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PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753). Zeitschrift für Moderne Psychotherapie und Gesundheit. Herausgeber: Dietmar G. Luchmann (Dipl.-Psychologe, Psychotherapeut)

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Kokain in Politiker- und Managerkreisen weit verbreitet - Legalisierung von Drogen und mehr Drogenambulanzen unausweichlich

Köln/Bielefeld/Hamburg/Freiburg/Berlin (02.11.2000) - Der Drogenarzt Volker Reichel, Gründer der Psychomedizinisch-Ambulanten Suchtberatung- und Substitutionstherapie (PASST) in Bonn, geht davon aus, dass auch in Politiker-Kreisen Kokain genommen wird. Reichel sagte der Kölner Tageszeitung "EXPRESS" in der heutigen Donnerstagsausgabe auf die Frage, ob viele Politiker Kokain konsumieren: "Ich denke ja - genau wie im Fall (Christoph) Daum gehört die Droge auch in diesen Kreisen dazu. Managerkreise betrifft das übrigens genauso."

Reichel sagte zu den auf Toiletten im Berliner Reichstag festgestellten Kokain-Spuren: "Die Droge wird unter den Mächtigen verbreitet und verteilt. Die Dealer werden gedeckt. Alles wird geschickt unter der Decke gehalten, keiner outet sich. Die deutsche Kokainszene hält sich in der Illegalität und im Verborgenen auf." Warum Politiker so anfällig sind, begründet Reichel so: "Sie stehen unter einem enormen Druck. Kokain bewirkt eine höhere Leistungsfähigkeit, schafft mehr Antrieb, ein geringes Schlafbedürfnis - und hebt die Stimmung. Der Konsument fühlt sich stark und selbstsicher. Ihm wird vorgespielt, den Druck der Umwelt besser zu ertragen."

Als "Pulver für Alpha-Tierchen" nannte der "SPIEGEL" (44/2000) deshalb das Kokain. Das Magazin zitierte am 30.10.2000 den Psychiater und Drogenforscher an der Medizinischen Hochschule Hannover Hinderk Emrich mit den Worten: "Jemand, der nicht sehr intelligent und dessen Leben einsam und langweilig ist, kann mit Kokain nicht viel anfangen." Damit sich die Möglichkeiten des Stoffs voll entfalten könnten, müsse ein Konsument die richtige Mischung aus Selbstverliebtheit und intellektuellem Potenzial besitzen. Beim Kokain, so erklärte Emrich, gehe es eben nicht nur um Glücksgefühle, sondern auch um "die Selbstdarstellung, die Brillanz, die Magie, den Heiligenschein, den die Droge verleiht. Wer Kokain nimmt, macht das, um überall das Alpha-Tierchen zu sein."

Auch neurophysiologisch ist inzwischen erklärbar, warum Kokain als Droge vor allem von der Denk-Elite - den Kreativen, Intellektuellen und Prominenten - geschätzt wird: Die anderen sind schlicht zu dumm dafür. Kokain aktiviert, wie fast alle anderen Drogen auch, das so genannte "Belohnungssystem", indem es die Konzentration des Überträgerstoffs Dopamin im Gehirn erhöht. Hierdurch entsteht ein Gefühl der Euphorie - Angenehmes erscheint noch angenehmer, Probleme scheinen sich in Luft aufzulösen.

"Im Kokainrausch", so wurde Emrich im "SPIEGEL" zitiert, "kann jemand, der viel in sich hat, aber es normalerweise nicht so richtig zur Geltung bringt, das Maximale aus seinen geistigen Möglichkeiten herausholen." Vor allem für selbstverliebte Menschen könne das ein unglaublicher Genuss sein. Nur: "Man muss es eben vorher in sich haben ­ sonst wird es peinlich und macht keinen Spaß mehr." Kokain stimuliert im Gegensatz zu anderen Drogen zusätzlich eine bestimmte Gruppe von Nervenfasern im Hirnstamm, die wie eine Art Beschleuniger von Denkprozessen wirken. Eine einzige Faser des so genannten aufsteigenden retikulären Systems kann bis zu einer Milliarde weiterer Hirnzellen zum Denken anregen, ein ungeheures geistiges Potenzial. Normalerweise arbeiten die Verstärker-Fasern nur auf Sparflamme ­ Kokain hingegen bringt sie auf Touren. Die Aktivierung dieses Potenzials birgt allerdings gewaltige Gefahren. Weil das Dopamin-System durcheinander gewirbelt wird, so warnen Experten, drohen Herzinfarkt, schwere Herzrhythmusstörungen, Schlaganfall, epileptische Krämpfe, Wahnvorstellungen und ­ beim Absetzen der Droge ­ schwere Depressionen.

