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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Nobelpreise für Erforschung der Signalübertragung im Gehirn - Auch Psychotherapie wirkt auf molekulare Zellvorgänge

Stockholm (09.10.2000) - Neurologische und psychiatrische Erkrankungen wie Morbus Parkinson und Schizophrenie haben ihre Ursache in zerstörten und fehlgeleiteten Nervenzellen. Für die Erforschung dieser Zellen und vor allem ihrer Signalübertragung erhalten drei Neurobiologen in diesem Jahr den Nobelpreis für Medizin. Den Arbeiten von Arvid Carlsson (Schweden), Paul Greengard (USA) und Eric Kandel (USA) ist es zu verdanken, dass neue Medikamente entwickelt wurden und der Mensch besser versteht, wie sein Gedächtnis funktioniert.

Nach Auffassung des Vorsitzenden der Deutschen Parkinson Vereinigung in Neuss, Wolfgang Götz, unterstreicht die Entscheidung des Nobel-Komitees nicht nur die Bedeutung des bisher Erreichten für Parkinson-Kranke. "Der Preis ist auch eine Aufforderung, Parkinson noch intensiver zu erforschen", erklärte er: "Bei den Arzneien hat sich in den vergangenen 30 Jahren ungeheuer viel getan, aber jetzt scheinen diese Ansätze ausgereizt", sagte Götz. Hoffnungen setzt er in die Erforschung so genannter neurotropher Faktoren, die das Hirn unterstützen könnten, abgestorbene Nervenzellen entgegen einem langjährigen Dogma zu ersetzen.

Die Wissenschaftler untersuchten, wie Botenstoffe die Signale zwischen den Nervenzellen übertragen und wie sich Strukturen im Gehirn daraufhin verändern. Gerät dieses feine Netzwerk außer Kontrolle, sind schwere Krankheiten die Folge. Beim Morbus Parkinson sterben die Dopamin-produzierenden Zellen ab. Vermindert sich hierdurch die Menge des Signalstoffs Dopamin, kommt es zur Parkinsonschen Krankheit mit Zittern, dem typischen Trippel-Gang, Schüttellähmung und Muskelstarre führt. Weltweit leiden rund vier Millionen Menschen unter der unheilbaren Krankheit, in Deutschland sind es rund 250.000 Menschen.

Das Netzwerk im Hirn des Menschen besteht aus mehr als 100 Milliarden Nervenzellen. Viele haben fein verzweigte Ausläufer, über die sie mit einander in Kontakt treten. An der Kontaktstellen verdicken sich die Ausläufer und bilden so genannte Synapsen. Diese Endbereiche der Nervenzellen können binnen Sekundenbruchteilen chemische Substanzen ausschütten und damit andere Nervenzellen erregen. So wird ein Signal von Zelle zu Zelle geleitet.

Carlsson hat diese Signalübertragung zwischen den Nervenzellen erforscht. "Er erkannte unter anderem, dass Dopamin selbst ein Botenstoff im Gehirn ist, und nicht nur eine Vorstufe von anderen Überträgersubstanzen", sagte Prof. Werner Schmidt von der Abteilung für Neuropharmakologie der Universität Tübingen. Die Bedeutung der bereits Ende der fünfziger Jahre vorgelegten Arbeiten Carlssons "können gar nicht hoch genug" eingeschätzt werden, erklärte Schmidt.

Bei der Parkinson-Krankheit degenerieren jene Zellen im Mittelhirn, die das Dopamin herstellen. Daraufhin entsteht in anderen Bereichen ein Mangel an dem Signalstoff. Dadurch wird die Steuerung vieler Muskeln beeinträchtigt. Sie werden gleichzeitig erregt und führen damit zum typischen Zittern der Parkinsonpatienten. Es kann aber auch zur Muskelstarre kommen.

Nachdem der Dopamin-Mangel als Ursache ausgemacht war, sollte die Substanz den Patienten künstlich zugeführt werden. Dies scheiterte zunächst, weil Dopamin wegen seiner chemischen Eigenschaften nicht vom Blut ins Hirn wechseln kann. Diese Barriere überspringt aber die Vorform des Dopamins, der Arzneistoff "L-Dopa". Er wird dann durch eine chemische Veränderung zum Dopamin.

