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Psychotherapie
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Chronische Schmerzen "Seuche" des 21. Jahrhunderts - Psychoanalytiker abwegig mit Schmerz als Folge "sexueller Gewalt"Göppingen/Göttingen/Würzburg/Freiburg (11.10.2000) - Chronische Schmerzen haben sich nach Ansicht von Psychologen und Medizinern zur "Seuche" des 21. Jahrhunderts entwickelt. Bei Umfragen führen sie die Liste der körperlichen Beschwerden an, berichtete Gerhard Müller-Schwefe, Präsident des Schmerztherapeutischen Kolloquiums, bei den Göppinger Schmerztagen am heutigen Mittwoch.Trotzdem sei Deutschland bei der Schmerzbehandlung nach Auffassung des vietnamesischen Arztes Dr. Xuan Trang Nguyen aus Göttingen "nach wie vor ein Entwicklungsland". Das sagte der Schmerzspezialist am 09.10.2000 in Göttingen auf einer "Schmerzkonferenz" niedersächsischer Ärzte. Auf Einladung der niedersächsischen Ärztekammer stellte Nguyen eine nach ihm benannte und inzwischen von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anerkannte Schmerz-Behandlungsmethode vor. "In Deutschland werden nur etwa 30 Prozent der Patienten ausreichend schmerztherapeutisch versorgt. Schmerzkranke werden isoliert und eine angemessene Therapie scheitert oft daran, dass es viel zu wenig Schmerz-Spezialisten unter den Ärzten gibt", sagte Nguyen. Chronische Schmerzen hätten jedoch einen erheblichen Einfluss auf die Arbeit, das soziale Verhalten und das Wohlbefinden dieser Menschen. Allein die Kosten, die durch Rückenschmerzen entstünden, würden von den Kassen auf 29,9 Millionen Mark im Jahr geschätzt. Allein 6,6 Milliarden Mark müssten jährlich für die Frühberentung aufgebracht werden. Jeder Patient habe jedoch das Recht auf eine sachgerechte und ausreichende Therapie. Unzureichende Behandlungen führten häufig zur Bildung eines "Schmerzgedächtnisses" und damit chronischen Schmerzen. Unter Kopfschmerzen leiden die Deutschen mehr als unter allen anderen Schmerzformen. Wie die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) in Würzburg mitteilte, klagen inzwischen 67 Prozent der Bevölkerung über Kopfschmerzen. Die DMKG beruft sich dabei auf eine repräsentative Erhebung der Universität Leipzig zur Häufigkeit von Schmerzen in Deutschland. 61,9 Prozent der Bundesbürger leiden demnach unter Rückenschmerzen, 57,2 Prozent klagen über Nackenschmerzen. Kopfschmerzen setzen den Menschen in den neuen Bundesländern stärker zu: dort sind 72,2 Prozent betroffen, in den alten Bundesländern dagegen nur 64,9 Prozent. Außerdem leiden mit 72,4 Prozent Frauen häufiger unter Kopfschmerzen als Männer mit 60,7 Prozent. Werden akute Schmerzen nicht ausreichend gelindert, können sie sich im Nervensystem "einbrennen" und chronisch werden. Bundesweit sind davon mehr als zehn Millionen Menschen betroffen. In Baden-Württemberg leiden etwa eine Million Menschen an Dauerschmerzen, etwa 60.000 davon haben bereits problematische Schmerzzustände. Viele von den Erkrankten sind nicht ausreichend versorgt, obwohl moderne Vorbeugungs- und Behandlungsstrategien zur Verfügung stehen. Mit der "Schmerzkonzeption Baden-Württemberg" habe das Land als erstes in Deutschland auf diese Probleme reagiert, berichtete Sozialminister Friedhelm Repnik (CDU). "Mit der vorliegenden Konzeption will ich denen den Rücken stärken, die sich qualifiziert um die Versorgung chronisch Schmerzkranker kümmern." Besonders problematisch: Rückenprobleme sind keine Alterserscheinung. Auch Kinder und Jugendliche sehen sich einem immer stärkeren Druck ausgesetzt, der zu Daueranspannungen und einseitiger Belastung führt. Zudem trägt der chronische Bewegungsmangel in der Schule und vor Computer und Fernseher zur Vergrößerung des Problems bei. So kämpft bereits die Mehrheit der Teenies und Twens mit Rückenschmerzen und Verspannungen. Das ergab eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag der Hamburger Zeitschrift "Fit for fun" (Oktober 2000) unter 1.000 Befragten. Rund 70 Prozent der 14- bis 29-jährigen seien betroffen. Bei den 30- bis 44-jährigen steige die Zahl bereits auf 76 Prozent. Zu den wichtigsten Elementen der Schmerzkonzeption gehören deshalb der Ausbau der Vorbeugung, die Förderung der Qualifikation aller an der Schmerztherapie Beteiligten, die Vernetzung des Versorgungssystems über Kompetenzzentren und interdisziplinäre Schmerzkonferenzen. Auf diesem Gebiet engagiert sich vor allem die Landesvertretung der Techniker Krankenkasse (TK). "Unser Ziel ist es, die Lebensqualität der betroffenen Patientinnen und Patienten zu erhöhen", sagte Andreas Vogt, Leiter der Landesvertretung. Dabei gehe es nicht um den Aufbau neuer Einrichtungen, sondern um die Optimierung bestehender Strukturen. Speziell für Schulkinder mit chronischen Kopfschmerzen oder Migräne hat die Techniker Krankenkasse (TK) das Kursprogramm "Stopp den Kopfschmerz" ins Leben gerufen. Die Krankenkasse verwies heute in Mainz auf verschiedene internationale Studien. Diese hätten belegt, dass bis zu 30 Prozent