Jugendforscher halten Legalisierung von Drogen unausweichlich

Eine Legalisierung aller Drogen ist nach Ansicht des Bielefelder Jugend- und Sozialforschers Klaus Hurrelmann auf lange Sicht unausweichlich. "Jede Form des Drogenverbotes ist in der Vergangenheit gescheitert. Dies wird auch bei der heutigen Verbotspolitik gegenüber Cannabis, Ecstasy, Speed, Heroin und Kokain nicht anders sein", sagte der Wissenschaftler am 07.07.2000 in Bielefeld. Ziel künftiger Drogenpolitik müsse eine strenge Kontrolle von Produkt, Preis, Verkauf und Verteilung sein. Die Droge Alkohol könne dann ebenso kontrolliert werden wie die Designerdroge Ecstasy.

Nach Einschätzung Hurrelmanns greifen Jugendliche in Deutschland vor dem Hintergrund eines "eingeschränkten Selbstwertgefühls" immer früher zu Zigaretten, Alkohol und Tabletten. Der Wissenschaftler hatte bundesweite Studien der Universität Bielefeld ausgewertet. Danach kommen viele Kinder mit sieben Jahren erstmals mit Zigaretten und mit neun Jahren erstmals mit Alkohol in Kontakt. Bei Zwölfjährigen müsse bereits mit fünf Prozent regelmäßigen Alkoholkonsumenten und sieben Prozent ständigen Zigarettenrauchern gerechnet werden, hieß es.

Grund für die steigenden Zahlen bei jugendlichen Drogenkonsumenten sei die Werbung. "Sie spielt schamlos mit dem Bedürfnis nach Anerkennung und Zuwendung, mit der Sehnsucht nach Abenteuer und Bestätigung." In diesem Zusammenhang forderte der Jugendforscher eine zweckgebundene Abgabe von fünf Prozent des Werbe-Etats für legale Drogen und psychoaktiv wirkende Medikamente zur Erweiterung der Anti- Drogen-Programme in Kindergärten, Schulen und in der Jugendarbeit.

Bei illegalen Substanzen liege Cannabis an der Spitze der Entwicklung; der Einstieg erfolge meist im Alter von 15 Jahren mit etwa vier Prozent regelmäßigen Nutzern pro Jahrgang. In den vergangenen Jahren sei auch die Verbreitung der synthetischen Modedroge Ecstasy bei Erstkonsumenten stark gestiegen; sie werde inzwischen von vier Prozent der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler konsumiert. Nach Auskunft Hurrelmanns werden bis zum 21. Lebensjahr fast 40 Prozent der jungen Menschen in Deutschland zu regelmäßigen Rauchern und 35 Prozent zu Alkoholkonsumenten. Bis zu zehn Prozent greifen laut Hurrelmann in dieser Altersgruppe zu Cannabis und bis zu fünf Prozent zu Ecstasy.

Ein Kurswechsel in der Anti-Drogen-Politik muss nach Auffassung von Hurrelmann europaweit abgestimmt werden. Dringend notwendig sei vor allem eine Verstärkung der Drogenvorbeugung in Kindergärten und Schulen. Zudem forderte der Forscher den Aufbau eines Beratungssystems für suchtgefährdete Jugendliche. "Wenn es gelingt, die Frühabhängigen rechtzeitig anzusprechen und zu unterstützen, können tausende schwerwiegende Drogenkarrieren vermieden werden", sagte er.

Drogenambulanz für Jugendliche - Neue Wege im Kampf gegen Rauschgift

Mit neuen Wegen und frühzeitigen Hilfeangeboten sollen Jugendliche in Hamburg möglichst früh vor einer "Drogenkarriere" bewahrt werden. Eine neue Drogenambulanz am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) soll Jugendlichen und ihren Familien Wege aus der Sucht aufzeigen. Dabei werden gezielt moderne psychotherapeutische und suchtmedizinische Behandlungsverfahren eingesetzt, sagte Leiter Rainer Thomasius bei der Vorstellung der Ambulanz am Montag in Hamburg. Schwerpunkte des Behandlungskonzeptes sind Gruppen- und Einzeltherapien für junge Cannabis- und Opiatabhängige sowie Ecstasy-Konsumenten. Außerdem werden Familientherapien angeboten, teilte das UKE an Montag mit. Ergänzt werde das Angebot durch einen "Ecstasy-Gesundheits-Check-Up".

