|
|||||||||||||||||||
|
|
|
||||||||||||||||||
|
Psychotherapie
exklusiv |
|||||||||||||||||||
|
Psychoanalyse als Therapieform im Todeskampf ohne Würde? - Üble Nachrede hat unter Psychotherapeuten HochkulturMünchen/Berlin/Stuttgart (11.10.2000) - Von Dietmar G. Luchmann. Der Psychotherapie stehen stürmische Zeiten bevor. Will sie ihre Existenzberechtigung im System des öffentlichen Gesundheitswesens behalten, werden psychotherapeutische Behandlungen in Zukunft evidenz-basiert sein müssen. Über Jahrzehnte konnte die Psychoanalyse als dominierende Psychotherapieschule sich jeglichen ernstzunehmenden wissenschaftlichen Wirkungsvergleichen entziehen. "In den wenigen Fällen, in denen die fallbeilartigen Qualitätsmaßstäbe angelegt sind, die heute wissenschaftlicher Standard (und in anderen Bereichen selbstverständlich) sind", so Rolf Degen, Autor des soeben erschienen "Lexikons der Psycho-Irrtümer" in einer Erklärung gegenüber PSYCHOTHERAPIE, "hat die Psychotherapie versagt. Die Firma Merck hat im vergangenen Jahr an der Börse einen Kurssturz erlitten, weil ein neues, hochgejubeltes Antidepressivum im klinischen Test plötzlich doch nur genau so gut war wie Placebo - und zurückgezogen werden musste."Vor diesem Hintergrund ist es nur folgerichtig, wenn die Versprechungen der psychotherapeutischen Heilslehre und ihre Mythen zunehmend kritisch hinterfragt werden. Veränderte gesellschaftliche Bedingungen üben einen starken Druck in Bezug auf kürzere Behandlungszeiten und empirische Nachprüfbarkeit aus. Die öffentliche Diskussion hat mit Beiträgen wie im Magazin "DER SPIEGEL" vom 04.09.2000 und Büchern wie dem "Lexikon der Psycho-Irrtümer" von Rolf Degen oder "Manufacturing Victims" der kanadischen Psychologin Tana Dineen erst begonnen. Am Horizont zeichnet sich der Beginn eines nicht mehr tiefenpsychologisch sondern wissenschaftlich fundierten Ausleseprozesses ab. "Mir leuchtet persönlich nicht ein", sagt Degen mit Recht, "warum Psychotherapie nicht nach dem selben Goldstandard gemessen werden sollte" wie andere Wissenschaften. Und er fügt hinzu: "Aber die Institution Psychotherapie scheint weniger Selbstheilungskräfte zu besitzen als die von ihr therapierten Klienten und tut nichts, um die Spreu (so etwa mit Sicherheit die gesamte Psychoanalyse) vom Weizen (sofern vorhanden) zu trennen." Wie sehr Rolf Degen mit seiner Kritik ins Schwarze getroffen hat, bestätigen die gehässigen und irrationalen Reaktionen der Psychoanalytiker: "Angesichts einer so öffentlichen Kampfansage gegen die gesamte Psychotherapie und jetzt durch Rolf Degen im Berliner Tagesspiegel auch gegen die Psychosomatik, mag sie auch mit dümmlichen journalistischen Mitteln und wenig differenzierter Sachkenntnis geführt werden, wäre zu erwarten gewesen, daß sich alle Psychotherapeuten, unter Zurückstellung ihrer internen Differenzen, zusammentun", schreibt der Psychoanalytiker Gerd Böttcher (Berlin). Und der Psychoanalytiker Dr. Frank Roland Deister (Frankfurt/Main) flegelt als Pressesprecher und stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes der Vertragspsychotherapeuten (bvvp) die substantiierte Kritik ganz würdelos als "nur wiederaufgewärmte[n] Quatsch eines neuen Therapeutenfressers" nieder. Demagogie ist offenbar leichter zu üben als Selbstkritik. "Wie soll eine Gesellschaft die Psychotherapie