|
|||||||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||||||
|
Psychotherapie
exklusiv |
|||||||||||||||||||
|
Medizin-Nobelpreis an Neurowissenschaftler: Eric Kandel, Paul Greengard und Arvid Carlsson für Parkinsonforschung geehrtStockholm/New York/Göteborg (09.10.2000) - Der diesjährige Nobelpreis für Medizin geht an drei Neurowissenschaftler. Für ihre bahnbrechenden Forschungen zur Parkinson-Krankheit, der Schizophrenie und Entdeckungen zur Kommunikation von Nervenzellen erhalten drei Forscher in diesem Jahr den Medizin-Nobelpreis. Ihre Arbeiten seien vor allem für das Verständnis der Parkinson-Krankheit bedeutend. Ausgezeichnet werden der gebürtige Wiener Eric R. Kandel, der US-Amerikaner Paul Greengard und der Schwede Arvid Carlsson, teilte das Karolinska Institut heute in Stockholm mit.Carlsson (Universität Göteburg) entdeckte die Bedeutung von Dopamin im Hirn, was zu Medikamenten gegen Parkinson führte. Greengard von der Rockefeller Universität in New York hat die Wirkung von Dopamin und anderen Signalstoffen im Nervensystem erforscht. Kandel arbeitet über wichtige Funktionen des Lern- und Erinnerungsvermögens. Er ist in Wien geboren, forscht jedoch an der Columbia Universität in New York und hat die US-Staatsbürgerschaft angenommen. Eric R. Kandel: Psychotherapie kann Zellvorgänge nachhaltig beeinflussen Eric R. Kandel (70) gilt als einer der bedeutendsten Erforscher neurologischer Vorgänge hinter alltäglichen Gehirnleistungen der Menschen. Der Nobelpreis sei eine "unglaubliche Ehre", sagte er der Nachrichtenagentur dpa in einer ersten Reaktion. Von der Ankündigung des Nobelpreises sei er überrascht worden. Er würde ihn demütig entgegennehmen. Mit Hilfe des Nervensystems einer Meeresschnecke entdeckte Kandel im Experiment zentrale Grundlagen zum Lern- und Erinnerungsvermögen der Menschen. "Wenn wir miteinander sprechen, kommuniziert mein Gehirn mit ihrem, erzeugt dort anatomische Veränderung und umgekehrt", sagt er. Seine Forschung ziele auf den Nachweis ab, dass Psychotherapie diese molekularen Vorgänge nachhaltig beeinflussen kann. Seit Jahren lehrt und forscht der österreichische Jude mit amerikanischer Staatsbürgerschaft in den USA. Nach dem Einmarsch nationalsozialistischer Truppen floh die Familie 1939 nach New York, wo Kandel unter ärmlichen Bedingungen aufwuchs. Als Neunjähriger kam er nach eigenen Worten bettelarm aus Österreich nach New York. "Ich war ein Flüchtling", erläutert er, "ein Verfolgter der Nazis". Knapp zehn Jahre später wurde er von einer der besten Lehrstätten der USA aufgenommen, der Harvard Universität in Cambridge (Massachusetts) und begann seine Laufbahn als Forscher. Bereits 1956 promovierte er an der New York University in Medizin, nachdem er in Harvard zunächst Geschichte und Literatur studiert hatte. Nach wissenschaftlichen Stationen in Boston und Paris kehrte Kandel 1965 wieder nach New York zurück. Schon bald spezialisierte er sich auf das Gehirn und suchte nach dem Mechanismus des Gedächtnisses. 1974 wurde er Direktor am Zentrum für Neurobiologie und Verhalten der renommierten Columbia Universität (New York). Seit 1984 forscht der Professor für Physiologie und Psychiatrie als leitender Wissenschaftler am Howard Hughes Medical Institute der Universität. Seinen Werdegang beschrieb Kandel als eine "typisch amerikanische Erfolgsgeschichte". Er habe sich aus dem ärmsten Viertel New Yorks hochgearbeitet. Dabei habe ihm seine Frau, eine geborene Französin, die vergangenen 44 Jahre zur Seite gestanden. Das Ehepaar hat zwei erwachsene Kinder und drei Enkel. Sein Forschungsfeld fasziniere ihn heute noch genauso wie vor 40 Jahren und werde ihn nach Möglichkeit noch lange an sein Labor fesseln. Unter Kollegen gilt Kandel als leidenschaftlicher Forscher. "Er zeichnet sich durch einen breiten methodischen Ansatz von der Verhaltensanalyse bis zu gentechnischen Verfahren aus", sagte Wolf Singer, Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt. Seine Forschung gilt insbesondere als bahnbrechendes Beispiel für eine Richtung, bei der komplizierte Verhaltensabläufe durch einfache Zellvorgängen erklärt werden. Dabei konzentriert sich Kandel auf die Funktion