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Psychotherapie
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Kindermörder zerstören oft auch das Leben der Eltern - Bessere ambulante Psychotherapie für Trauma-Opfer erforderlichNürnberg/Stendal/Oberursel/Hannover/Leipzig (29.10.2000) - Von Dietmar G. Luchmann. Ein zwölfjähriges Mädchen namens Mandy wird von einem 34-jährigen Mann sexuell "scheußlich missbraucht" und anschließend erdrosselt. Der psychiatrische Gutachter Professor Friedemann Pfäfflin, Psychoanalytiker der Universität Ulm, versuchte den Sexualmord in seinem psychopathologischen Bericht hingegen als getarnten Doppelselbstmord darzustellen. Selbst der Vorsitzende Richter Adolf Kölbl empörte sich über die grotesk-fantastische Analyse des Gutachters Friedemann Pfäfflin, das zwölfjährige Mädchen habe ihren Mörder "gedungen - ein absurder und abwegiger Gedanke" (siehe PSYCHOTHERAPIE, Bd.1 (2000), Report: 26.10.2000, Lebenslang für Sexualmord an Mandy - Kritik an Friedemann Pfäfflins "absurder und abwegiger" Gutachterthese vom Doppelselbstmord.)Die Mutter der zwölfjährigen Mandy, die dem Sexualverbrechen zum Opfer fiel, leidet seit dem Verlust ihres einzigen Kindes im Mai 1999 unter starken Depressionen. Die Landesärztin für Psychiatrie an der Uni Erlangen, Brigitte Muggele, attestierte der 41-jährigen Frau am 25.10.2000 vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth Selbstmordabsichten. Diese würden allein durch den Gedanken an den Prozess verstärkt. Wie bei der Mutter von Mandy werden bei Sexualmorden an Kindern oft auch die zurückbleibenden Eltern zu Opfern. Ein Eindruck, den Experten immer wieder bestätigen. "Kindermörder zerstören häufig auch das Leben von Vätern und Müttern", sagte der Erlanger Kriminalpsychologe Professor Friedrich Lösel im Zusammenhang mit dem in Nürnberg verhandelten Mordfall "Mandy". Unterstützung von Freunden und Angehörigen ist wichtig Manche Eltern, so wissen Experten, können nach der Ermordung ihres Kindes regelrecht zerbrechen: Einige werden psychisch krank, andere - vor allem Männer - treibe die Verzweiflung in den Alkoholismus. Einigen Eltern gelinge es aber durchaus, den schweren Schicksalsschlag zu bewältigen. Dazu sei jedoch die Unterstützung von Freunden und Angehörigen erforderlich, meinte Lösel. Zunächst bestimme oft Wut auf Täter und Behörden das Gefühlsleben der betroffenen Eltern. Später folgten Selbstvorwürfe. "Eltern fragen sich immer wieder, ob sie den gewaltsamen Tod ihres Kindes hätten verhindern können", berichtete Lösel, der das Institut für Psychologie an der Universität Erlangen-Nürnberg leitet. Bei länger bestehenden, zunächst arglos erscheinenden Kontakten zu späteren Sexualtätern machten sich Eltern mitunter auch den Vorwurf, dass sie die wahren Absichten des "guten Bekannten" nicht rechtzeitig durchschaut oder - wie im Fall "Mandy" - nicht schon frühzeitig unterbunden hätten, sagte der Kriminalpsychologe. Diese Mischung aus Wut und Selbstvorwürfen, die nach Gewalttaten ungleich komplexer sei als bei tödlich verlaufenen Unglücksfällen, lasse Eltern in eine posttraumatische Belastungssituation geraten. Sie schliefen schlecht, reagierten nervös und gereizt, seien depressiv verstimmt und im Beruf unkonzentriert. "Das Leben macht einfach keine Freude mehr", beschrieb Lösel die Symptome. Viele Eltern litten auch darunter, dass ihnen das schreckliche Ereignis schon bei geringsten Ereignissen blitzartig wieder durch den Kopf schießt. Ein typisches Merkmal ist das wiederholte Erleben des Traumas in sich aufdrängenden Erinnerungen, Träumen oder Albträumen, häufig begleitet von emotionaler Stumpfheit, Freudlosigkeit, Angst und Depressionen. Unabhängig davon entwickelten Eltern von Sexualmord-Opfern ganz eigene Strategien, um den schweren Schicksalsschlag zu bewältigen. Manche verhielten sich im Alltag, als sei ihr Kind noch am Leben. Sie ließen das Kinderzimmer unberührt, lebten so, als hätten sie weiterhin ihren Sohn oder ihre Tochter zu versorgen. Oft können hier nur Psychotherapeuten betroffene Eltern aus einer solchen Realitätsflucht herausführen. Manchen Eltern helfe auch die Geburt eines zweiten Kindes über den Verlust des ersten hinweg. Eigenes Engagement und behutsame Begleitung helfen bei Sinnfindung Eine immer wieder zu beobachtende Bewältigungs-Strategie sei aktives Engagement gegen Kindesmissbrauch. "Neuerliche Missbrauchsfälle zu verhindern - das kann für Eltern ein wichtiger Weg der Bewältigung sein", betont auch Lösel. Erst wenn man dem schrecklichen Geschehen doch noch einen Sinn abgewinne - etwa den, dass sich solche Fälle nicht wiederholten, werde man mit der Sache fertig. So erinnerten am 19.10.2000 etwa 50 Frauen mit einem Zug durch die Stendaler Innenstadt an die Ermordung der achtjährigen Anika. Die