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Hochbegabung und Genie als Segen oder Fluch? Hochbegabte sind anders - und keineswegs immer ProblemkinderMarburg/Pinneberg/Stuttgart (20.10.2000) - Auf den ersten Blick ein Segen, auf den zweiten oft ein Fluch: Weniger als zehn Prozent aller Eltern wünschen sich ein hochbegabtes Kind. Eltern und Mitmenschen sind oft rat- und hilflos, Vor- und Fehlurteile über Hochbegabte an der Tagesordnung. Etwa die Hälfte aller Hochbegabten, so lauten Schätzungen von Experten, scheitern an ihrer Umwelt, weil sie anders sind als andere.Hochbegabte Kinder brauchen jedoch nicht zwangsläufig Problemfälle zu werden - nach dem Ergebnis einer Studie sind sie erfolgreich und beliebt. Kinder mit einem Intelligenzquotienten von über 130 seien weder sozial isoliert, noch charakterlich seltsam, heißt es in der europaweit ersten Langzeituntersuchung hochbegabter Kinder, die im Oktober veröffentlicht wurde. Vor allem sind sie alles andere als schlechte Schüler, wie der Leiter der Studie, der Marburger Entwicklungspsychologe Prof. Detlef Rost, in einem Gespräch betonte: "Das Bild, das in der Öffentlichkeit vorherrscht, ist völlig falsch." Das von der Universität Marburg initiierte Projekt begleitet seit 13 Jahren eine Gruppe Hochbegabter. 1987 testeten die Wissenschaftler 7.000 willkürlich ausgewählte Drittklässler auf ihre Intelligenz. 151 von ihnen hatten einen IQ von mehr als 130. In Interviews mit den Kindern, mit Lehrern, Eltern und Freunden sammelten die Wissenschaftler in zwei Schritten eine Vielzahl von Informationen. Bei der ersten Stufe der Langzeitstudie waren die Kinder neun Jahre alt, in der zweiten 15. Die gleichen Interviews führten die Forscher mit einer Kontrollgruppe durchschnittlich begabter Kinder. Die Ergebnisse entsprachen überhaupt nicht dem Bild, das Selbsthilfegruppen und Medien von Hochbegabten zeichnen. "Das sind Kinder wie alle Kinder", sagte Rost. Sie interessierten sich für die gleichen Dinge wie Sport, Musik oder Ausgehen. Wenn es Unterschiede gebe, fielen sie zu Gunsten der Hochbegabten aus. "In der Grundschule werden diese Kinder beispielsweise häufiger zu Geburtstagen eingeladen. Als Halbwüchsige haben sie tendenziell etwas weniger Freunde, was aber nicht daran liegt, dass sie nicht beliebt sind: Die Hochbegabten sind anspruchsvoller bei der Wahl ihrer Kontakte." Die Kinder seien weniger unterwürfig, emotional reifer, verständiger. In einem dritten Untersuchungsschritt will das Marburger Hochbegabtenprojekt jetzt die guten Schüler und die Kontrollgruppe während des Studiums begleiten. "Wir wollen wissen, was aus ihnen wird", sagte Rost. Nach ersten Befragungen zu urteilen, sind die Hochbegabten weniger materiell orientiert. Laut Rost haben sie eher den Anspruch etwas zu studieren, das sie interessiert, als etwas, womit sie viel Geld verdienen können. Rost kritisierte Medienberichte, in denen Hochbegabte als Problemkinder dargestellt werden, als einsam und schwierig, als aggressiv und gestört. "Dies verleitet Eltern zu einem fatalen Umkehrschluss", sagte Rost: "Nämlich: Wenn mein Kind Probleme hat, ist es hochbegabt." Bei der so genannten begabungsdiagnostischen Beratungsstelle BRAIN an der Universität Marburg meldeten sich ständig Eltern, um Kinder testen zu lassen, "weil sich das Kind in der Schule langweilt". Rost: "Langeweile in der Schule ist vor allem ein Zeichen für schlechten Unterricht. Auch andere Kinder langweilen sich." Ebenso seien weder Verhaltensstörungen noch soziale Schwierigkeiten ein Zeichen für hohe Begabung. Vielmehr folgten bei hochbegabten Kindern, die als solche nicht erkannt und angemessen gefordert würden, aus der Unterforderung oder Fehlbewertung durch andere dauerhafte Anpassungsprobleme. Diese Fälle fänden sich nach Einschätzung Rosts gehäuft bei Selbsthilfegruppen, in denen sich Eltern hochbegabter Kinder zusammenschließen. Dort sind seiner Meinung nach Problemfälle "dramatisch überrepräsentiert" und würden die Vorurteile gegenüber Hochbegabten geschürt: "Es schließen sich nur Eltern zusammen, die Schwierigkeiten mit ihrem Kind haben. Eine 'Selbsthilfegruppe für das erfolgreiche glückliche Kind' hätte ja auch keinen Sinn." Bei