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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Gehirn von Frühgeborenen bleibt "dramatisch" kleiner - Lernbehinderung mit vierfach höherem Versagensrisiko

Chicago/New York (18.10.2000) - Zu früh geboren - ein Handikap fürs ganze Leben? Ergebnisse einer amerikanischen Studie von Bradley S. Peterson (Yale Universität) und Kollegen, die die Hirnmasse von 25 Frühchen mit der von 39 Neun-Monats-Kindern auf kernspintomographischen Aufnahmen verglich, untermauern jetzt die These vom frühen Trauma mit dauerhaften intellektuellen Behinderungen. Frühgeborene Kinder haben auch im Alter von acht Jahren noch ein kleineres Gehirn als Gleichaltrige, die normal zur Welt kamen. Die Studie ist in der heutigen Ausgabe des Journal der Amerikanischen Ärztegesellschaft (JAMA) veröffentlicht (Band 284, Seiten 1939-1947).

Als Frühgeborene bezeichnet man Kinder, die vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen. Gerade die Rate der Kinder, die mehr als acht Wochen vor dem Geburtstermin geboren werden, ist bedenklich hoch. Frühgeborenen werden von der 30. Schwangerschaftswoche an gute Überlebenschancen eingeräumt. Kinder, die vorher zur Welt kommen, können zwar überleben, tragen aber oft bleibende und schwer behandelbare Gehirn-Schäden davon.

Nach Angaben des baden-württembergischen Sozialministeriums ist die Säuglingssterblichkeit im Land in den vergangenen Jahren weiter zurückgegangen. 1990 wurden noch 6,5 Sterbefälle auf 1.000 Lebendgeborene registriert, 1998 waren es 4,2 Sterbefälle. Im selben Zeitraum sind die Risikofaktoren für die Säuglingssterblichkeit häufiger geworden sind: So hätten zwischen 1990 und 1998 die Frühgeburten um fast 20 Prozent zugenommen, das durchschnittliche Alter der Mütter bei der Geburt des ersten Kindes sei von 26,8 Jahren auf 28,8 Jahren gestiegen, der Anteil der Schwangeren über 35 Jahre liege mit 13,6 Prozent um ein Drittel höher. Trotz verbesserter Behandlungsmethoden ist die Zahl der Frühgeburten zu hoch. Derzeit liege die Zahl der Frühgeborenen bei etwa sechs Prozent.

"Der Unterschied zwischen der Hirnmasse ist in allen Regionen dramatisch und zeigt ein Minus zwischen elf und 35 Prozent", schreibt der federführende Autor der Untersuchung, Bradley Peterson von der Yale Universität in New Haven (US-Staat Connecticut). Am schlimmsten betroffen waren Kinder, die mit einem Gewicht von weniger als 1.000 Gramm geboren wurden.

Peterson und Kollegen stellten fest, dass sich die Zeit der Babys im Mutterleib proportional auf ihre Hirnmasse auswirkt: Je früher sie in den Brutkasten kamen, desto größer war auch ihr Defizit an Hirnvolumen. Die Differenz zeigte sich im Kleinhirn ebenso wie dem Corpus callosum, einem Teil des Großhirns. Er war auch am Mandelkern (Amygdala) im Großhirn sowie am Hippocampus, einer Seepferdchenähnlichen Vorwölbung des Gehirns, zu sehen, die beim Verarbeiten von Gefühlen eine Rolle spielen.

Der Mangel an Hirnmasse wiederum ließ sich bei den Achtjährigen parallel an ihren Entwicklungsproblemen verfolgen. Von den ehemaligen Frühchen mit einem oder weniger als einem Kilo Geburtsgewicht etwa ist laut US-Statistik jedes zweite im Alter von acht Jahren lernbehindert. Andere Untersuchungen hatten festgestellt, dass Frühchen häufiger Lernprobleme im Kindergarten und in den ersten Schuljahren haben als andere Kinder. Auch schulische Förderung und psychotherapeutische Hilfe können die Defizite in der Hirnsubstanz nicht vollständig kompensieren. Die US-Forscher wollen jetzt herausfinden, welche Faktoren für die mangelnde Entwicklung des Gehirns außerhalb der Gebärmutter verantwortlich sind.

Bereits im Juli diesen Jahres belegte die bisher längste Studie zur Entwicklung von Frühchen durch Greg Duncan und Kollegen an der Northwestern University (US-Staat Illinois), dass Frühchen in ihrer geistigen Entwicklung weitaus stärker gehemmt sind als bisher angenommen. Ihr Risiko, in der Schule nicht zurechtzukommen und Klassen wiederholen zu müssen oder auch gar keinen Abschluss zu schaffen, ist vier Mal so hoch wie das ihrer Geschwister mit einem normalen Geburtsgewicht. Das berichtet das Fachjournal "American Sociological Review". Die Untersuchung beinhaltet die Daten von Kindern aus Tausenden Familien seit 1968. Die Wissenschaftler beobachteten ehemals Frühgeborene bis zum 20. Lebensjahr.  In den USA kommen acht Prozent aller Neugeborenen zu früh und mit einem teils erheblich niedrigeren Gewicht als normal zur Welt.