Eröffnet wurde die Ambulanz in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des UKE am 01.11.2000. Das "bundesweite Modell" soll jungen Leuten helfen, die Erfahrungen mit Drogen wie beispielsweise Haschisch, Marihuana, Ecstasy, Amphetaminen, LSD oder Kokain gemacht haben sowie deren Familien, sagte Thomasius. Die Zielgruppe existierender Einrichtungen bestehe vorwiegend aus langjährigen Opiat-Abhängigen im Durchschnittsalter zwischen 30 und 40 Jahren. "Wir wollen Patienten am Beginn ihrer Rauschmittelkarriere behandeln, bevor es zu einer langfristigen Abhängigkeit kommt", sagte Thomasius. Die Einrichtung setze gezielt auf die Früherkennung und Frühintervention von Suchterkrankungen im Bereich der "illegalen Drogen", betonte Prof. Dieter Naber, Chef der UKE-Psychiatrie.

"Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass in Hamburg 21 Prozent der heute 15- bis 17-jährigen Jugendlichen Konsumerfahrung mit Cannabisprodukten wie Haschisch und Marihuana haben", hieß es. Sechs bis acht Prozent benutzten auch andere illegalen Drogen wie Ecstasy, Amphetamine, LSD und Kokain. Bei jungen Erwachsenen bis zum 29. Lebensjahr steige der Anteil Konsumerfahrener auf 31 Prozent für Cannabisprodukte und auf 18 Prozent für Ecstasy an. Es gebe Hinweise, dass der Konsum illegaler Substanzen vor allem bei Jugendlichen weiter zunehme, so Marion Schafft vom UKE.

Der Anteil junger Menschen zwischen 18 und 20 Jahren, die als behandlungsbedürftig gelten, werde in einer vom Bundesministerium für Gesundheit in Auftrag gegebenen Untersuchung auf sechs Prozent beziffert. Dies entspreche, hochgerechnet auf die westdeutsche Bevölkerung, 265.000 jungen Erwachsenen mit einer Abhängigkeitsdiagnose für illegale Drogen und 285.000 Personen mit einer Mißbrauchsdiagnose. Aus diesem Grund sei nun im UKE unter Leitung von Privatdozent Rainer Thomasius die neue Drogenambulanz eingerichtet worden.

Jeder Therapie gehe eine gründliche Eingangsdiagnostik voraus. Daneben gebe es eine "familientherapeutische Behandlung" zur Lösung all jener Belastungen und Konflikte im Umfeld des Süchtigen. "In den für Eltern und Drogenkonsumenten getrennten Gruppentherapien werden generationstypische und störungsspezifische Themen aufgegriffen und Lösungsmöglichkeiten entwickelt", so Thomasius.

Die Drogenambulanz verfolgt laut Thomasius einen "psychotherapeutischen Ansatz aus den USA". Neben einer Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie gebe es auch einen Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, zwei Psychologische Psychotherapeuten und einen Diplom-Psychologen. Die von den Krankenkassen getragene Einrichtung an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) ist wochentags von 09.00 bis 12.00 Uhr geöffnet. Gleichzeitig wird in dieser Zeit eine Telefonsprechstunde (040-428034217) angeboten.

Chef des Freiburger Rauschgiftdezernats selbst kokainabhängig geworden

Wie Kokain selbst denen zum Verhängnis werden kann, die seine Verbreitung bekämpfen sollen, belegte jetzt das Urteil im Verfahren gegen den ehemaligen Leiter des Freiburger Drogendezernats. Dieser muss eine Haftstrafe von zweieinhalb Jahren wegen Diebstahls von Kokain aus der Asservatenkammer der Polizei verbüßen. Das Landgericht Freiburg bestätigte am 31.10.2000 in einem Berufungsverfahren das im April dieses Jahres gefällte Urteil des Amtsgerichts. Der heute 47-jährige Beamte hatte gestanden, zwischen September 1997 und Februar 1998 rund 350 Gramm Kokain entwendet und konsumiert zu haben. Sowohl Verteidigung als auch Staatsanwaltschaft hatten Berufung gegen das erste Urteil eingelegt.

