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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Schutzschild für die Seele: Frauen können einen lockeren Umgang mit Kritik lernen

München (12.10.2000) - "Es gibt kaum etwas Schöneres, als den Frauen beim Sammeln von Erfahrungen behilflich zu sein", meint der französische Dramatiker Marcel Achard (1899-1974). Gute Kritik ist somit - ein Geschenk. Die Sachbuchautorin Barbara Berckhan gibt sogar Geld dafür aus, dass andere ihre Manuskripte auseinander nehmen. Fehler zu machen, sich "erwischen" zu lassen und daraus zu lernen, das ist für sie ein Zeichen von Professionalität. Allerdings hat die Pädagogin den Vorteil, dass sie sich ihre Kritiker aussuchen darf. Wer das nicht kann, etwa weil er mit Neidern und Nörglern im selben Büro sitzt, sollte sie sich zumindest seelisch vom Leibe halten. In ihrem aktuellen Buch "So bin ich unverwundbar", empfiehlt die Autorin sensiblen Menschen, sich einen "Bodyguard für die Seele" zuzulegen.

Vor allem Frauen könnten einen solchen Beschützer gut gebrauchen. Denn sie neigen zumindest im Berufsleben eher dazu, Kritik persönlich zu nehmen, sagt die Psychologin Natali Klingen aus München, die zurzeit ihre Doktorarbeit über das Thema "Frauen in Führungspositionen" abschließt. Sogar ausgewiesene Karrierefrauen stellten auch bei kleinen Seitenhieben ihren Wert als Mensch und Arbeitskraft gleich komplett in Frage.

Der Grund für liege darin, dass Frauen sich im Beruf noch immer stärker beweisen müssten als Männer, meint Klingen. "Ein Mann erhält eher einen Vertrauensvorschuss. Und wenn es nicht klappt, heißt es: 'na, der Meier war wohl nicht der Richtige für diesen Job'." Bei weiblichen Fehlbesetzungen laute die Konsequenz dagegen: "Also, eine Frau nehmen wir nicht noch mal". Diese Fehlbeurteilung entspringt der traditionell stärkeren Einbindung der Frauen in "private" Lebenszusammenhänge in Familie und Nachbarschaft und spiegelt sich in ihrer geringeren Akzeptanz in den "professionellen" Lebensbereichen wider.

Selbst erfolgreiche Frauen können ihre eigenen Wurzeln in einer Gesellschaft nicht ganz abstreifen, der der französische Romancier Honoré de Balzac (1799-1850) für den Umgang mit den Frauen diese Empfehlung gibt: "Die Frau ist im eigentlichen Sinne nur das Anhängsel des Mannes, also zerteile sie nur, beschneide sie, stutze sie zu. Beunruhige dich nicht im Geringsten über ihr Stöhnen, ihr Schreien, ihre Schmerzen; die Natur hat sie zu unserm Gebrauch geschaffen, damit sie alles trage: Kinder, Kummer, Prügel und Schmerzen um den Mann. Man beschuldige uns nicht der Härte! In allen Gesetzbüchern der so genannten Kulturvölker hat der Mann die Gesetze geschrieben, die das Schicksal der Frauen regeln".

Professor Andrea Abele-Brehm möchte zwar nicht entscheiden, ob Männer weniger unter Kritik leiden als Frauen. Zumindest gäben sie sich aber nach außen hin cooler. Frauen neigten auch dazu, Kritik vorschnell zu akzeptieren, sagt die Sozialpsychologin von der Universität Erlangen-Nürnberg. In einer androzentrischen Welt ist dies die logische Folge nicht mangelnder sozialer Begabung, sondern mangelnden Trainings: "Die gesamte Geschichte der Frauen wurde von Männern gemacht", bemerkte Simone de Beauvoir (1908-1986).

Dabei brauche man sich bei jeder verbalen Attacke zunächst einmal fragen, ob man sich in dem konkreten Punkt überhaupt kritisieren lassen will, rät Autorin Berckhan. Es gebe durchaus Angelegenheiten, die andere nichts angehen. Das kann der persönliche Stil beim Autofahren ebenso sein wie der Job, für den man sich entschieden hat. "Grenzen Sie ihr Königreich ab", fordert Berckhan.

