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Psychotherapie
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Wenn der Tod seinen Schrecken verbreitet: "Erste Hilfe für die Seele" des Hamburger KriseninterventionsteamsHamburg (25.09.2000) - Von Friedhelm Schachtschneider. Es sollte ein Kuchen für das Wochenende werden. Der Teig auf dem Backblech ist zur Hälfte mit Pflaumen belegt, als die Frau plötzlich ihre Arbeit unterbricht - geplagt von einer dunklen Vorahnung. Als zwei Stunden später Ute Plagge und ein Polizist in Uniform an der Haustür klingeln, um ihr die Nachricht vom tödlichen Arbeitsunfall ihres Mannes zu überbringen, empfängt die Frau sie mit den Worten: "Ich weiß schon Bescheid, kommen Sie rein".Die 43-jährige Plagge arbeitet ehrenamtlich beim 1997 geschaffenen Kriseninterventionsteam (KIT) des Hamburger Roten Kreuzes, das sich ausschließlich über Spenden finanziert. Plagge und ihre knapp 30 Kollegen werden von Polizisten oder Notärzten dann gerufen, wenn Angehörigen von Verbrechensopfern, Hinterbliebene eines plötzlich Verstorbenen oder Augenzeugen eines dramatischen Unfalls sofort betreut werden müssen. In diesem Fall wurde die 43-jährige von der Polizei informiert, weil die schwer Asthma kranke Frau möglicherweise zusammenbricht, wenn sie vom Tod ihres Mannes erfährt. "Wir leisten Erste Hilfe für die Seele", fasst Harald Krüger die Arbeit des KIT zusammen. Der 43-jährige Geschäftsführer des DRK- Kreisverbandes Hamburg-Harburg koordiniert die Einsätze der 25 bis 70 Jahre alten Helfer. Das Team steht rund um die Uhr bereit und ist 30 bis 40 Minuten nach einem Alarm vor Ort. In ihrer Ausbildung wird den aus unterschiedlichen Berufen kommenden KIT-Helfern psychologisches und psychiatrisches Grundlagenwissen vermittelt, werden sie mit Kursen in Gesprächsführung und Stressbewältigung auf mögliche Krisensituationen vorbereitet. Oft überbringen sie Angehörigen die Nachricht vom plötzlichen Tod eines nahe stehenden Menschen, auch bei jedem zweiten der jährlich rund 250 Tötungsdelikte in Hamburg sind die Männer und Frauen vom DRK gefordert. In neun von zehn Fällen kommt der Anruf an das KIT von der Polizei, mit der die Helfer laut Krüger "immer unbürokratisch und kollegial" zusammenarbeiten. Es kommen auch Wochen ohne Einsätze vor, im Durchschnitt wird das Kriseninterventionsteam aber wöchentlich zwei bis drei Mal angefordert. Dabei können es auch Großeinsätze sein, wie im vergangenen Juni in Hamburg-Wilhelmsburg. Als neben mehreren Erwachsenen auch viele Kinder hilflos zusehen mussten, wie der sechsjährige Volkan von einem Kampfhund zerfleischt wurde, war das KIT mit insgesamt 15 Helfern vor Ort. "Da war die ganze Schule betroffen und ein oder zwei Helfer reichten nicht aus", erinnert sich Plagge. Ende August hatte die Informatikerin schon einen anstrengenden Arbeitstag hinter sich, als am Abend ihr Alarm-Handy piepte. Wie weitere sechs KIT-Helfer wurde Plagge zum Tatort eines brutalen Verbrechens gerufen: eine Frau und ihre 14 und 15 Jahre alten Töchter waren vom Ex-Freund der Mutter mit Handschellen gefesselt und erschossen worden. Ein 11-jähriges Kind konnte der Bluttat durch Zufall entkommen und hörte aus der Wohnung von Nachbarn zu, wie mit 17 Schüssen ihre Familie ausgelöscht wurde. Das Mädchen benötigte die Hilfe am dringlichsten, aber auch Nachbarn, Bekannte und Mitschüler der Opfer brauchten in der ersten Zeit nach dem brutalen Verbrechen ein Stütze. "Wichtig ist, dass diese Menschen das Gefühl haben: ich bin jetzt nicht allein", sagt Krüger. Oft seien es kleine Gesten wie ein überreichtes Taschentuch, mit dem KIT-Helfer signalisierten: du darfst jetzt weinen, musst deine Trauer nicht verstecken. Polizisten würden nicht selten schon nach wenigen Minuten zum nächsten Einsatz gerufen und seien dann froh, wenn sie Menschen in ihrer seelischen Not nicht allein zurücklassen müssen. "Manchmal bleiben wir nur eine Stunde vor Ort, nach maximal drei Stunden ist in der Regel ein Einsatz für uns beendet", berichtet Krüger. Sind Familienangehörige benachrichtigt, ist ein Pastor oder Psychologe gekommen, konnte ein Erstkontakt zu einer Opferhilfeorganisation vermittelt werden, ist die Arbeit des KIT getan. "Wir machen keine Nachbetreuung, in der Regel sehen wir die Betroffenen nur einmal", sagt Krüger. "Wenn ich zum Einsatz fahre, weiß ich nie, was mich erwartet", meint Plagge. Alarmiert, um die kranke Frau nach der Todesnachricht zu betreuen, muss sich die 43-jährige um die erwachsene Tochter kümmern. Eigentlich geholt um der Mutter beizustehen, bricht die junge Frau selbst zusammen. Nach etwa zwei Stunden ist auch der Sohn im Haus und die Familie kann beginnen, den Verlust gemeinsam zu bewältigen. Plagge erlebt "das gute Gefühl, geholfen zu haben" als die Familienmitglieder der KIT-Helferin sagen: "Danke, aber sie können jetzt gehen". (dpa) [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 25. September 2000] Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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