Der Angeklagte war nach eigenen Angaben süchtig geworden, nachdem er als verdeckter Vermittler Kokain konsumieren musste. Nach Ansicht der Richterin hätte er aber von Berufswegen wissen müssen, worauf er sich bei Kokain einlasse. Sie sah seine Steuerungsfähigkeit wegen der Kokainsucht nur teilweise eingeschränkt. Ein psychologisches Gutachten bescheinigte dem Angeklagten eine "eindeutig krankhaft seelische Störung" wegen seiner starken Kokainabhängigkeit.

Dennoch habe er auch auf dem Höhepunkt seines Drogenkonsums rational gehandelt und somit durchaus die Möglichkeit gehabt, der ständigen Versuchung des Kokains in der Asservatenkammer zu widerstehen. Der Angeklagte selbst habe den Genuss von Kokain als durchaus angenehm erlebt, habe dadurch den Stress im Beruflichen und Privaten bewältigen können und sei so in die Abhängigkeit gerutscht. So bleibt bei den Kokain-Berichten aus dem Berliner Reichstag nur die Frage offen, wann auch im Politikerviertel die erste Drogenambulanz öffnet.

Kokain gehört zu den gefährlichsten Suchtgiften

Bei Kokain - auch "Koks" oder "Schnee" genannt - handelt es sich laut Drogen- und Suchtlexikon (Berlin, 1999) um "eine weit verbreitete Droge mit hohem psychischen Abhängigkeitspotenzial". Die Droge zählt neben Heroin und Morphium zu den gefährlichsten Suchtgiften und ist in Deutschland nach dem Betäubungsmittelgesetz verboten. Erlaubt ist die Anwendung nur für einige medizinische Eingriffe am Auge. Das aus Kokain gewonnene "Crack" hat ein noch höheres Abhängigkeitspotenzial. Trotz staatlicher Bekämpfungsmaßnahmen steht Kokain nach Aussagen von Experten des Bundeskriminalamtes unbegrenzt zur Verfügung.

Kokain wird aus den Blättern der Coca-Pflanze gewonnen, die vor allem in Lateinamerika wächst. Bei den Inkas war das Kauen von Coca-Blättern Bestandteil religiöser Zeremonien. Kokain wurde erstmals 1855 von einem Deutschen aus den Blättern des Cocastrauches hergestellt. In Europa gab es danach Ende des 19. Jahrhunderts eine erste Kokain-Welle. Von Psychoanalytikern wie Sigmund Freud wurde der Stoff zur Behandlung seelischer Erkrankungen eingesetzt. In den "tollen Zwanzigern" wurde Kokain zu einer Modedroge für Intellektuelle, Künstler, Musiker und die Schickeria sowie die deutsche Unterwelt. Trotz staatlicher Bekämpfungsmaßnahmen erlebte der Stoff in den neunziger Jahren ein Comeback, vor allem als Droge in der Partyszene und bei der "Schickeria".

Hierbei wird eine "Linie" pulverförmigen Kokains durch ein Papierröhrchen in die Nase hochgezogen. Auch das Einreiben ins Zahnfleisch oder das Rauchen werden praktiziert. Die Schleimhaut nimmt den Stoff leicht auf, wird aber auf Dauer zerstört. Weniger üblich ist das Spritzen als wässrige Lösung. Ein Gramm kostet zwischen 100 und 200 Mark. Die Wirkung einer Prise hält eine Stunde an. Kokain steigert den Antrieb, wirkt leistungssteigernd und enthemmend, Hunger, Ermüdung und Ängste verschwinden. Es führt zu Bewegungsdrang, Euphorie, egozentrischem Selbstbewusstsein und erhöhtem sexuellem Lustempfinden. Körperliche Symptome sind Pupillenerweiterung, Hervortreten der Augäpfel und Pulsbeschleunigung. Nach dem Abklingen ist Niedergeschlagenheit häufig. Abhängige verlieren zunehmend die realistische Selbsteinschätzung und werden aggressiv. Eine Überdosis kann zum Gehirnschlag oder zum Herztod führen.

Der Kokain-Konsum führt auf Dauer zu einer extremen psychischen Abhängigkeit. Nach Experten-Schätzungen gibt es in Deutschland rund 330.000 Konsumenten, davon 90 Prozent in Westdeutschland und Berlin. Begleiterscheinungen des Konsums sind Angst- und Panikattacken sowie Realitätsverlust. Körperliche Entzugserscheinungen treten nicht auf, dafür in der Regel schwere Depressionen. Nach längerer Zeit ist die Wirkung immer weniger erfahrbar, was den Suchtreiz noch erhöht.

[Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 02. November 2000]

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