aller Schüler von häufigen und starken Kopfschmerzen betroffen seien. Jedes zweite Schulkind habe zumindest "Kopfschmerzerfahrung". Mehr als die Hälfte dieser Kinder habe ohne qualifizierte Behandlung eine "lebenslange Patientenkarriere" vor sich. Ziel des achtwöchigen Kurses ist es nach Angaben der Krankenkasse, die Kinder zu "Kopfschmerzexperten" auszubilden. Den Kindern werde gezeigt, wie Kopfschmerzen entstehen, was man bei einer akuten Attacke tun und wie man dem Schmerz vorbeugen kann. Nach Angaben der Psychologin Professor Dr. Birgit Kröner-Herwig traten bei 60 Prozent der acht bis 14-jährigen Kursteilnehmer nach der wissenschaftlich überprüften Pilotphase Kopfschmerzen seltener oder überhaupt nicht mehr auf. Zudem sei auch die Medikamenteneinnahme um etwa 40 Prozent zurückgegangen. Bemerkenswert mutet vor diesem Hintergrund die Erklärung des Psychoanalytikers Joachim Bauer an, der "chronische Schmerzen ohne erkennbare Ursache im Rücken und der Muskulatur sowie Unterleibsschmerzen bei Frauen" in einen Topf wirft. Der Professor an der psychosomatischen Abteilung der Universitätsklinik Freiburg nutzte unter Hinweis auf die chronischen Schmerzen, für deren Ursache die Ärzte keine Diagnose stellen können und an denen bis zu zehn Prozent der Deutschen litten, den gestrigen "Welttag des psychischen Wohlbefindens" um gegenüber der Deutschen Presse-Agentur zu erklären: "Untersuchungen haben gezeigt, dass bis zu 50 Prozent dieser Schmerzpatienten in ihrer Kindheit körperlicher oder sexueller Gewalt ausgesetzt waren". Die durch wachsenden Stress und zunehmende Bewegungsarmut unter Rückenschmerzen leidenden Deutschen ein Volk sexueller Missbrauchsopfer? Eine wohl abwegige Vorstellung. Die meisten Patienten wüssten um die Erlebnisse in ihrer Vergangenheit, nur sexuelle Misshandlungen würden oft abgespalten, behauptete der Psychoanalytiker Bauer. Er ist überzeugt, dass "in einer Psychotherapie den Patienten gezielt geholfen werden kann". Die nicht verarbeitenden Erfahrungen müssten dafür zunächst wieder an die Oberfläche geholt werden. Ein Neuaufguss psychoanalytischer Mythenlehre? In den USA sorgen seit Jahren Gerichtsverfahren für Aufsehen, in denen Patienten oder deren Eltern jene Psychotherapeuten verklagen, die so lange nach einem sexuellen Missbrauch buddelten, bis die Betroffenen fälschlich überzeugt waren, sexuell missbraucht worden zu sein. Die Existenz eines so genannten Schmerzgedächtnisses im Gehirn berechtigt den Psychosomatiker Bauer keineswegs, hieraus nach seiner psychoanalytischen Lehre sexuellen Missbrauch abzuleiten. "Diese Informationen können noch Jahrzehnte nach der eigentlichen Misshandlung vom Organismus abgerufen werden und so zu den teils unerträglichen Schmerzen führen", sagt Bauer. 60 Prozent der befundlosen Rückenschmerzen seien nach seiner Ansicht auf körperliche Misshandlungen zurückzuführen sind. Immerhin zieht Bauer als Ursachen auch Anästhesiefehler in Betracht. PSYCHOTHERAPIE (Bd. 1) 2000, Report 27.07.2000, berichtete im Beitrag "Früher Schmerz macht ein Leben lang empfindlich", über eine Studie an der "Cellular Neuroscience Section" des National Institute of Dental and Craniofacial Research (NIDCR), deren Ergebnisse auf eine abnormale Vernetzung der Nervenzellen und der Schmerzleitwege durch ungenügende Berücksichtigung der frühkindlichen Schmerzempfindlichkeit hinwiesen. Besonders gefährdet, auf Dauer schmerzempfindlich zu werden, sind danach Frühgeborene, die ihr Überleben oft einer Batterie von Schläuchen und Infusionen verdankten. Ärzte haben noch bis vor 15 Jahren nichts oder wenig unternommen, um den Schmerz eines Babys zu stillen. Noch bis Mitte der 80er Jahre seien Operationen an Neugeborenen fast immer ohne Betäubung erfolgt, weil die Fachleute glaubten, dass sie noch keinen Schmerz empfinden - oder ihn zumindest schnell wieder vergessen würden. Das ist nach heutiger Erkenntnis ein schwerer Irrtum, aber gewiss kein sexueller Missbrauch. Viele Hausärzte, Rheumatologen oder Orthopäden wissen zu wenig von diesem früh "wie eine CD gebrannten" Schmerzgedächtnis. Wenn die somatisch fixierten Ärzte nur am Ort des Schmerzes nach den Ursachen suchen, kann sich zwischen dem Arzt, der nichts findet, und dem Patienten, der seinen Schmerz (aus dem Gedächtnis) als real empfindet, leicht ein Konflikt entwickeln. Wenn alle organischen Ursachen ausgeschlossen sind, muss deshalb die Überweisung zu einem Psychotherapeuten erfolgen, empfehlen die Experten übereinstimmend. Vielen Schmerzpatienten kann mit wirksamer Psychotherapie (insbesondere kognitiver Verhaltenstherapie) dauerhaft geholfen werden kann. Eine frühzeitige und wirksame kognitive Psychotherapie erspart nicht nur vielen Betroffenen einen Teil der teuren und "oft ineffektiven Diagnostikmühle", sondern dient auch der Kostendämpfung im Gesundheitssystem. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 11. Oktober 2000] Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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