Greengard habe das Verständnis über die Wirkungsweise verschiedener Arzneien erweitert, schreibt die Nobelpreis-Jury. Der Wissenschaftler von der Rockefeller Universität in New York fand heraus, über welchen exakten Mechanismus das Dopamin aufs Hirn wirkt. Nachdem es an Rezeptoren auf der Zelloberfläche andockt, kann Dopamin letztlich über Umwege Schlüsselproteine im Inneren der Zelle aktivieren. Die Signalsubstanzen docken erst an der Außenhülle von Nervenzellen an, und lösen so eine Kaskade von Reaktionen im inneren der Zelle aus. Aktiviert werden die einzelnen Stoffe in der Zelle, indem sie Phosphatgruppen erhalten. Damit ändert sich die gesamte Funktion der Nervenzelle, ihr Erregungszustand wird etwa erhöht. Dadurch ändert sich die Durchlässigkeit der Zellmembran für geladene Teilchen. Diese so genannten Ionenkanäle verändern die Reaktion der Zelle auf elektrische Signale.

Die Arbeiten Greengards haben große Bedeutung für den dritten Preisträger, Eric Kandel von der Columbia University in New York. Er arbeitet über wichtige Funktionen des Lern- und Erinnerungsvermögens und nutzte dazu zunächst die Meeresschnecke Aplysia. Sie hat nur 20.000 Nervenzellen, im Gegensatz zu den Menschen, der im Hirn mehr als 100 Milliarden Nervenzellen hat. Kandel entdeckte an den Schnecken die Grundlagen für das Kurz- und Langzeitgedächtnis. Kurz- und Langzeitgedächnis hingen mit den Synapsen zusammen, den Endungen der Nervenzellen. Die Erinnerung sei sozusagen in den Synapsen lokalisiert. Diese Ergebnisse konnte er in den neunziger Jahren in Säugetieren bestätigen. "Auch das menschliche Gedächtnis ist in den Synapsen der Nervenzellen lokalisiert", schreibt das Karolinska Institut in seiner Bekanntmachung der Preisträger. Diese Forschung könnte vor allem für Menschen mit Gedächtnisverlust von Bedeutung sein.

Je mehr Kandel die Nervenzellen der Meeresschnecke reizte, um so stärker waren die Auswirkungen auf die Synapsen: Sie wurden größer und wirkten damit länger auf ihre Umgebung, mitunter über Monate. Schwächere Signale veränderten die Synapsen lediglich kurzfristig. Dieses grundlegende Wissen um die Speicherung von Informationen könnte nach Einschätzung des schwedischen Instituts zu neuen Medikamenten für Menschen mit Gedächtnisstörungen und Demenz helfen.

In seiner reichen publizistischen Arbeit hat Kandel immer wieder auf die Dialektik hingewiesen, dass jedes Verhalten das Ergebnis komplexer neuronaler Aktivität ist und gleichzeitig die Informationen, die von außen empfangen werden, die neuronale Entwicklung und Aktivität gestalten. Hervorzuheben ist hierbei sein vielgerühmtes Einführungswerk in die Neurowissenschaft "Principles of Neural Science", das in diesem Jahr in vierter Auflage erschienen ist.

Wenn Menschen miteinander sprechen, kommunizierten die Gehirne miteinander und erzeugten dort beim Gesprächspartner anatomische Veränderungen, hatte Kanel in einem Interview schon früher erklärt. Mit seiner Forschung ziele er auf den Nachweis ab, dass Psychotherapie diese molekularen Vorgänge nachhaltig beeinflussen kann. Kandel wies nach, dass kurz- und langfristige Veränderungen in der Stabilität synaptischer Verbindungen im Hirn parallel zu Verhaltensveränderungen auftreten. Diese Ereignisse haben auch Einfluss auf altersbedingte Gedächtnislücken, sagte der Hirnforscher.

Erkrankte mit Morbus Parkinson und Schizophrenie profitieren nicht nur von modernen Medikamenten, Betroffene können mit psychotherapeutischer Hilfe auch lernen, mit ihren Defiziten und Störungen besser umzugehen. Auch die großen Probleme der modernen Gesellschaft außerhalb der Medizin wie Missbrauch, Kriminalität, Gewalt und Krieg, meint Kandel, seien mit dem Wissen über die neurobiologischen Grundlagen des Verhaltens besser zu bewältigen.

"Das ist ein wunderbares Trio und hervorragend ausgesucht", sagte Wolf Singer, Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt/Main zur Auswahl der drei Preisträger mit Blick auf den Weg, den die aufeinander aufbauenden Arbeiten zum Verständnis von Gehirn und Verhalten gewiesen haben.


[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 09. Oktober 2000]

Buchtipp - und hier können Sie bestellen...
Kandel, Eric R.; Schwartz, James H.; Jessell, Thomas M.: Principles of Neural Science. 4th edition. New York: McGraw-Hill, 2000.

Buchtipp - und hier können Sie bestellen...
Kandel, Eric R.; Schwartz, James H.; Jessell, Thomas M.: Neurowissenschaften. Eine Einführung. Heidelberg: Spektrum, 1995.

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