der Synapsen, der Endungen der Nervenzellen, die Kontakt zu anderen Nerven- und Drüsenzellen herstellen. Veränderungen der Synapsenfunktion sind demnach unter anderem zentral für das Lernen und Erinnern. Weggefährten erleben Kandel als geselligen Herrn mit Sinn für Humor. So beschreibt ihn Singer: "Er ist ein Mensch, den man in der Menge dann sofort erkennt, wenn es etwas zu lachen gibt." In seiner knapp bemessenen Freizeit hält er sich fit, spielt Tennis, schwimmt und joggt. Mit Vorliebe hört er Mozart, Haydn und Beethoven. Als Sammler konzentriert sich Kandel auf deutsche und österreichische Expressionisten und nennt einige Bilder von Kokoschka und Schiele sein eigen. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen zählen der New Yorker Academy of Medicine-Preis und der Lasker-Preis. In Eric R. Kandel ist ein großer Forscher mit einem begabten Autor zusammengetroffen. Seine gemeinsam mit James H. Schwartz 1985 erstmals herausgegebene Einführung in die Neurowissenschaften ("Principles of Neural Science") gilt als bestes Buch über die neurobiologischen Grundlagen unseres Seins und unserer Informationsverarbeitung. Vielleicht ist die Würdigung von Kandels Werk mit dem Nobelpreis auch ein Grund, die in diesem Jahr in vierter Auflage erschienenen, wundervollen "Principles of Neural Science" in einer aktuelleren deutschen Übersetzung herauszubringen. Paul Greengard: Humorvoller Bergsteiger und Pionier der Biochemie Paul Greengard (74) arbeitet an besseren Behandlungsmöglichkeiten für Schizophrenie, Alzheimer und der Parkinson-Krankheit. Seit 40 Jahren erkundet der gebürtige New Yorker die vielschichtige Signalübertragung zwischen Nervenzellen. Greengard war es, der in den 70er Jahren erstmals die Wirkungsweise des Botenstoffes Dopamin im Gehirn nachwies. "Ein besseres Verständnis des Signalsystems zwischen den Zellen wird wirkungsvollere Behandlungen ermöglichen", sagt Greengard über seine Ziele. Bereits 1948 nahm Greengard seine Forschung in den Labors der renommierten Johns Hopkins Universität in Baltimore auf, wo er 1953 promovierte. 15 Jahre später wurde er Professor für Pharmakologie und Psychiatrie an der Yale Universität in New Haven. Seit 1983 arbeitet er an der New Yorker Rockefeller Universität. Erst nach jahrelanger erfolgloser Suche hatte Greengard in den späten 60er Jahren biochemische Methoden entdeckt, die helfen, Signale zwischen den Milliarden menschlicher Hirnzellen nachzuzeichnen. Seine Erkenntnisse waren wesentlich für das Verständnis der Wirkung von Schizophrenie-Medikamenten. Zuvor waren die Medikamente vor allem auf Grund ihrer statistisch nachgewiesener Wirksamkeit eingesetzt worden. Hirnforscher profitieren weltweit von den Arbeiten Greengards. "Er hat wichtige Erkenntnisse über die Übertragung von Signalen in Zellen geliefert", betonte Wolf Singer, Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt. Unter den vielen Auszeichnungen an Greengard befinden sich die Preise der New York Academy of Sciences und der Ellison Medical Foundation. Nicht nur wissenschaftliche Höhen hat der Bergsteiger Greengard erklommen. "Er kraxelt immer noch leidenschaftlich auf Berge", sagte sein deutscher Kollege Singer. Weggefährten beschreiben ihn als gebildeten Menschen, der über die Grenzen seiner Forschung hinausblickt. "Er ist ein wunderbarer, sehr humorvoller Mensch", sagt Singer. Arvid Carlsson: Pionier in Erforschung der Parkinson-Krankheit Die Ernennung zum Medizin-Nobelpreisträger 2000 hat auch den schwedischen Pharmakologen Arvid Carlsson stark bewegt. Wenige Minuten nach Veröffentlichung der Entscheidung des Karolinischen Institutes meinte der emeritierte Professor an der Universität Göteborg: "Ich bin überwältigt." Zur praktischen Bedeutung seiner Entdeckung des Dopamins als Signalsubstanz im Gehirn meinte Carlsson: "Das war ja revolutionär für die vorbeugende Behandlung von Parkinson." Arvid Carlsson (77) gilt als Pionier im Kampf gegen die Parkinson-Krankheit. Carlsson entdeckte die Bedeutung der chemischen Hirnsubstanz Dopamin für die Kontrolle der Muskelbewegungen. Für ihn ist die Verleihung des Nobelpreises die Krönung eines Lebenswerks. Bereits Ende der 50er Jahre