Demonstration stand unter dem Motto "Mütter machen sich stark". Ein 40-jähriger Mann hatte das Mädchen am 9. Oktober in Stendal in seine Wohnung gelockt und dort ermordet, weil sich das Kind gegen sexuelle Übergriffe wehrte. Obgleich hilfebedürftig, schrecken die meisten Menschen, die seelische Narben durch körperliche und psychische Gewalt, Missbrauch oder Unfälle erlitten haben, vor ausgedehnten Psychotherapien zunächst zurück. Durchaus mit Recht. Bei weitem nicht alle Angebote an psychotraumatologischen Therapien haben sich tatsächlich als hilfreich erwiesen. Manche forsche Trauma-Behandlung hat selbst noch traumatisiert und Wunden aufgerissen. Eine behutsame ambulante kognitiv-psychotherapeutische Begleitung bei der Trauerarbeit, die bei Bedarf und auf Abruf verfügbar ist, vermag Betroffene viel wirksamer und unaufwendiger dazu führen, die Realität anzunehmen. Opfer als Objekt medialer und therapeutischer Ausbeutung Ein zusätzliches Problem leidgeprüfter Opfer traumatischer Erlebnisse ist das öffentliche Interesse. Das ungebremste Medieninteresse am Leid führt nicht zu besserer Verarbeitung, sondern zu einer weiteren Traumatisierung, warnen Experten. Deshalb haben die Medien dort nichts verloren, wo Menschen über den Tod eines Familienmitglieds Tränen vergießen. Geradezu verheerende Folgen könne die Preisgabe der Identität der Toten haben, wenn die Fotos der Opfer in den Medien zu sehen seien oder Details berichtet würden die die Opfer nie preisgeben würden. Selbst Psychotherapeuten scheuen sich nicht, Patienten und Opfer zu instrumentalisieren und auszubeuten: Klappern gehört auch in der Heilkunde zum Handwerk, wie die kanadische Psychologin Tana Dineen in "Manufacturing Victims" (London: Constable Press, 1999) anprangert. So forderte Lucien Burkhardt vom Vorstand der Internationalen Society for the Study of Dissociation (ISSD) heute bei einer Tagung in Oberursel im Taunus, mehr Traumastationen in deutschen Krankenhäusern einzurichten, weil die Kapazitäten für die stationäre Versorgung von Menschen mit schweren Psychotraumata angeblich bei weitem nicht ausreichten. Tatsächlich bedarf Deutschland einer qualifizierteren ambulanten psychotherapeutischen Versorgung, psychotherapeutische Kliniken und Stationen hat es bereits mehr als erforderlich - soviel, wie die übrige Welt an Psychotherapiebetten zusammen. Zudem vertritt die ISSD die haltlose Theorie, im Gefolge eines Traumas entstünden "mehrfache Persönlichkeiten". Ein Phänomen, das nach Meinung vieler Wissenschaftler nur iatrogen durch Artefakte in der Therapeut-Klient-Beziehung geschaffen wird und nicht tatsächlich existiert. Derlei fragwürdige Suggestionen von "multiplen Persönlichkeiten" oder ähnlichem sollte man Opfern ersparen - ebenso wie die Intention solcher Psychotherapeuten, ihre Opfer dann in so genannten "Trauma-Centern" über hunderte Stunden oder viele Monate behandeln zu wollen. Psychiatrie-Koordinator: Stationäre Psychotherapie "ist überflüssig" Wirklichkeitsgerechter und angemessener ist dagegen das Bemühen der Ärztekammer Niedersachsen, die ihre Allgemeinmediziner und Fachärzte zukünftig besser auf die Behandlung seelisch traumatisierter Menschen vorbereiten will. Umfragen zeigten, dass viele Behandlungsbedürftige sich zunächst die Hilfe ihres Hausarztes wünschten, sagte Vizepräsidentin Cornelia Goesmann am 04.10.2000 bei einer Tagung in Hannover. Daher sollten Mediziner aller Richtungen für den Umgang mit Traumatisierten geschult werden und auch in der Lage sein, "weitere therapeutische Maßnahmen bei Spezialisten aufzuzeigen". Nach Schätzungen von Medizinern leiden bis zu vier Prozent der weiblichen Bevölkerung allein an einem Trauma durch schweren sexuellen Missbrauch in der Kindheit oder Jugend. Auch Gewalt- und Unfallopfer, Polizisten oder Feuerwehrleute, die bei Katastrophen oder Unfällen mit schrecklichen Erlebnissen konfrontiert worden sind, benötigten rascher eine ambulante Psychotherapie. Psychiater Ulrich Sachsse stellte heraus, dass psychische Krankheiten durch Traumata organische Erkrankungen seien: "Wir müssen das behandeln wie eine Migräne." Leipzigs Psychiatrie-Koordinator Thomas Seyde forderte auf einer Tagung des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker (BApK) am 13.10.2000 sogar, die stationäre Behandlung psychisch Kranker völlig einzustellen. "Das ist überflüssig", sagte er. Statt dessen forderte auch er eine Stärkung der ambulanten Betreuung von Kranken und deren Angehörigen. - Dies ist nachweislich der effektivste und kostengünstigste Weg, um Schmerz und Leid Betroffener zu mindern. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 29. Oktober 2000] Buchtipp - und hier können Sie bestellen... Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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