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ISSN 1616-3753
PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Wenn ein hoher IQ zum Nachteil wird: Zu schlau für diese Welt

Alles andere als eine Kaderschmiede für Genies: Deutschlands erste Schule für Hochbegabte

Geseke (29.10.2000) - Von Markus Schwering. "Wenn du dich nicht konzentrieren kannst, darfst du einmal am Tag nach dem time-out-Zeichen für fünf Minuten hinausgehen." Dieser Satz steht auf einer handgeschriebenen Liste mit Verhaltensregeln, die im Klassenzimmer aushängt. Wenn es danach ginge, müsste eigentlich dauernd jemand hinausgehen: Um die Konzentrationsfähigkeit scheint es allgemein schlecht bestellt zu sein. Während die Lehrerin Katharina Hathmann englische Vokabeln an die Tafel schreiben lässt, steppt hinter ihr der Bär.

"Lass das, du Schwein" fährt der 9-jährige Mark seinen Nachbarn an. Dafür erhält er eine Rüge, rechtfertigt freilich den Ausrutscher mit dem Hinweis, vorher "dauernd geschlagen" worden zu sein. In der allgemeinen Unruhe geht das allerdings unter. Nichts vom Unterricht wissen zu wollen scheint der ebenfalls 9-jährige Oliver. Er hat sich hinter einen Tisch an der Rückwand - außerhalb des Hufeisens der übrigen Tische - zurückgezogen. Das Englischbuch ist geschlossen und wird für Jonglierübungen genutzt. Ähnliche Dienste leistet ein biegsamer Holzstock, und dazu wippt Oliver nervös auf einem großen Sitzball. Von seiner Umgebung scheint er wenig mitzubekommen.

"Das täuscht", sagt die Lehrerin. "Man denkt, der hat abgeschaltet, aber die letzte Englisch-Arbeit war 2 plus." Ähnlich verhält es sich mit seinen Klassenkameraden: "Die lernen schnell", sagt die Lehrerin, "Vokabeln und Strukturen, und das ist dann auch präsent, man braucht wenig zu wiederholen." Kein Wunder, denn die Klasse aus 18 Jungen und zwei Mädchen ist eine Klasse von Hochbegabten. Bei keinem von ihnen unterschreitet der Intelligenz-Quotient den Wert 130 - ein Wert, den vielleicht zwei Prozent eines Jahrgangs erreichen.

Wir befinden uns in der ersten Klasse an der ersten staatlich anerkannten Schule für Hochbegabte in Deutschland. Sie trägt den klangvollen Namen "Talenta" und hat zu Beginn dieses Schuljahres ihre Pforten geöffnet - auf einem weitläufigen Schulgelände in unmittelbarer Nachbarschaft des imposanten frühbarocken Schlosses Eringerfeld bei Geseke, beschaulich am Nordrand des Sauerlandes gelegen.

Für die betroffenen Kinder - und ihre Eltern - scheint diese Gründung einer Erlösung gleichzukommen, denn der Anmeldung samt Unterbringung im angeschlossenen Internat ist oft ein jahrelanger Leidensweg vorangegangen. Jens zum Beispiel: In der Grundschule langweilte er sich fürchterlich; von den Mitschülern wurde er als Streber gemobbt, wollte daraufhin nicht mehr in die Schule, reagierte mit Leistungsverweigerung, mit Erbrechen und häufiger Krankheit. Auf Empfehlung der Lehrer wollten die Eltern ihn in eine Sonderschule schicken - bis bei einem zufälligen Test die Diagnose "Hochbegabung" herauskam.

Die wenigen Wochen an der "Talenta" haben Schulleiter Rainer Bäuerlein zufolge aus Jens einen anderen Menschen gemacht: "Ich bin am Ziel meiner Träume" zitiert er ihn. Und die vergrämten Eltern "kannten ihren Sohn, wenn er am Wochenende nach Hause kam, nicht mehr wieder".

Niklas, 9, konnte im Alter von zwei Jahren eine Stereoanlage perfekt bedienen, mit Sieben entwarf er funktionsfähige Aufzugsmodelle. Hausaufgaben wollte er allerdings nicht machen, stattdessen störte er unentwegt den Unterricht. Nachdem seine Hochbegabung festgestellt worden war, durfte er zweimal eine Grundschulklasse überspringen. Mit den älteren Schülern kam er jedoch immer weniger zurecht, so dass die Rettung für die gesamte Familie hieß: "Talenta".