Bei einer "Lebensrettung um jeden Preis" würden Frühgeborenen oft traumatisiert, ohne eine echte Überlebenschance zu haben. "Wir wollen erreichen, dass das Thema künftig aus der Tabuzone herauskommt und vor allem vom Gesetzgeber als Problem wahrgenommen wird", sagte der Chefarzt der Ahlener Frauenklinik, Jörg Falbrede im Vorfeld des bundesweit ersten medizinisches Kolloquiums am 27.09.2000, das sich öffentlich mit medizinischen, juristischen und theologischen Fragen zum Grenzbereich zwischen Leben und Tod bei Frühgeburten auseinander setzt. Gesetzeslücken führten dazu, dass Mediziner aus Furcht vor strafrechtlichen Konsequenzen nicht immer so handeln könnten, wie sie es persönlich für richtig hielten oder es die Ethik erfordere.

Aber was ist im Gesundheitswesen schon ethisch? Nach Ansicht von Frauenärzten kann mit einem einfachen Säuretest (pH-Test) bei Schwangerschaften das Risiko von Frühgeburten erheblich gemindert werden. Zu 70 Prozent seien Infektionen der Scheide für Frühgeburten verantwortlich, die mit dem Test früh erkannt werden könnten, sagte der Berliner Geburtsmediziner Erich Saling am 14.06.2000 auf dem 53. Kongress der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in München. Dazu müssten sich Schwangere bis zur 34. Woche zwei Mal wöchentlich selbst untersuchen. Bisher testeten Frauenärzte nur einmal im Monat. Der Frauenarzt Udo B. Hoyme vom Klinikum für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Erfurt berichtete, bei Frauen, die den Säuregrad der Scheide nicht messen, liege das Risiko von sehr frühen Geburten etwa elf mal so hoch wie bei Frauen, die sich regelmäßig getestet hätten. Dies habe eine Studie mit etwa 2 300 Frauen in Erfurt ergeben.

Die so genannte bakterielle Vaginose zeige sich früh in einem erhöhtem Säuregrad der Scheide. Die Keime lösten frühzeitig Wehen aus und weichten den Muttermund auf. Hinzu kämen andere Symptome wie stark vermehrter Ausfluss und Brennen beim Wasser lassen. Die Infektion sei mit verschiedenen Antibiotika leicht zu behandeln. Der Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, Armin Malter, kritisierte die Krankenkassen, die Kosten für den Säuretest nicht zu übernehmen. Die Behandlung Frühgeborener werde bezahlt und verursache Kosten in Milliardenhöhe. "Günstige Vorbeugung dagegen wird nicht bezahlt." - Dieselbe Ethik wie bei der Psychotherapie: Für ambulante Prävention und Therapie gibt es grotesk niedrige Honorare, teure und unsinnige Klinikaufenthalte werden hingegen üppig bezahlt.


Nach einem Bericht der Wochenzeitung "DIE ZEIT" halten deutsche Mediziner die in Frankreich praktizierte aktive Sterbehilfe bei Frühgeborenen mit schweren Behinderungen allerdings für ethisch nicht vertretbar. Wenn Leben gegen Leid ausgespielt werde, lande man bei der Eugenik, sagte der Theologe und Ethiker Dietmar Mieth von der Universität Tübingen der in Hamburg erscheinenden Wochenzeitung in der heutigen Ausgabe. Eugenik ist die von den Nationalsozialisten missbrauchte so genannte Erbgesundheitslehre.

Auch deutsche Fachärzte für Frühgeburten (Neonatologen) entschieden sich dafür, die Lebens verlängernden Maßnahmen bei extrem geschädigten Frühchen mit geringer Lebensperspektive etwa durch das Abschalten der künstlichen Beatmung zu begrenzen, berichtete "DIE ZEIT" in ihrer Ausgabe von heute. Nur eine kleine Minderheit sei bereit, Schmerzmittel in hohen Dosen oder andere Medikamente zu geben, um das Frühchen damit zu töten.

In Frankreich bekannten sich nach Angaben der Wochenzeitung in einer Umfrage dagegen drei Viertel der befragten Neonatologen dazu, aktive Sterbehilfe zu leisten, um das Leiden der extrem behinderten frühgeborenen Kinder zu beenden. Ein französisches Ethikkomitee hatte kürzlich ein solches Verhalten gutgeheißen.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 18. Oktober 2000]

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