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"Kulturschock" durch den Zwang, selbst Unternehmer zu werden - Unternehmerpersönlichkeit allein aber keine ErfolgsgarantieLudwigshafen/Jena (28.09.2000) - Die Arbeitswelt befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Arbeiter und Angestellte werden nach Ansicht des Wirtschaftspsychologen Prof. Gerhard Raab künftig immer öfter als selbstständige Unternehmer auftreten. "Die klassischen Arbeitsmodelle sind Auslaufmodelle", sagte Raab am Mittwoch in Ludwigshafen. Der Trend gehe nicht mehr zur Einstellung auf Dauer, sondern zu "projektbezogenen Arbeitsformen". Dafür werde jeweils neues Personal angeheuert. Konsequenz sei, dass immer mehr Arbeitnehmer Unternehmer würden.Nach Raabs Angaben sinkt der Anteil der klassischen Arbeitsverhältnisse kontinuierlich. Damit künftige Generationen besser mit der veränderten Situation zurecht kämen, müssten sie bereits während Ausbildung oder Studium auf eine Existenz als Unternehmer vorbereitet werden, forderte er. Wichtig sei die Fähigkeit, Wissen vermitteln zu können. "Das Wissensmanagement wird über den Wettbewerb von Unternehmen und Nationalökonomien entscheiden", sagte der Wirtschaftswissenschaftler und Psychologe von der Fachhochschule für Wirtschaft in Ludwigshafen. Die neue Selbstständigkeit werde jedoch in vielen Fällen nichts mit der klassischen Vorstellung von einem Unternehmer zu tun haben. Sie sei zu vergleichen mit der Tätigkeit eines Lkw-Fahrers, der immer im Dienste von anderen unterwegs sei. Dieser Wandel in der Arbeitswelt werde für viele altgediente Arbeitnehmer "einen Kulturschock" bedeuten. Zugleich müsse vermieden werden, dass es sich bei den Selbstständigen der Zukunft nur um "Scheinselbstständige" handele, die keine Sozialabgaben zahlen könnten. "Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem." Nötig sei deshalb eine konzertierte Aktion, in die neben Politik, Unternehmen, Hochschulen und Politik auch die Gewerkschaften eingebunden werden sollten. Raab warnte Unternehmen davor, "blauäugig" auf den neuen Zug aufzuspringen und ihr Personal ohne Ausnahme auszugliedern. Die Firmen müssten die neue Entwicklung differenziert betrachten, Vorteile und Nachteile abwägen und prüfen, wo für sie der beste Weg liege. Der Wandel hin zu mehr Selbstständigkeit habe auch positive Seiten, sagte Raab. So könnten die künftig als Unternehmer auftretenden Arbeitnehmer ihren Preis möglicherweise aushandeln und Aufgaben nach ihren Interessen und Fähigkeiten differenziert aussuchen. Die Unternehmen hingegen könnten sich für bestimmte Projekte die besten Expertenteams zusammenstellen und so flexibel auf neue Marktentwicklungen reagieren. Raab regte an, Studenten so früh wie möglich mit den Anforderungen an Selbstständige vertraut zu machen. "Nicht erst warten, bis man fertig und arbeitslos ist", riet er. Studenten sollten beispielsweise schon Produktideen entwickeln und sich überlegen, wie sie umgesetzt werden könnten. Zudem sollten angehende Jung-Unternehmer lernen, wie man sich Finanzmittel verschafft und welche Rechtsform für das Unternehmen am besten ist. Vor allem müsse man für sich klären, ob man die nötige Risikobereitschaft und emotionale Stabilität mitbringe. "Bei der gegenwärtigen Euphorie darf nicht vergessen werden, dass unternehmerische Selbstständigkeit harte Arbeit bedeutet und nichts mit dem Mythos 'vom Tellerwäscher zum Millionär' zu tun hat." Tatsächlich greifen Arbeitslose verstärkt zur Selbsthilfe und gründen ihre eigene Firma. Unternehmensgründungen werden damit immer mehr zu einem Mittel, um sich selbst Arbeit zu beschaffen und einen sozialen Abstieg zu vermeiden, ergab die Studie eines Psychologen-Teams aus Wien. Viele, die aus der Arbeitslosigkeit heraus den Schritt in die Selbstständigkeit wagen, sind bereits etwas älter. Dadurch besitzen sie mehr Berufserfahrung und verhalten sich gegenüber schwer kalkulierbaren Risiken vorsichtiger als junge Existenzgründer. Gleichzeitig unterschätzen aber dennoch viele den organisatorischen Aufwand für eine eigene Firma, fanden die Forscher heraus. Außerdem müssten ältere Existenzgründer oft höhere Hürden für die Anfangsfinanzierung überwinden, weil sie nicht dem Klischee des dynamischen Jungunternehmers entsprächen. Eine Unternehmerpersönlichkeit garantiert dabei noch lange nicht den Erfolg eines Betriebes. Das gilt insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen, fanden Psychologen der Universität Gießen heraus. Einer von ihnen, Prof. Michael Frese, stellte seine Studie beim 42. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Jena am Dienstag vor. Entscheidendes Gewicht messen die Gießener Wissenschaftler den weitsichtigen Handlungsstrategien der Unternehmenslenker bei. Wer sich auf "Benchmarking" verlasse - also die erfolgreichen Ideen und Handlungsweisen von Konkurrenten übernehme - der verhalte sich durchaus riskant. Auch ein Abwarten der Marktentwicklung könne den entscheidenden Vorsprung kosten. Vielmehr empfehlen die Psychologen aufwändige und detaillierte Strategieplanungen bis in die Zukunft, so dass auch in kritischen Situationen klares Handeln möglich ist. So genannte proaktive Strategien seien deutlich Erfolg versprechender als reaktive Handlungsweisen. Auf der Basis ihrer Erkenntnisse wollen die Gießener Wissenschaftler ein Weiterbildungsangebot für Manager anbieten sowie Banken und Risikokapitalgeber beraten. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 28. September 2000] Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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