"Warum bist du nicht im Unterricht", fragt Schulleiter Bäuerlein, als er ihn an diesem Morgen beschäftigungslos auf dem Schulgelände trifft. "Wir schreiben eine Mathearbeit, aber ich bin schon fertig." Und was kam dran? "Geometrie, das Thema war Flächenberechnung. Aber das ist jetzt abgehakt." Niklas bestätigt augenscheinlich die Auffassung, wonach eine überdurchschnittlich entwickelte Ausdrucksfähigkeit ein Ausweis von Hochbegabung ist. Nach dem Unterricht zeigt Niklas dem Besuch sein selbstgebautes U-Boot. Den Elektromotor kann er freilich nicht anwerfen - die Batterien sind leer.

Die 73-jährige Schulgründerin Berna Kirchner - die promovierte Philologin ist selbst hochbegabt -, berichtet über einen weiteren "Fall": Ein hochbegabter Schüler kannte lange Zeit nur ein Ziel - nämlich nicht zum Ziel zu kommen, mit viel Erfindungsgabe genau die falschen Lösungswege einzuschlagen. Dieses Verhalten ist eine Form von Verweigerung, "die wir hier erst einmal aufbrechen müssen". Die Erziehung von Hochbegabten - "mein letztes Kind", sagt die resolute Unternehmerin Kirchner, die Kliniken betreibt, Schulen gründete und Schloss Eringerfeld in ein stilvolles Tagungszentrum verwandelte - hat also nur zum Teil mit zügiger Wissensvermittlung zu tun.

Sicher: "Talenta" beginnt mit Englisch und Latein in der fünften Klasse, moderne Kommunikationstechnik ist Pflichtfach, das Stundenpensum umfasst 34 Stunden, und märchenhaft ist die Betreuung: Die Klassenverbände sollen aufgelöst und die Kinder je nach ihrem Leistungsvermögen in kleinen Gruppen untergebracht werden. Mit der Maßgabe, dass etliche von ihnen deutlich vor dem 18. Lebensjahr ihr Abitur absolvieren.

Vor allem aber kommt es "Talenta" darauf an, die seelischen Defekte der Kinder zu beheben. Kirchner verweist darauf, dass sie "eigentlich alles Problemfälle" sind. Daher reagieren die Schulgründerin und ihre Mitstreiter gelassen auf immer noch zu hörende Vorwürfe, wonach Hochbegabtenschulen Anstalten zur Züchtung von nietzscheanischen Übermenschen seien. Früher, im so genannten normalen Leben, seien die "Talenta"-Schüler vielmehr Außenseiter gewesen. Hier, in Eringerfeld, könnten sie, im Kontakt mit ihresgleichen, erstmals funktionierende soziale und kommunikative Beziehungen aufbauen. "Das sind ja zum Teil fantastische Egoisten", konstatiert Bäuerlein.

Um die erkennbaren, teilweise an Behinderung grenzenden Defizite aufzuarbeiten, beschäftigt "Talenta" nicht nur Lehrer, sondern auch Heilpädagogen und Psychologen. Und Kirchner legt großen Wert auf die Betätigung im sportlichen und künstlerischen Bereich. "Happy hands make happy hearts" heißt ihre Devise, die auf die therapeutische Funktion handwerklicher Betätigung zielt. Neben dem Klassenzimmer lädt ein spezieller Raum zum Toben ein; und es gibt einen Garten, in dem die Schüler jäten und pflanzen und je eigene Beete anlegen können - was sie auch hingebungsvoll tun. "Humus ist echt wertvoll - er ist die beste Rosenerde", wird dem Besucher bedeutet.

Gegen das Kaderschmieden-Image spricht auch, dass "Talenta" sich um die Hochbegabten nicht reißt. Kirchner: "Hochbegabte Kinder, die in ihrer gewohnten Umgebung zurecht kommen, sollte man dort lassen." Und die Eltern? Sie kommen zumeist aus purer Verzweiflung. Nicht zuletzt müssen sie auch die Internatskosten stemmen. Bei mehr als 90 Prozent der Schüler übernehmen allerdings die Jugendämter zumindest einen Teil der Kosten.

