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Musik als Psychotherapie-Begleitung kann heilen helfen - Schindluder bei Kassetten mit Entspannungs- und MeditationsmusikBerlin/Münster (30.09.2000) - Die heilsame Wirkung von Musik ist seit biblischen Zeiten bekannt. Schon David, so berichtet das Alte Testament, vertrieb mit seinem Harfenspiel die Schwermut des König Saul. Auch altgriechische Quellen erwähnen die heilende Wirkung der Musik. "Die Erziehung zur Musik ist von höchster Wichtigkeit, weil Rhythmus und Harmonie machtvoll in das Innerste der Seele dringen", schrieb Platon. In der Musiktherapie wird diese Wirkung auch heute noch genutzt. Musiktherapie ist ein psychotherapeutisches Verfahren, das sich allerdings nicht als Konkurrenz zur Schulmedizin sieht, sondern als alternative Ergänzung.Musik ruft Emotionen hervor, beruhigt, tröstet und kann dadurch das Verhalten verändern, einen Heilungsprozess fördern, die Schmerztoleranz steigern und Ängste abbauen. "Keine andere Tätigkeit kann so viel Spannung und Aggressivität abbauen wie die in Körperbewegung umgesetzte Musik", schreibt der Schriftsteller Gerhard Szcesny. Auch die Biochemie des Körpers lässt sich damit verändern. Studien zeigen, dass durch wohlklingende Musik vermehrt so genannte Endorphine freigesetzt werden. Bessere Laune und eine geringere Schmerzempfindlichkeit sind die Folge. "Man kann jedoch nicht sagen, dass eine bestimmte Musik bei allen Menschen gleich wirkt", gibt Yolanda Bertolaso zu bedenken, Geschäftsführerin der Akademie für Musik- und Tanztherapie in Münster. Viele fänden zum Beispiel Streichquartette von Haydn klasse, ihr sträubten sich dabei jedoch die Nackenhaare. Auch Franz Mecklenbeck, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Musiktherapie in Berlin und Diplom-Musiktherapeut in Düsseldorf hält Aussagen wie "Mozart ist gut gegen Depressionen" für Quatsch. "Wenn man eine schwerstdepressive Frau hat, die nichts mehr vom Leben erwartet, dann kann man keinen Beethoven vorspielen, sondern muss sich einfühlen", sagt Professor Karl Hörmann, Leiter der wissenschaftlichen Weiterbildung Musiktherapie an der Universität Münster. Deshalb ist es oft sinnvoller, dem Patienten nicht Musik aus der Konserve vorzuspielen, sondern als Therapeut selbst zu musizieren. Als die "Stenographie der Gefühle", beschrieb Leo Nikolajewitsch Graf Tolstoi das Fließen der Musik. Dabei wird durch Improvisation die Stimmung des Patienten in Musik umgesetzt. Danach wird über die Gefühle, die der Patient beim Hören empfunden hat, gesprochen. Neben der beschriebenen "rezeptiven" Musiktherapie gibt es die aktive Musiktherapie, bei der der Kranke selbst zum Instrument greift. Musikalische Vorkenntnisse sind dafür nicht notwendig, denn es werden Instrumente verwendet, die jeder spielen kann - wie Glockenspiele oder Trommeln. Der Patient hat so die Möglichkeit, Unausgesprochenes durch Stimme, Klang und Rhythmus mitzuteilen und zu erleben. Dadurch kann der Therapeut oft mehr über den Patienten erfahren, als im Gespräch. "Ebenen der Psyche, die ich mit Sprache nicht erreiche, erreiche ich mit Musik", sagt Mecklenbeck. Beim gemeinsamen Musizieren kann der Therapeut den Patienten in eine bestimmte Richtung lenken und so Veränderungen seiner Gefühle und Verhaltensweisen bewirken. Musiktherapeuten müssen nicht nur musikalische Fähigkeiten haben, sondern brauchen auch eine psychologische Ausbildung, denn nach dem Musizieren wird das Gespielte besprochen und analysiert. Musiktherapie eignet sich für die begleitende Behandlung von Menschen, die mit dem Gespräch nicht oder noch nicht erreichbar sind. Dies können Patienten mit psychiatrischen und psychosomatischen Erkrankungen sein, ebenso Suchtkranke und Komapatienten. Auch Kindern mit Entwicklungs- und Verhaltensstörungen oder alten Menschen, unheilbar Kranken und Sterbenden vermag Musik zu helfen. Menschen, die sich auf Grund einer Behinderung oder Krankheit nicht verbal verständlich machen können, verleiht Musik eine Sprache und führt sie so aus der Isolation. Und manch kopflastiger Denker kann mit Musik lernen, seine Gefühle zu zeigen: "In Musikdingen wird sogar der vernünftigste Mann zum Schwärmer, weil er über das Warum der Gefühle keine Rechenschaft ablegen kann", beobachtete der französische Schriftsteller Stendhal (1783-1842). Die Krankenkassen bezahlen eine ambulante Musiktherapie nicht, denn sie ist keine wissenschaftlich anerkannte Heilmethode und kann eine Psychotherapie nur begleitend unterstützen. Ein Großteil der rund 1.800 Musiktherapeuten in Deutschland arbeitet deshalb in klinischen Institutionen. Dort wird Musiktherapie im Rahmen des Aufenthalts in der Regel als Gruppenveranstaltung angeboten: Für Kliniken ein im Vergleich zur psychotherapeutischen Einzelbehandlung deutlich preiswerteres Therapieangebot. Die Behandlung in einer freien musiktherapeutischen Praxis kostet zwischen 80 und 150 Mark pro Behandlungseinheit. Man sollte darauf achten, dass der Therapeut eine staatliche Ausbildung hat, denn "es laufen sehr viele Dilettanten rum", warnt Professor Hörmann. Zu warnen ist auch vor der Überschätzung einer Musiktherapie - sie kann eine Psychotherapie nicht ersetzen. "Musiktherapie kann aber auch schaden, wie jedes Medikament", sagt Frauke Schwaiblmair, Musiktherapeutin und Diplom-Psychologin aus München. Bei einer akuten Psychose eigne sich Musiktherapie nicht, weil sich der Psychotiker durch Musik noch mehr verlieren und aus der Realität flüchten könne, so Mecklenbeck. Von einer Selbsttherapie mit Entspannungskassetten raten alle Experten ab. "Therapie findet nur dann statt, wenn es hinterher zu einem Gespräch kommt", sagt Mecklenbeck. "Mit Entspannungs- und Meditationsmusik wird viel Schindluder getrieben, von Leuten die keine Ahnung haben" ergänzt Hörmann. Solche Kassetten könnten eventuell sogar schaden. Häufig suggerierten sie eine Selbsthilfe, die völlig unrealistisch sei und die Inanspruchnahme professioneller psychotherapeutischer Hilfe verzögere. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 30. September 2000] Buchtipp - und hier können Sie bestellen...
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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