wies der Schwede die Bedeutung des Dopamins als wichtigen Signalstoff im zentralen Nervensystem nach. Das Medikament "L-Dopa", durch die bahnbrechenden Forschungen Carlssons ermöglicht, ist heute der wichtigste Arzneistoff gegen die Parkinson-Krankheit. "L-Dopa" kompensiert den Dopaminmangel im Hirn und führt zu einer Normalisierung der Bewegungsabläufe. Carlsson hat zudem eine Reihe von Folgeentdeckungen über die Rolle von Dopamin gemacht. Seinen Teil des Nobelpreises betrachtet er deshalb auch als Anerkennung seiner weiteren Arbeit nach der Dopamin-Entdeckung in den fünfziger Jahren. "Wir haben ja zu weiteren Fortschritten bei der Arbeit mit Signalstoffen beigetragen, die zu wesentlich besseren Behandlungsmöglichkeiten von Schizophrenie und anderen mentalen Krankheiten führten", erklärte Carlsson. Bei Schizophrenie ist Hypothesen zufolge die Dopaminmenge im Gehirn erhöht. Privat sei der Schwede eine "außerordentliche Frohnatur", die viel reise und gerne singe, sagte der Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, Florian Holsboer. Carlssons Arbeiten seien "bahnbrechend" gewesen, erklärte der emeritierte Direktor des Instituts für Physiologische Chemie an der Universität Marburg, Wolfgang Wesemann, der Nachrichtenagentur dpa. Seine Studien hätten Einfluss gehabt sowohl auf Biochemie und Pharmakologie als auch auf Psychiatrie und Neurologie. Der Hirnforscher, der als erster Schwede seit 18 Jahren mit einem wissenschaftlichen Nobelpreis ausgezeichnet wird, wurde am 25. Januar 1923 in Uppsala geboren. Er promovierte im Jahr 1951 zum Doktor der Medizin an der Universität Lund. 1959 wurde Carlsson als Professor für Pharmakologie an die Universität Göteborg berufen, 1989 emeritiert. In den vergangenen Jahrzehnten erhielt er bereits zahlreiche Preise. So bekam er 1979 den israelischen Wolf-Preis für Medizin und 1994 den so genannten japanischen Nobelpreis. 1991 verlieh die Universität Marburg Carlsson die Ehrendoktorwürde. Mit den anderen beiden diesjährigen Nobelpreisträgern für Medizin, Eric Kandel und Paul Greengard, habe er nie direkt zusammengearbeitet, kenne sie aber. Ein Sprecher des Preiskomitees im Karolinischen Institut erklärte die Entscheidung: "Der gemeinsame Nenner ist die Signalübertragung. Dabei haben die drei sehr grundlegende Arbeiten geleistet." Die höchste Auszeichnung für Mediziner ist in diesem Jahr mit insgesamt neun Millionen Kronen dotiert und liegt mit umgerechnet 2,1 Millionen Mark erstmals über der Zwei-Millionen-Grenze. Die Nobelpreise werden traditionsgemäß am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896), überreicht. Im vergangenen Jahr hatte der gebürtige Schlesier Günter Blobel den Medizin-Nobelpreis für seine Zellforschung erhalten. Der US-Amerikaner hatte die "Adresszettel" gefunden, mit deren Hilfe Proteine (Eiweiße) in den Körperzellen an ihr Ziel gelangen. Der US-Amerikaner stiftete den größten Teil seines Preisgeldes für den Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden. Der Medizin-Nobelpreis wird seit 1901 verliehen. Damals ging er an den deutschen Bakteriologen Emil von Behring. Seither haben insgesamt 14 Deutsche die Auszeichnung erhalten. Die Preisträger seit 1990 waren: 2000 Arvid Carlsson (Schweden), Paul Greengard (USA), Eric Kandel (USA) 1999 Günter Blobel (USA) 1998 Robert F. Furchgott (USA), Louis J. Ignarro (USA), Ferid Murad (USA) 1997 Stanley B. Prusiner (USA) 1996 Peter C. Doherty (Australien), Rolf M. Zinkernagel (Schweiz) 1995 Christiane Nüsslein-Volhard (Deutschland), Edward B. Lewis (USA), Eric Wieschaus (USA) 1994 Alfred G. Gilman (USA), Martin Rodbell (USA) 1993 Richard J. Roberts (USA), Phillip A. Sharp (USA) 1992 Edmond H. Fischer (USA), Edwin G. Krebs (USA) 1991 Erwin Neher (Deutschland), Bert Sakmann (Deutschland) 1990 Joseph Edward Murray (USA), Donnall Thomas (USA). [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 09. Oktober 2000] Buchtipp - und hier können Sie bestellen...
Buchtipp - und hier können Sie bestellen...
Zum Thema
Monats-Übersicht
Psychotherapie Reports |
||||||||||||||||||
|
Impressum |
|||||||||||||||||||
|
© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
|||||||||||||||||||