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Kranke Psyche durch chronische Aktivierung des Immunsystems: Molekulardiagnostik erkannte Psychoanomalie als ImmunstörungDüsseldorf/Dresden (03.11.2000) - Schon als Kleinkind brachte Martin seine Eltern durch seine permanente Unruhe und Hektik zur Verzweiflung. Der Junge konnte sich nicht konzentrieren, war häufig erschöpft und wies erschreckende Gedächtnislücken auf. Später kamen noch eine chronische Virusinfektion und Krampfanfälle hinzu, die ihn beinahe jeden Tag heimsuchten. Bald galt Martin als geistig zurückgeblieben. Die Ärzte standen vor einem Rätsel. Sie untersuchten das Kind von Kopf bis Fuß - und fanden nichts Auffälliges.Da Martins Zustand sich nicht verbesserte, wurde er schließlich in eine psychosomatische Klinik eingewiesen. Später absolvierte er Sitzungen beim Psychiater. Alles ohne Erfolg. Schließlich wurde Martin als psychisch krank abgestempelt, musste teilweise sogar eine Zwangsjacke tragen. Die achselzuckend verkündete Diagnose der Ärzte: "multifokale Epilepsie". Erfolglose Odyssee von Arzt zu Arzt Martins Schicksal ist geradezu ein Paradebeispiel für das, was viele Patienten mit chronischen Erkrankungen - ganz gleich ob Rheuma, chronische Müdigkeit, Neurodermitis oder kindliche Hyperaktivität - tagtäglich erleben. Sie ziehen mit ihren Beschwerden von Arzt zu Arzt, von Klinik zu Klinik - und niemand kann ihnen helfen. Üblicherweise endet die Geschichte so: Da keine körperlichen Ursachen für die Beschwerden gefunden werden, sucht man einen Sündenbock - und findet ihn in der angeblich kranken Psyche der Betroffenen. Das Ende vom Lied: Die Patienten werden mit Psychopharmaka ruhig gestellt und ergeben sich letztendlich in ihr Schicksal. Nicht so Martins Eltern. Sie konnten sich nicht damit abfinden, dass ihr Sohn als Epileptiker abgestempelt wurde und gaben sich mit der Diagnose nicht zufrieden. Ihnen verdankt Martin, dass seine Leidensgeschichte ein gutes Ende fand. Durch einen Zeitungsartikel erfuhren Martins Eltern von einer neuen Diagnostikmethode, einer Kombination aus körperlichem Leistungscheck, ausführlicher Blutanalyse und modernen molekularen Diagnoseverfahren. Mit Hilfe dieser standardisierten immunologischen Systemanalyse (SISA), die in etwa 90 Prozent der Fälle zur richtigen Diagnose führt, hatten schon viele vermeintlich psychische Erkrankungen als Fehlregulationen der körpereigenen Abwehr (des Immunsystems) entlarvt werden können. So auch bei Martin! Seine angebliche Epilepsie entpuppte sich in Wirklichkeit als eine chronische Aktivierung des Immunsystems, bedingt durch vielfältige Unverträglichkeitsreaktionen und Allergien. Dr. Ursula Müller, Leiterin des Düsseldorfer MedPlus-Institutes für Angewandte Immunologie und molekulare Medizin, in dem die Untersuchung durchgeführt wurde: "Unsere Analyse ergab bei Martin ein munteres Durcheinander an Intoleranzen gegenüber Nahrungsmitteln und eine extrem starke Allergie gegenüber Latex". Für Martin wurde daraufhin ein spezieller Speiseplan erarbeitet, der die für ihn gefährlichen Nahrungsmittel ausspart. Zudem wurde der Junge darüber informiert, wie er Latex, das in Martins Matratze ebenso enthalten war wie im Gummi seiner Socken, zukünftig aus dem Weg gehen kann. Mit durchschlagendem Erfolg. Martin, der heute 21 ist, leidet nur noch selten an Krampfanfällen; seine geistigen Leistungen haben sich deutlich verbessert. Martin kann heute ein beinahe normales Leben führen, was für seine Mutter noch immer wie ein Wunder ist. Fehlsteuerung als Krankheitsursache Nach Ansicht des Düsseldorfer Immunologen Dr. Arnold Hilgers, der den SISA-Test entwickelt hat, zeigt Martins Fall beispielhaft die Schwächen herkömmlicher medizinischer Diagnose- und Therapieverfahren bei chronischen Erkrankungen auf. "Meist wird nach den Erregern für eine Krankheit gefahndet, ohne zu erkennen, das des Rätsels Lösung im Immunsystem liegt", beklagt Hilgers. Der Wissenschaftler kann auf Untersuchungen an 12.000 Patienten verweisen, die in der Mehrzahl der Fälle einen "gestörten Informationsfluss" im Immunsystem (ausgelöst durch Umweltfaktoren, Pilze, Bakterien oder eben Nahrungsmittel) als Ursache der chronischen Krankheit belegen. Haben wir die Immunstörung mit unserer modernen molekularen Diagnostik erst einmal entlarvt, so Hilgers, können wir für den Patienten ein maßgeschneidertes Behandlungskonzept entwickeln, das fast immer zu einer deutlichen Verbesserung der Beschwerden führt. "Hier kommt ein völlig neuer Denkansatz in der Medizin zum Ausdruck, der von Fachleuten auch als "molekulare Medizin" oder "new medicine" bezeichnet wird", sagt der Wissenschaftler. Erstmals würden chronische Krankheiten als Folge individueller Fehlsteuerungen im Organismus erkannt, die man diagnostizieren und behandeln könne. Hilgers: "Bei der molekularen Medizin steht der Mensch im Vordergrund und nicht mehr das Krankheitsbild". Ein Grundsatz freilich, der trotz Hilgers schöner Selbstdarstellung keineswegs neu ist. Die Naturheilkunde vertritt das ganzheitliche Diagnostik- und Behandlungskonzept seit ihren Anfängen. Neu ist hingegen, dass mit den teilweise sehr teuren Analysetechniken Störungen auch auf molekularer Ebene nachgewiesen werden können. Etwa jeder dritte Deutsche leidet an einer Allergie So dramatisch die Auswirkungen in dem Fall des kleinen Martin auch waren - psychische Störungen durch eine chronische allergische Reaktion und Aktivierung des Immunsystems verursachen nur einen sehr kleinen Teil der psychischen Erkrankungen. Und keineswegs selten bleibt auch die teure Molekulardiagnostik ohne befriedigende Erklärung. Vor dem Hintergrund der stetig wachsenden Allergikerzahlen kann es jedoch sinnvoll sein, an die Möglichkeit einer immunologischen Mitbeteiligung oder Verursachung psychischer Auffälligkeiten zu denken, wenn eine qualifizierte psychopathologische Diagnostik ohne Erklärung bleibt. Etwa jeder dritte Deutsche leidet nach Ärzte-Angaben bereits an einer Allergie. Der Grund liege in einer Fehlleitung des Immunsystems, das "harmlose" Bestandteile der Umwelt als gefährlich ansehe und bekämpfe, teilte der Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA) anlässlich des Weltallergietages am 16.10.2000 mit. Patienten reagierten beispielsweise auf Pollen, Katzenhaare, Hausstaubmilben oder Schimmelpilze allergisch. Sie bekämen dann zum Beispiel Heuschnupfen, Neurodermitis und entwickelten Asthma. Schon Kinder unter einem Jahr wiesen häufig eine Allergie auf. Die Tendenz sei auch hier steigend, hieß es. Allerdings sucht nach Angaben des Verbandes nur rund ein Viertel der Betroffenen einen Arzt auf. Ohne Behandlung stellen sich jedoch bei rund 40 Prozent der Erkrankten nach rund acht Jahren chronische Beschwerden ein. Wer in der Kindheit vielen Schadstoffen ausgesetzt ist, leidet Hautärzten zufolge als Erwachsener seltener an Allergien. "Überspitzt könnte man sagen, wer seine Kinder in Dreck und Speck aufwachsen lässt, verhindert Allergien", sagte der Präsident der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, Prof. Erwin Schöpf (Freiburg) am 02.11.2000. Verschiedene Untersuchungen hätten gezeigt, dass es sich positiv auf die Gesundheit auswirke, wenn Kinder frühzeitig einen Infekt durchlebten. "Wir ziehen unsere Kinder zu steril auf", sagte Schöpf. "So kommt das Immunsystem später auf die Idee, gegen harmlose Umweltstoffe wie Pollen oder Milben allergisch zu reagieren." Statt als Eltern übertrieben darauf zu achten, dass sich die Kinder ja keinen Virus einfangen, sei es besser, das Immunsystem der Kleinen "abzuhärten". Kindergärten und kinderreiche Familien seien dazu gut geeignet. [Zitierweise dieses Beitrags: PSYCHOTHERAPIE, Bd. 1 (2000), Report: 03. November 2000] Zum Thema
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© 2000 PSYCHOTHERAPIE, Stuttgart PSYCHOTHERAPIE (ISSN 1616-3753) erscheint im ABARIS Institut für Moderne Psychotherapie und Verhaltenstherapie, Stuttgart. Vervielfältigung nur mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers. |
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