Studien dieser Art ist zu bedenken, dass die Teilnehmer als Hochbegabte identifiziert und durch die Studienteilnahme - ebenso wie ihre Eltern - möglicherweise für die besondere Problematik sensibilisiert wurden. Nicht selten werde Menschen, die durch ihre nicht erkannte Hochbegabung durch das Leben "irrten" und "scheiterten", erst in der Lebensmitte der Kern ihres Problems und die Besonderheit ihrer Lern- und Entwicklungsgeschichte klar. "Manchen Patienten, die zum Beispiel mit sozialen Ängsten in die Sprechstunde kommen, fällt es wie Schuppen von den Augen, wenn sie verstehen, dass ihr Anderssein, das von Eltern und Gleichaltrigen abgelehnt wurde, zum Rückzug führte und gleichzeitig die Entfaltung ihrer Talente dramatisch hemmte", sagt die Stuttgarter Fachärztin und Psychotherapeutin Carmen Heerdegen, die sich seit Jahren mit dieser Patientengruppe beschäftigt. Hochbegabte sind oft sehr früh in der Lage, Fehler und Schwächen ihrer Eltern zu erkennen oder Problemlösungsvorschläge zu machen, die ihre Eltern "düpierten". Würden sie hierfür abgewertet, reagierten sie mit Depressionen und Angst. In größeren Unternehmen sei gelegentlich zu beobachten, wie kenntnisreiche Personalchefs gerade auch Menschen mit unzulänglichen Ausbildungsabschlüssen einstellten, die aus unvorteilhaften Entwicklungsbedingungen resultieren. "Mit einem gewissen Maß an Erfahrung kann ein Personalentscheider die Diskrepanz zwischen dem formell Erreichten und dem potentiell Möglichen eines Menschen wahrnehmen", sagt Heerdegen: "Es ist nur folgerichtig, wenn High-Tech-Konzerne die unerkannten Begabungen abschöpfen." Verkannte Hochbegabte können sich auch mit 20 oder 30 Jahren noch erstaunlich entwickeln, wenn sie in einem Unternehmen systematisch gefördert werden, berichtet die Psychotherapeutin. "Aber natürlich sind bis dahin schon manche Potentiale unwiederbringlich verloren gegangen." Auch bräuchten diese Menschen oft psychotherapeutische Hilfe, um zu sich selbst zu finden. Ein einmaliges Projekt für Hochbegabte in Pinneberg soll dem Verlust an Begabungen entgegenwirken und vorhandene Potentiale früh entwickeln. Eine Wetterstation bauen, Chinesisch lernen und englisches Theater aufführen - das sind drei von acht Kursen, in denen Hochbegabte im Kreis Pinneberg gefördert werden. Die Stiftung Jugend, Umwelt, Kultur und Soziales der Kreissparkasse fördert dieses Programm, das vom Land Schleswig-Holstein als Modellprojekt unterstützt wird. Am 11.10.2000 stellten die Initiatoren und Sponsoren ihr Konzept in Pinneberg vor. Die Initiative, besonders begabte Schüler zu fördern, hatte die Schulpsychologin des Kreises, Marlen Bartels, vor etwa drei Jahren nach einer Landesfachtagung ergriffen. Im vorigen Jahr startete die Testphase mit dem ersten Kursus am Elsensee-Gymnasium in Quickborn. Gut 20 Kinder der Klassenstufen vier bis sechs aus der Region trafen sich 14-täglich zum Zusatzunterricht am Sonnabendvormittag. Oberstudiendirektor Reinhard Mischke sagte: "Es geht uns darum, über den normalen Unterricht hinaus zusätzliches Wissen auf besonderen Gebieten zu vermitteln". Am 11.11.2000 startet die zweite Stufe des Programms mit etwa doppelt so viel Kindern in Quickborn und an einem Gymnasium in Elmshorn. Die Schüler werden von ihren Schulen für den Spezialunterricht ausgewählt. Nach Angaben des Landrats und Stiftungsvorsitzenden ist es das Ziel, das Programm auf Grundschulen und die älteren Jahrgänge auszuweiten. Die Stiftung finanziert die Lehrkraft für Chinesisch sowie das Unterrichtsmaterial. Das Bildungsministerium trägt die übrigen Lehrerstunden. Die Eltern tragen einen Eigenanteil pro Kursus von 60 Mark. Die Unterstützer des Projekts bewerten die Testphase als äußerst gelungen. Schulpsychologin Bartels meinte: "Kinder, die auffällig wurden, weil sie im Unterricht unterfordert waren, wirken zufriedener". Nach den Worten von Oberstudiendirektor Mischke macht Kindern und Lehrern der zusätzliche Unterricht "riesigen Spaß". [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 20. Oktober 2000] Buchtipp - und hier können Sie bestellen... Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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