als Ganzes würdigen, wenn sich die Psychotherapeuten in den verschiedenen Lagern untereinander so wenig zu würdigen wissen", fragt Böttcher öffentlich. Die Antwort ist einfach: Weil es keinem Bäcker einfällt, den Unmut von Kunden zu verantworten, die bei seinem Innungskollegen derart vergammelte Brötchen angedreht bekommen, dass zweihundert Stunden mit Verlängerung erforderlich sind, um sie durchzukauen - Durchfall inklusive. Ebenso wenig wird es einem Psychotherapeuten, der erfolgreich wissenschaftlich fundierte Psychotherapie (z.B. kognitive Verhaltenstherapie) praktiziert, in den Sinn kommen, eine psychoanalytische oder andere Mythenlehre am Leben zu erhalten, deren "Opfer" er dann zu behandeln hat. Die gezielte Desinformation, Abwertung und Verunglimpfung hat unter Psychotherapeuten daher Konjunktur - wie das tägliche Verbreiten von Gerüchten über andere Menschen. Was dem Fußballlehrer Christoph Daum derzeit mit dem Vorwurf des Drogenkonsums widerfährt, kann deshalb jedem passieren. Ein lautes Nachdenken unter Kollegen oder Nachbarn über eine Person genügt dabei oft schon, um diese in ein schiefes Licht zu rücken, weiß der Diplom-Psychologe Georg Sieber aus München. Und wie vom künftigen Trainer der Nationalmannschaft werde auch von jedem anderen erwartet, dass er seine Unschuld selbst nachweist - obwohl nach geltendem Recht die Beweislast beim Ankläger liegt. Um aus einer solchen Misere herauszukommen, bieten sich verschiedene Strategien an. Wer glaubt, in einer besonders starken Position zu sein, kann Sieber zufolge alle Anschuldigungen schlicht an sich abprallen lassen: "Ein gutes Beispiel hierfür ist der Auftritt von Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl." Der Nachteil ist, dass dieses Verhalten meist als Schuldeingeständnis gewertet wird. Der wissenschaftliche Fortschritt, das beweist die Geschichte, lässt sich auf diese Weise auch von denen, die noch an den Hebeln der Macht sitzen, nicht dauerhaft aufhalten. "Wenn ich im Mittelalter nachgewiesen hätte, daß Teufelsaustreibung epileptische Besessenheit nicht heilt, hätte ich auch nicht direkt eine bessere Therapie vorweisen müssen", sagt Rolf Degen und betont: "Aber erst der Beweis ebnet den Weg für den Erkenntnisfortschritt." Wer sich dagegen in einer schwachen Stellung befindet, ist gut beraten, sich unter den Kollegen oder Nachbarn Partner zu suchen und Allianzen zu bilden. "Gelingt dies nicht, kann vielleicht noch eine direkte Konfrontation weiterhelfen", sagt Sieber. Dann müsse man auf die Urheber der Gerüchte zugehen und mit ihnen reden. Wer hingegen eine saubere Weste hat, kann als wirksamstes Mittel gegen einen Gerüchte-Angriff zudem das Gesetz zur Hilfe rufen. Man könne sich zum Beispiel selbst anzeigen. Dann müsse die Staatsanwaltschaft sich mit den Vorwürfen auseinander setzen. Am Ende des Verfahrens könne dem Beschuldigten ein "lupenreines Zeugnis" ausgestellt werden, so Sieber. Damit sei dann auch der gute Ruf des Beschuldigten gerettet. Bei Psychoanalytikern, die ihre Patienten hunderte Stunden "behandeln", wo 20 Stunden kognitiver Verhaltenstherapie wahrscheinlich zum Erfolg führen würden, ist wohl eher zu erwarten, dass ihre Patienten sie anzeigen. Denn diese Psychotherapeuten, so stellte der Psychotherapieforscher Prof. Klaus Grawe von der Universität Bern bereits im Jahre 1994 