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Ausbau der Psychiatrie in Baden-Württemberg kommt voran - Angehörige von psychisch Kranken häufig ausgegrenztStuttgart/Leipzig (13.10.2000) - Der Ausbau der Psychiatrie in Baden-Württemberg macht Fortschritte. Sozialminister Friedhelm Repnik (CDU) verwies gestern vor dem Sozialausschuss des Landtags unter anderem auf das sich entwickelnde Netz von Patientenfürsprechern. Auch die Auslagerung von psychiatrischen Einheiten aus den Großeinrichtungen hätten sich bewährt. Die Gleichstellung von psychisch Kranken mit körperlich Erkrankten komme voran. "Wir stehen nicht am Anfang der Entwicklung, sondern mitten drin", sagte der Minister.Der vom Sozialministerium vorgelegte Landespsychiatrieplan 2000 wurde von allen Parteien im Grundsatz begrüßt. Vor allem SPD und Grüne forderten jedoch zusätzlich ein Landespsychiatriegesetz. Es sei nicht ausgeschlossen, dass sich aus Teilen des Psychiatrieplanes in zwei bis drei Jahren ein Psychiatriegesetz entwickeln werde, sagte Repnik, der einem solchen Gesetz bisher eher reserviert gegenüber stand. "Aber dies darf kein Schnellschuss sein." Repnik mahnte die Einbeziehung der Pflege von altersverwirrten Patienten in die Pflegeversicherung an. Auch wenn derzeit hierfür keine Mittel vorhanden seien, "werden wir uns in Zukunft diesem Thema nicht entziehen können". Allein schon die Bevölkerungsentwicklung der nächsten 20 Jahre mit einer zunehmenden Zahl von Hochbetagten werde dies erzwingen. Mehr als 4,8 Millionen Menschen in der EU leiden bereits an der Alzheimer-Krankheit, wie heute die Organisation Alzheimer Europe bei ihrer 10. Jahrestagung in München bekannt gab. Rund zehn Millionen weitere Personen seien direkt oder indirekt als pflegende Angehörige von dieser Krankheit betroffen. Alzheimer Europe ist nach eigenen Angaben der Dachverband von 28 nationalen Alzheimer-Gesellschaften aus 23 europäischen Ländern. Alle Bürger müssten mehr erfahren über Krankheitsverlauf und Hilfsmöglichkeiten bei Alzheimer, erklärte Petra Weritz-Hanf vom Bundesfamilienministerium. Nur mit dem entsprechendem Wissen könnten die Hürden der Angst im Umgang mit Betroffenen und Angehörigen überwunden werden. Im Gegensatz zu dieser gesellschaftlichen Entwicklung in Richtung Gleichstellung von psychisch Kranken mit körperlich Kranken werden Eltern und Geschwister von psychisch Kranken seitens ihrer Freunde und Bekannten häufig noch gemieden und ausgegrenzt. "Die alte Vorstellung hält sich hartnäckig, die Familie sei schuld an einer psychischen Krankheit", sagte der Vorsitzende des Bundesverbands der Angehörigen psychisch Kranker, Alfred Speidel, in einem Gespräch im Vorfeld des dreitägigen Verbandskongresses. "Um den Kranken und seine Familie entsteht eine Mauer." An dem heute in Leipzig beginnenden Kongress des 1985 gegründeten Verbandes nehmen rund 200 Angehörige psychisch Kranker teil. Der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker hat die Kommunen Deutschlands aufgefordert, so schnell wie möglich einen ärztlichen Bereitschaftsdienst für psychisch Kranke einzurichten. "Es gibt keinen Notarzt für psychisch Kranke", sagte Verbandsvorsitzender Alfred Speidel am Freitag in Leipzig zu Beginn des 19. Bundestreffens. "Damit könnten viele Krankenhausaufenthalte vermieden werden." Speidel sprach sich zudem dafür aus, die Versorgung von psychisch Kranken anders zu organisieren. Schizophrene und Depressive sollten häufiger zu Hause besucht werden. Der Anteil von ambulanten Behandlungen müsse stark erhöht werden. Rund 90 Prozent der Behandlungskosten in Höhe von jährlich rund zwölf Milliarden Mark würden für Klinikaufenthalte ausgegeben. Ärzte könnten in psychiatrischen Kliniken die Ursachen psychischer Krankheiten nicht beseitigen. "Die Mediziner sind uns