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Wirtschaft und Kirchen rufen zum Kampf gegen Rechtsextremismus auf - Psychologe rät von der Kündigung Rechtsextremer abBerlin (25.09.2000) - Wirtschaft, Kirchen und Politiker in Deutschland haben zu einem entschiedenen Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus aufgerufen. Dies gebiete sich aus Gründen der Menschlichkeit und der historischen Verantwortung Deutschlands, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Ludolf von Wartenberg, am Sonntag auf einem BDI-Symposium in Berlin. Die christlichen Kirchen mahnten zum Auftakt der bundesweiten "Woche der ausländischen Mitbürger" ein stärkeres Engagement gegen Rechtsradikalismus an. Nach Auffassung von Bundespräsident Johannes Rau ist es auch eine Frage der Selbstachtung der Deutschen, "dass hier nicht Jagd auf Menschen gemacht werden darf, nur weil sie anders aussehen, anders glauben und eine andere Herkunft haben".Von Wartenberg betonte, dass "die Stärke der deutschen Wirtschaft und damit der Wohlstand der deutschen Gesellschaft ganz wesentlich auf der Leistung ausländischer Arbeitnehmer" beruhe. Zuwanderer schafften Arbeitsplätze in Deutschland, betonte BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel. Allerdings müsse die Politik besser vermitteln, warum Deutschland Zuwanderer brauche und gleichzeitig vier Millionen Menschen arbeitslos seien. Ohne die insgesamt 7,3 Millionen ausländischen Mitbürger sind laut BDI weder die Wirtschaft noch die Sozialsysteme überlebensfähig. Es müsse mehr in den Bereichen Bildung, Schule und Aufklärung getan werden, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, in Hannover. Die Aufmerksamkeit für rechte Gewalt dürfe kein Strohfeuer bleiben, meinte auch der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands, Präses Manfred Kock. "Wir brauchen in dieser Sache nicht nur viele kleine Bündnisse, sondern eine große Koalition." Die 25. "Woche der ausländischen Mitbürger" steht unter dem Motto "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Sie ist eine gemeinsame Initiative christlicher Kirchen und unter anderem Vertretern von Gewerkschaften und dem Zentralrat der Muslime. Bundespräsident Rau äußerte sich skeptisch zu einem NPD-Verbot. Die Geschichte lehre, dass anschließend die Leute nur in andere Organisationen wieder auftauchten. Man müsse sich mit den Gesinnungen auseinander setzen, sagte das Staatsoberhaupt am Sonntagabend in einem vorab veröffentlichten ZDF-Interview. Nach Auffassung von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) darf der Staat einen Angriff auf sein zentrales Gewaltmonopol nicht hinnehmen. "Wenn es die Chance gibt, Strukturen, die das fördern oder gutheißen, zu zerschlagen, dann werden wir das machen", sagte Schröder auf einem Parteitag der bayerischen SPD in Memmingen. Das Vorstandsmitglied der Dresdner Bank, Joachim von Harbou, sieht angesichts zunehmender rechtsextremer Gewalt auch seine eigene Branche und Bank in der Verantwortung. "Da sind alle, die in unserem Staat Verantwortung tragen, gefragt - insbesondere auch die weltweit agierenden Banken", sagte er in der "Welt am Sonntag". Der Psychologe Fritz Strack (Würzburg) wandte sich auf dem BDI-Symposium gegen die BDI-Forderung nach Kündigung von auffälligen Rechtsextremen in den Betrieben. Dies bewirke "wenig oder vielleicht sogar das Gegenteil". Deren Selbstwertgefühl werde zerstört und sie würden anfälliger für rechtsextreme Ideologien. Die Wirtschaft müsse eher zusätzliche Stellen für Jugendliche schaffen. Nach Auffassung von Psychologenverbänden profitieren rechte Gewalttäter von einer vermeintlichen Zustimmung durch die Bevölkerung. Diese Rückendeckung lasse sich mit Hilfe einer breiten und von allen gesellschaftlichen und politischen Gruppen getragenen Ächtung von Gewalt und Gewaltanwendung zerstören. Die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Marieluise Beck, und die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Eva-Maria Stange, kritisierten Finanzkürzungen vieler Kommunen bei der Jugendarbeit. Diese sei aber sehr wichtig zur Vorbeugung von Rechtsextremismus. Der Präsident des Fachverbandes für Soziale Arbeit, Strafrecht und Kriminalpolitik, Hans-Jürgen Kerner, sagte beim Bundeskongress des Gremiums am 21.09.2000 in Dresden: "In der Bevölkerung und in der Politik vertraut man zu sehr auf einen direkten Wirkungsmechanismus des Strafens." Dabei lasse sich ein Anstieg von Straftaten oft aus Entwicklungen in der Gesellschaft herleiten. Auch der Ausbruch des Radikalismus sei keineswegs aus dem Nichts entstanden. "Die Vorstellung, dabei mit dem Strafrecht sofort etwas bewirken zu wollen, entspricht der Idee, dass der Schwanz mit dem Hund wackelt." Nötig seien vielmehr moderne Ansätze, wie durch präventive Arbeit mit breiter Bürgerbeteiligung die Situation zu verbessern ist. Das gelte auch für Pläne nach einem Verbot der NPD. "Mein Bauch sagt ja, mein Kopf ist aber skeptisch", sagte der 56-jährige Professor. Er würde es vorziehen, wenn die Gesellschaft die politische Auseinandersetzung sucht. In ihrer ersten Sitzung nach der Sommerpause beschloss die Bundesregierung am 16.08.2000 bereits, das private Engagement von Bürgern gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit mit 75 Millionen Mark zu unterstützen und ein "Bürger-Bollwerk gegen Rechtsradikalismus" schaffen. Angestrebt werden vor allem vorbeugende politische Jugendprojekte. Beim Bundesinnenminister wird außerdem ein zehn Millionen Mark umfassender Fonds für die Opfer rechter Gewalt eingerichtet. Damit sollen auch Bürger unterstützt wurden, die sich in Auseinandersetzungen mit Extremisten eingemischt haben und dabei zu Schaden gekommen sind. Zu dem Maßnahmenbündel der Regierung zählt unter anderem auch die Fortbildung von Mitarbeitern im öffentlichen Nahverkehr. Bei Belästigung oder Übergriffen auf Ausländer sollen sie moderierend eingreifen können, um Konflikte nicht eskalieren zu lassen. Nach Ansicht der Grünen-Chefin Künast müssen die Lehrer im Kampf gegen den Rechtsextremismus nachgeschult werden. Vor allem in den neuen Bundesländern drückten sich Lehrer, wenn es um das Thema Nationalsozialismus gehe, sagte sie der Zeitschrift "Die Woche". Auch Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) will vor allem die Lehrer im Kampf gegen den Rechtsextremismus einspannen. Der bevorstehende 43. Deutsche Historikertag in Aachen soll auch ein Signal gegen Rechtsradikalismus geben. "Es wäre schön, wenn von diesem Historikertag ein Impuls zur Eindämmung von Rechtsradikalismus ausgehen könnte", sagte der Vorsitzende des Verbandes der Historiker Deutschlands, Prof. Johannes Fried, der dpa. Zahlreiche Geschichtslehrer würden unter den etwa 3.000 Teilnehmern erwartet. Auf dem Historikertag (26. bis 29. September) ist eine Podiumsdiskussion zu den Ursachen von rechter Gewalt und möglichen Bekämpfungsstrategien zusätzlich ins Programm aufgenommen worden. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 25. September 2000] Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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