Wer kritisiert wird, hat darüber hinaus das Recht mitzubestimmen, wann und wo das geschieht. "Kleinigkeiten lassen sich vielleicht zwischen Tür und Angel besprechen", so Berckhan, "aber wichtige Sachen brauchen einen passenden Rahmen: Tür zu, unter vier Augen, sich hinsetzen, Zeit haben". Dabei sei es wichtig, nicht mit "200 Stundenkilometern durch ein Gespräch zu rasen". Eine kleine Atempause vor jeder Antwort helfe aus einem unangenehmen Gespräch das Tempo herauszunehmen und mehr Zeit zum Nachdenken zu gewinnen.

Drängt einen der Kritiker mit dem Rücken zur Wand, sollte mit der Bitte um eine Auszeit die Notbremse gezogen werden, rät Abele-Brehm. Jemand, der sich auf dem Balkon erst mal Luft verschaffe, verliere nicht gleich das Gesicht. "Kritik bringt einen in eine emotional negativ aufgeladenen Situation und da tut man leicht das Falsche", warnt die Psychologin. Deshalb sei eine Denk- und Atempause sehr sinnvoll. Auch ein Satz wie "geben Sie mir etwas Bedenkzeit. Ich melde mich wieder", ermögliche es, in Ruhe eine Entscheidung zu treffen, ergänzt Berckhan.

Eine wirkliche Nagelprobe für den souveränen Umgang mit Kritik sind direkte Angriffe, wie die Autorin erläutert. In solchen Situationen brauchten die Betroffenen wirksame "mündliche Judo-Griffe", mit denen sie sich wehren können, ohne giftig zu werden.

Zu den verbalen Verteidigungstricks gehört beispielsweise die Weigerung, einen anzüglichen Witz zu verstehen. Muss der Sprücheklopfer seine Beleidigung erst mühsam erläutern, ist die Wirkung häufig schon dahin, und die Attackierte hat zudem Zeit zum Nachdenken geworden. Wer Spaß haben will, könne seinen Angreifer auch verwirren: Einmal bedankt man sich für die Bemerkung und bittet um eine weitere. Das nächste Mal wird der Spruch wortlos notiert. Beim dritten Mal schneidet man einfach ein anderes Thema an.

Bleibt die Frage, ob der gute Wille und ein paar rhetorische Kniffe reichen, um aus einer schüchternen Frau eine Meisterin in der Disziplin "Sprücheklopfer zum Schweigen bringen" zu machen. Abele-Brehm hält Selbstsicherheits-Seminare, wie sie auch Volkshochschulen anbieten, grundsätzlich für Erfolg versprechend: "Jeder kann lernen, souveräner mit Kritik umzugehen, genauso wie man lernen kann, eine Reklamation im Geschäft durchzusetzen, ohne einen roten Kopf zu bekommen." Der Grund dafür, dass so viele Frauen gar nicht erst versuchen, etwas zu ändern, liege darin, dass unangenehme Situationen peinlich seien und gerne verdrängt würden: "Beim nächsten Mal tappt man dann in die gleiche Falle."

"Die meisten Frauen ergeben sich einfach in ihr Geschick", klagte Simone de Beauvoir, die große Gefährtin von Jean-Paul Sartre. Psychologin Klingen glaubt, dass Frauen mit einem guten Training lernen können, sich selbst besser zu verkaufen. Das sei auch sinnvoll, da sie tendenziell bescheidener seien als Männer. Trotzdem sei nicht ausgemacht, ob sich die mühsam erlernte äußere Coolness einfach abstreifen lasse, wenn das Zarte, Sensible ausnahmsweise mal ans Tageslicht dürfe: "Es gibt Menschen, die krank werden, wenn sie ihre Empfindsamkeit ständig abspalten müssen", so Klingen.

Zudem sei zu beobachten, so Simone de Beauvoir: "Gerade die von den Frauen errungenen Erfolge rufen neue Angriffe gegen sie hervor." Auch Berckhan schreibt, dass in manchen Situationen nur die Flucht aus der Schlangengrube hilft. "Es kommt stets ein Augenblick, da die Völker und die Frauen, sogar die dümmsten, merken, dass man ihre Unschuld missbraucht", wusste Honoré de Balzac.

Schließlich vergisst Berckhan nicht, sich in einem eigenen Kapitel mit dem unerbittlichsten aller Kritiker auseinander zu setzen: demjenigen, der im eigenen Inneren sitzt.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 12. Oktober 2000]

Buchtipp - und hier können Sie bestellen...
Berckhan, Barbara: So bin ich unverwundbar - Sechs Strategien, souverän mit Ärger und Kritik umzugehen. München: Kösel-Verlag.

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