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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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42. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Jena - Sozialer Wandel nach deutscher Vereinigung ungleichmäßig

Jena (25.09.2000) - Von Dietmar G. Luchmann. Die Psychologie in Deutschland soll sich künftig noch internationaler, interdisziplinärer und anwendungsorientierter entwickeln. Nur so könne sie die neuen Herausforderungen meistern und ihre Position behaupten, erklärte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Professor Rainer H. Kluwe, am Montag bei der Eröffnung des 42. Psychologiekongresses in Jena. Psychologie sei da erfolgreich, wo sie neue Forschungsthemen in Grenzbereichen mit Blick auf Nachbardisziplinen aufgreife. An den Beratungen nehmen bis Donnerstag 2.000 Wissenschaftler teil.

Die deutsche Vereinigung hat einer Studie zufolge bei jungen Menschen in Ost und West zu ungleichen sozialen Veränderungen geführt. Während sich im Westen Deutschlands kaum etwas im Verhalten dieser Gruppe änderte, habe es im Osten oft radikale Brüche gegeben, berichtete der Jenaer Entwicklungspsychologe Rainer K. Silbereisen auf dem Kongress.

Der Kongresspräsident Silbereisen und sein Forscherteam hatten ihre Untersuchungen 1991 und 1996 angestellt und die Ergebnisse verglichen. So hätten die jungen Leute im Osten 1991 kollektivistische Werte wie Sicherheit durch die Familie, Achtung vor der Tradition und Höflichkeit bevorzugt. Fünf Jahre später seien diese Werte stärker von individualistischen verdrängt worden und zwar bei Jugendlichen in größerem Maße als bei jungen Erwachsenen. Besonders großen Druck zu sozialen Veränderungen habe die deutsche Vereinigung auf Frauen mit geringer Bildung ausgeübt. Wer 1991 noch Friseuse werden wollte, habe 1996 etwa Model sein wollen.

In einer Podiumsdiskussion erklärten Wissenschaftler, Fremdenfeindlichkeit werde durch mangelnde Kontakte zu Ausländern begünstigt. Hinzu komme bei vielen Tätern im Osten Deutschlands ein Gefühl der Benachteiligung gegenüber dem Westen. Die Jenaer Sozialpsychologin Sabine Otto sagte, das passive Verhalten der so genannten schweigenden Mehrheit führe bei den Tätern zu der Annahme, ihre Gewalttaten würden in der Bevölkerung geduldet. Erforderlich seien deshalb ein gesellschaftliches Klima, das Gewalt ablehne und eine multikulturelle Haltung bei den Menschen auspräge.

Der Jenaer Psychologie wird nachgesagt, dass sie eine lange Vergangenheit habe, aber nur eine kurze Geschichte. Bereits die ersten Jenaer Universitätsprofessoren Johannes Stigel (1515-1562) und Victorius Strigel (1524-1569) befassten sich in ihren Lehrveranstaltungen nach Angaben des Instituts für Psychologie mit psychologischen Fragestellungen im Geiste Melanchthons.

Es waren Mediziner wie der Physiologe William Thierry Preyer (1841-1897), die die Psychologie in Jena erstmals als empirische Wissenschaft mit naturwissenschaftlichem Profil betrieben. Mit seiner Monografie "Die Seele des Kindes" (1882) wurde Preyer zum Begründer einer wissenschaftlichen Kinderpsychologie in Deutschland. Dem Klinikdirektor Hans Berger (1873-1941) gelang es 1924 zum ersten Mal, elektrische Potenzialschwankungen im Menschengehirn festzustellen und graphisch darzustellen - heute als Elektroenzephalogramm (EEG) bekannt. 1923 wurde die "Psychologische Anstalt" gegründet. Das Institutsgebäude versank 1945 bei Luftangriffen in Schutt und Asche.

Nach der Wiedereröffnung der Jenaer Universität im Oktober 1945 musste die Psychologie meist der Lehrausbildung Rechnung tragen. Das Institut für Psychologie wurde erst 1960 unter Friedhart Klix wiedergegründet. 1961 begann der Diplomstudiengang Psychologie. Mit der Berufung von Hans Hiebsch (1922-1990) wurde das Institut zum Zentrum der Sozialpsychologie in der DDR ausgebaut.

Nach der politischen Wende 1989/90 begann die Umstrukturierung und der Neuaufbau. Die Psychologie sollte nun in ihrer ganzen Breite in Lehre, Forschung und Anwendung entwickelt werden. Besonders geachtet wurde auf die internationale Kooperation. Das in Jena vertretene Konzept ist "biopsychosozial", das heißt biologisch und sozialwissenschaftlich ausgerichtet. Umfangreiche Forschungsprojekte laufen zu Grundlagen des Verhaltens, zu Beziehungen zwischen sozialen Gruppen und zur langfristigen Entwicklung der Persönlichkeit.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 25. September 2000]

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