Der Psychologe Detlef H. Rost von der Marburger Universität, der das "Talenta"-Projekt wissenschaftlich betreut, sieht in Elite-Schulen die optimale Förderungsmöglichkeit für Hochbegabte mit Problembiografien. Und Schulgründerin Kirchner pocht darauf, dass es sich "ein Land wie die Bundesrepublik nicht leisten kann, Talente einfach zu vergeuden".

Wie auch immer: Die Front ideologisch motivierter Vorbehalte bröckelt unübersehbar. Die Erkenntnis, dass nicht nur die Schwachen, sondern auch die Starken gezielt gefördert werden müssen, scheint sich immer mehr durchzusetzen. Über mangelnde Unterstützung der rot-grünen Landesregierung für "Talenta" jedenfalls kann sich Kirchner nach eigenen Worten nicht beklagen. Inzwischen hört man, dass weitere Hochbegabtenschulen gegründet werden sollen - unter anderem in Sachsen. "Aber wir waren die Ersten", sagt man in Eringerfeld nicht ohne Stolz.


© Kölner Stadt-Anzeiger. Der Beitrag erschien im "Kölner Stadt-Anzeiger" am 28.10.2000. Wiedergabe in "PSYCHOTHERAPIE" mit freundlicher Genehmigung von Rüdiger Voß, stellv. Chefredakteur.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 28. Oktober 2000]

Buchtipp - und hier können Sie bestellen...
Hochbegabung
Mähler, Bettina; Hofmann, Gerlinde: Ist mein Kind hochbegabt? Besondere Fähigkeiten erkennen, akzeptieren und fördern. Reinbek: Rowohlt, 1999.
200 000 bis 500 000 Kinder zwischen 2 und 5 sind hochbegabt. Sie werden unterfordert und reagieren darauf mit Aggression (Jungen) und Depression (Mädchen); die Eltern fühlen sich oft überfordert - überproportional viele Ehen scheitern an dieser Belastung; Erzieherinnen und Lehrer stehen vor dem Problem, ein einzelnes Kind besonders fördern zu sollen und gleichzeitig dem Gruppendurchschnitt zu genügen. Das Buch zeigt, wie Hochbegabung erkannt wird und wie Eltern, Erzieherinnen und Lehrer am besten damit umgehen und die Kinder fördern können.

Webb, James T.; Meckstroth, Elizabeth A.; Tolan; Stephanie S.: Hochbegabte Kinder, ihre Eltern, ihre Lehrer. Ein Ratgeber. Göttingen: Hans Huber, 1997.
Hochbegabte Kinder lernen schnell - und langweilen sich, wenn man ihnen das Lerntempo der anderen Kinder zumutet. Die Autoren kennen dieses und viele andere Probleme hochbegabter Kinder. Ihren Erfahrugsschatz geben sie weiter - an Eltern hochbegabter Kinder und allen anderen, auf deren Verständnis diese Kinder angewiesen sind. Die Autoren haben für dieses Buch den "National Media Award" der "American Psychological Association" bekommen.

Winner, Ellen: Hochbegabt. Mythen und Realitäten von außergewöhnlichen Kindern. Stuttgart: Klett-Cotta, 1997.
Sie lernen mit drei in zwei Wochen lesen, studieren mit fünf ganze Orchesterpartituren symphonischer Werke, bringen sich selbst mathematische Grundbegriffe bei: hochbegabte Kinder. Von vielen bewundert, beneidet, verehrt, lösen sie in ihrem Umfeld auch Angst und Mißtrauen aus. Wer sind diese Kinder wirklich. Ellen Winner geht in diesem fesselnden Buch den zahlreichen Mythen und Vorurteilen nach, die sich um diesen außergewöhnlichen Kinder ranken. Anhand von neuesten biologischen und psychologischen Erkenntnissen entlarvt sie all die vielen falschen Vorstellungen, die das Phänomen Hochbegabung begleiten. In spektakulären Fallbeispielen illustriert sie verschiedenste Formen außergewöhnlicher Begabung, sie zeigt, wie etwa ein Kind hochbegabt und lernbehindert gleichermaßen sein kann - entgegen dem weit verbreiteten Irrtum, daß Kinder mit hohem IQ in allen Fächern glänzen.

Billhardt, Jutta: Hochbegabte. Die verkannte Minderheit. Würzburg: Lexika-Verlag, 1996.
Erfahrungsberichte eines hochbegabten Kindes werden mit sachlichen Informationen der Autorin kombiniert.

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