreislaufleiden zählt Lauterbach Rauchen, ungesunde Ernährung, mangelnde körperliche Aktivität, Bluthochdruck und Störungen im Fettstoffwechsel. "Wenn wir diese fünf Aspekte behandeln, sind wir im Geschäft, da diese Risikofaktoren gleichzeitig auch die wichtigsten vermeidbaren Ursachen für Krebserkrankungen sind." Stichwort: Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzinsuffizienz Der Sammelbegriff der Herzkreislaufleiden fasst eine Vielzahl von Erkrankungen des Herzkreislaufsystems zusammen. Rund 70 Prozent aller Todesfälle machen dabei nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) drei Krankheiten aus: Schlaganfall, Herzmuskelschwäche und Durchblutungsstörungen des Herzens einschließlich Herzinfarkt. Der Herz- oder Myokardinfarkt tritt plötzlich auf, wenn der Herzmuskel nicht mehr genug Sauerstoff bekommt. Schuld an dieser Unterversorgung ist in der Regel ein stark verengtes oder sogar verschlossenes Blutgefäß am Herzen, überwiegend die so genannte Kranzarterie. Dem eigentlichen Infarkt gehen dabei häufig jahrelange Durchblutungsstörungen voraus, die sich in Herzschmerzen äußern können. Für den endgültigen Verschluss sorgt in 90 Prozent der Fälle ein Blutpfropf. Durch einen Infarkt stirbt ein Teil des Herzmuskels ab. Die Auswirkungen sind von Ausmaß und Ort dieser Muskelzerstörung abhängig. Die chronische Herzmuskelschwäche oder -insuffizienz bezeichnet eine unzureichende Pumpleistung des Herzmuskels. Sie kann zum Beispiel durch Erkrankungen der Herzkranzgefäße mit entsprechenden Durchblutungsstörungen ausgelöst werden. Auch eine Überbelastung des Herzmuskels, etwa durch Bluthochdruck oder einen Herzklappenfehler, kann zur Herzinsuffizienz führen. Beim Schlaganfall oder Hirnschlag wird die Durchblutung einzelner Gehirnbezirke schlagartig gestört oder sogar unterbrochen. Dadurch kommt es zu Bewusstlosigkeit, Lähmungserscheinungen, Sprach- und Gefühlsstörungen. Zwei Drittel aller Fälle beruhen auf einer Verengung der Arterien und können beispielsweise durch eine Herzinsuffizienz ausgelöst werden. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 24. September 2000] Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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