fest, "verstossen, das kann man heute so sagen, gegen die Regeln der Kunst". Der Verursacher von Gerüchte-Schlammschlachten braucht zumindest moralische Konsequenzen nicht zu fürchten: "Die Diffamierung ist als redliches Mittel im Wettbewerb in der Bevölkerung anerkannt", sagt Sieber. Die rechtlichen Folgen dagegen sind schwerwiegender. Hier unterscheidet das Gesetz sogar zwischen "einfacher" Beleidigung, übler Nachrede und Verleumdung. "Die Beleidigung ist ein Werturteil, dass jemanden im Ansehen herabsetzt", erklärt Georg Presser, Strafverteidiger aus Stuttgart und Vizepräsident des Deutschen Anwalt Vereins (DAV) in Bonn. Bereits Äußerungen wie "Idiot" oder "der Mann hat kein Rückgrat" erfüllen diesen Tatbestand. Schlimmer noch ist die üble Nachrede. Im Unterschied zur Beleidigung behauptet sie eine vermeintliche Tatsache - etwa Drogenkonsum. "Geschieht dies wider besseren Wissens, also obwohl der Verursacher weiß, dass die Anschuldigung falsch ist, handelt es sich dann sogar um eine Verleumdung", erklärt Presser weiter. Wer sich Anschuldigungen gegen seine Person ausgesetzt sieht, sollte auf jeden Fall einen Anwalt aufsuchen, rät Presser, "schon um herauszufinden, was man unternehmen kann." Gute Chancen, jene rechtlich zu belangen, die einem den guten Ruf ruinieren, bestehen aber nur, wenn der Verursacher konkret benannt werden kann. Das Problem beim Kampf gegen Gerüchte bestehe darin, dass oft kein Gegner sichtbar ist - also müssen Zeugen oder andere Beweismittel her. Zwar drohen für üble Nachrede und Verleumdung bis zu zwei Jahre Haft. Tatsächlich bleibe es aber fast immer bei Geldstrafen, weiß Presser. Wer nachweisen kann, dass ihm auch finanzieller Schaden entstanden ist, kann auch Schadenersatz einfordern. Allerdings haben viele Beleidigungsklagen kaum Aussicht auf Erfolg, weil sich die Sache später als halb so wild herausstellt: "Oft hilft es, die erste Wut vergehen zu lassen und eine Nacht darüber zu schlafen", rät Presser. Man braucht indes nicht immer einen Anwalt oder Psychotherapeuten, um die Schlammschleudern dieser Welt mit Heiterkeit ertragen zu können. Mitunter geben sie ein so bedauernswertes Bild ab, dass Mitgefühl die angemessenere Reaktion ist. Beim zusammenstoppeln von Material für seine Psychoanalytischen Blätter hatte Böttcher sich vor wenigen Tagen am Urheberrecht der Deutschen Presse Agentur vergangen und durfte sich öffentlich entschuldigen. Als er kurz darauf der Tageszeitung "DIE WELT" eine ganze Seite über "Freuds kulinarische Enkelin" und das "Lustprinzip von Kunst und Kochen" klaute, spuckte ihm der "WELT"-Redakteur umgehend in die Suppe. Wer kann schon wirklich ins "Unbewusste" seiner Artgenossen hineinschauen? Vielleicht ist der Psychoanalytiker Böttcher, der für sich "eine Würde der Kritik" fordert und selbst übel vom Leder zieht, ein zutiefst unglücklicher Mensch - zumal, wenn er sich in der Mitte eines öffentlichen Quiz präsentiert unter dem Titel: "Wer nimmt mich noch ernst?" [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 11. Oktober 2000] Sprechstunde
Buchtipp - und hier können Sie bestellen... Buchtipp - und hier können Sie bestellen... Zum Thema
Monats-Übersicht
Psychotherapie Reports |
||||||||||||||||||
|
Impressum |
|||||||||||||||||||
|
© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
|||||||||||||||||||