häufig nicht hilfreich dabei", sagte der Verbandsvorsitzende. Nach seinen Angaben werden rund 400.000 Menschen jährlich in Deutschland wegen Psychosen und Depressionen stationär behandelt, 1,6 Millionen Patienten suchten jedes Jahr psychiatrische Hilfe. Sie würden zumeist wegen ihrer Krankheit ausgegrenzt und stigmatisiert. Sie erhielten nur selten Leistungen von der Pflegeversicherung. "Der Gesetzgeber weiß nicht um ihre speziellen Probleme", kritisierte er. Durch die Isolierung litten die Verwandten und Partner der Kranken selbst unter seelischen Belastungen. "Sie schließen sich immer mehr ab und trauen sich nicht, über ihre Schwierigkeiten zu reden", sagte Speidel. Rund eine Million Menschen sind seinen Worten zufolge in Deutschland Angehörige von chronisch psychisch Kranken. Die Angehörigen werden Speidel zufolge nur sehr unzureichend beraten. "In den Kliniken konzentriert man sich nur auf die Kranken, die Familien werden allein gelassen und als fremd angesehen", kritisierte er. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene litten häufig unvermittelt an Psychosen und Depressionen. "Das Zusammenleben mit ihnen ist für die Verwandten sehr belastend", sagte der Verbandsvorsitzende. Die psychisch Kranken sähen sehr selten ein, dass sie behandelt werden müssten. Die zunehmende Auflösung familiärer Strukturen führt überdies zu einem Verlust an sozialen Bindungen und psychischer Stabilität. Die Zahl der an Depressionen und Schizophrenie erkrankten Menschen werde deshalb nach Expertenschätzungen in den nächsten Jahren weiter zunehmen. "Von der Pflegeversicherung werden sie vergessen, der Gesetzgeber weiß nicht um ihre speziellen Probleme", sagte Speidel. Viele Arbeitgeber kündigten ihnen die Stellen. Nach einer behandelten Psychose leide die Mehrheit der Kranken auf Arbeit unter abermaliger Ausgrenzung. "Aus Angst, wieder krank zu werden, werden sie häufig auch wieder krank", sagte der Verbandsvorsitzende. Es geht jedoch auch anders. Melanie Chisholm (26), eines der vier "Spice Girls" und auch als "Mel C." bekannt, leidet unter Depressionen und bekennt sich öffentlich dazu. Nach einem Bericht der heutigen Ausgabe der Londoner Boulevardzeitung "The Mirror" wird sie seit einem Monat psychiatrisch behandelt. "Dies ist eine Krankheit und nichts, dessen man sich schämen muss", zitiert das Blatt die Sängerin, die auch "Sporty Spice" genannt wird. "Ich hoffe, dass ich etwas gegen das Stigma tun kann, mit dem diese Krankheit behaftet ist." Multimillionärin Chisholm habe Probleme mit dem Stress des Lebens im Rampenlicht und mit Enttäuschungen in ihrem Privatleben. Seit Januar sei sie deprimiert. "Sie weiß nicht, was das ausgelöst hat. Sie sagt, dass eine dunkle Wolke über ihr hängt", zitiert das Blatt eine Freundin. Laut einer im vergangenen Jahr erstellten Gießener Angehörigenstudie hat sich jeder vierte Angehörige eines psychisch Kranken mindestens einmal für ihn geschämt. Die Angehörigen von psychisch Kranken sind selbst gesundheitlich gefährdet. Angehörige leiden nach wissenschaftlichen Untersuchungen überdurchschnittlich häufig an Depressionen, Nacken- und Schulterschmerzen sowie an Kreuz- und Rückenschmerzen. Häufig fühlten sich die Familien verantwortlich für die Krankheit. Die Stuttgarter Neurologin und Psychotherapeutin Carmen Heerdegen weist auf den doppelten Gewinn durch die Einbeziehung der Angehörigen hin. "Familienangehörige und Lebenspartner sollten in die Behandlung ganz selbstverständlich mit einbezogen werden, weil sie wesentlich zur Rückfallprävention beitragen und mit der Erkrankung ohne Scheu und Scham umgehen lernen können." [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 13. Oktober 2000] Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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