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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Verletzen als verirrter Versuch der "psychischen Selbsthilfe" - Schmerz schafft Erleichterung bei der Suche nach Kontrolle

Düsseldorf/Göttingen (25.09.2000) - "In meinem Kopf waren ganz brutale Bilder, wie ich mich zurichten wollte. Ich habe mich in dem Moment abgrundtief gehasst." So beschreibt Manuela ihr Gefühl, warum sie sich mit einer Scherbe, einem Messer oder einer Rasierklinge den Arm aufritzte. Die 23-jährige verletzt sich selbst - es ist ihre Art, mit psychischem Druck fertig zu werden. "Kurz danach hatte ich ein besseres Gefühl, solange, bis die Wunde verbunden war", erzählt sie. Und Manuela ist kein Einzelfall: Rund ein Viertel aller psychisch Kranken hätten sich schon einmal selbst verletzt, schätzt der Psychiater Andreas von Wallenberg-Pachaly, der sich in seiner Praxis in Düsseldorf intensiv mit dem Thema beschäftigt hat.

"Man kann das Selbstverletzen als eine Art eigenes Medikament verstehen", erklärt Ulrich Sachsse vom Niedersächsischen Landeskrankenhaus Göttingen, der unter anderem Manuela behandelt. "Das Schneiden kann einen Erregungszustand kurzfristig herunter regulieren." Die Betroffenen hätten in ihrem Leben in der Regel belastende Erfahrungen gemacht, ihnen fehle jedoch ein Stressverarbeitungssystem, das schwierige Situationen meistern kann. Selbstschädigende Handlungen sind ein Merkmal einer Borderline Persönlichkeitsstörung.

In Osnabrück hat sich Anfang August eine Selbsthilfegruppe von betroffenen Frauen gegründet. Sie wollen neben ihrer psychologischen Behandlung auch miteinander über ihre Probleme sprechen. Noch stehe die Gruppe ganz am Anfang, es gebe gerade drei bis vier Interessierte, sagte ein Sprecher.

"Das erste Mal geschnitten habe ich mich zufällig, als ich für meinen Vater einen Rasierer vom Nachbarn holen sollte. Da war ich neun", erinnert sich Manuela. Mit zwölf sei sie auf eigenen Wunsch in ein Kinderheim gekommen, weil sie große Schwierigkeiten mit den Eltern hatte. Dort habe sie "eine schöne Zeit" gehabt. Als sie mit 17 Jahren in eine eigene Wohnung zog, begann der Prozess der Selbstverletzung schleichend. "Ich bin zum Beispiel absichtlich hingefallen, richtig bewusst ist mir das aber nicht geworden."

"Die meisten machen die erste Erfahrung mit dem Verletzen zufällig und merken dann, dass es ihnen eine Erleichterung verschafft. Der Druck ist erst mal weg und die Gedanken sind wieder klar", hat der Psychiater Sachsse erfahren. Dies sei durchaus vergleichbar mit dem Griff zum Alkohol oder zum Rauschgift. In etwa drei Viertel der Fälle würden die Betroffenen das Anritzen der eigenen Haut als eine Art Selbstmedikation benutzen, nur wenige schnitten sich, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Die Erfahrung hat auch der Düsseldorfer Psychiater von Wallenberg-Pachaly gemacht. "Diese Menschen haben oft existenzielle Ängste, glauben, sich langsam aufzulösen. Sie versuchen, wieder ein Gefühl für sich zu bekommen." Er berichtet von einem Vergewaltigungsfall, in dem es der Frau gelungen ist, zum Schutz gegen die tiefe Demütigung ihren Körper "psychisch zu verlassen". Danach sei es ihr jedoch nicht gelungen, wieder zurückzukehren. "Dadurch, dass sie sich solange geschnitten hat, bis sie den Schmerz wieder spürte, hat sie versucht, sich selbst zu therapieren."

Manuela ist inzwischen in einer betreuten Wohngruppe. "Ich habe mich schon lange nicht mehr geschnitten, aber ich stand schon sehr oft kurz davor." Ärzte, die ihre Wunden behandelt haben, hätten in der Vergangenheit oft verständnislos und sogar ärgerlich reagiert. "Viele Ärzte wissen nicht, wie sie mit solchen Patienten umgehen sollen. Schuld daran ist Unwissenheit", glaubt Sachsse. "Wir behandeln vor allem die Trauma-Erfahrungen, die zum selbstverletzenden Verhalten geführt haben."

Es gibt noch vergleichsweise wenige kontrollierte Studien, die untersuchen, welche psychotherapeutischen Verfahren bei selbstverletzendem Verhalten am wirksamsten sind. Zu der insgesamt eher aufwendigen Behandlung dieser Störung gibt es Hinweise auf eine größere Effizienz kognitiv-verhaltenstherapeutischer Ansätze gegenüber psychodynamischen.    

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 25. September 2000]

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